Hitler beim Rasieren

Nikolaos Gyzis - The barber (Quelle: Wikiart)

“Anne, komm rein! Willst Du einen Tee?”

“Ja, wenn wir noch nicht gleich fahren wollen, gerne.”

“Ja, Manfred ist noch im Bad. Er wollte sich noch rasieren. Meine Eltern wollten ja nachher auch kommen. Da ist ihm das lieber.”

“Na, er macht sich wohl nur noch für Deine Eltern schick.”

“Nein, sooo ist es ja auch nicht…” Nina nahm ihr den Mantel ab.

Sie hatten sich gerade hingesetzt und sich eine Tasse warmen Tees eingegossen, als sie Geräusche aus dem Bad hörten. Es war wie ein Rumoren, dann folgte ein Rumpeln.

Anne hob ihre Augenbrauen, doch Nina wiegelte ab. Sie kehrten schnell zu ihrem Gespräch zurück, doch lange ließen sich die folgenden Geräusche aus dem Bad nicht ignorieren. Vor allem nicht, als sich plötzlich darunter ein Brüllen mischte.

“Nina, willst Du nicht…?”

“NACH DEM VERLORENEN KRIEG IST DERR DOITSCHE BARRT WIEDER AUFERSTANDEN!” schallte es schließlich durch die ganze Wohnung.

Nina seufzte und setzte ihre Tasse ab. “Das ist nichts! Es ist nur…”

“NIEMALS WERRDEN WIR NACHGEBEN, DENN DAS RRECHT STEHT AUF UNSERRERR SEITE. DERR FRREIE DOITSCHE BARRT IST UNSERR HEILIGES ZIEL!”

Annes Gesichtsausdruck hatte inzwischen eine leichte Bläße angenommen.

“Manfred rasiert sich nur. Das passiert jedem Mann beim Rasieren. Es ist unvermeindlich, dass jeder Mann da kurz zum…”

“WIRR HABEN DAS RRECHT UNS ZU VERTEIDIGEN UND WIRR WERRDEN UNS VERRTEIDIGEN. BIS ZUM LETZTEN HAARR!”

“…zum Hitler wird,” beendete Nina den Satz.

“Wie? Ich verstehe nicht ganz?”

“Na, wenn er sich rasiert und dann der Oberlippenbart…”

Im Bad polterte es. Dann folgte ein Geräusche wie das Rasseln von Ketten, schließlich ein beunruhigendes Knirschen wie ein sich wendender Panzer. “IN RREIH UND GLIED STEHT DAS DOITSCHE HAARR, UM FÜR DEN HEILIGEN BARRT ZU KÄMPFEN. WIRR WERRDEN…”

Nina sprang auf. “Entschuldige mich!” Sie machte zwei Schritte zur Tür, als ob sie es nicht eilig hätte, dann sah Anne, wie Nina doch zur Badtür stürzte.

Es folgte ein Schrei. “DER HEILIGE DOITSCHE BARRT WIRRD NIEMALS…

“JETZT GIB MIR ENDLICH DEN RASIERER!”

“NEIN! DAS DOITSCHE WEIB HAT ZU GEHORCHEN!”

Wieder folgte Gerumpel, das Knirschen von Holz, das Purzeln von Verpackungen, das Spritzen von Wasser.

“NEEEEIN!”

Dann war Stille.

Nina kam zurück, strich sich das Haar zurecht und setzte sich wieder.

Anne sah sie fragend mit offenem Mund an, aber Nina winkte nur mit der Hand, während sie wieder ihre Tasse aufnahm. “Der kleine Faschist im deutschen Mann ist schon wieder verschwunden,” sagte sie nur und schlürfte eine Schluck ihres heißen Tees.

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Freizeitkämpfer

Francisco Goya - Boys playing soldiers (Quelle: Wikiart)

Der Gabelstapler wurde zurückgesetzt. Dann wieder ein paar Zentimeter vor, dann nochmal zurück, damit der Winkel auch genau stimmte…

“Paßt!” hallte durch die große Lagerhalle.

Über die gesamte Fläche der sich scheinbar ins Endlose fortsetzenden Halle waren sorgfältig Paletten und Kisten platziert worden, während die Arbeiter in ihrem neon-farbenen Sicherheitswesten sich vorbereiteten. “Wer hat eigentlich die Gewehre dabei?”

Eine Hand schoß in die Höhe. Es wurde genickt.

“Diesmal werden wir sie alle umbringen,” zischte Werner, ein 53jähriger, übergewichtiger Staplerfahrer hervor. Er war bereits seit über 15 Jahren bei dem Logistikunternehmen beschäftigt. Jeder hatte ihn auf seinem Gabelstapler langsam fett werden sehen. Die Zeit war nicht gnädig mit ihm umgegangen. Doch die Niederlagen der letzten Zeit hatten ein Feuer in ihm entfacht…

Antoinette klopfte ihm auf die Schulter. “Wir werden sie alle erwischen.”

“Sie kommen! Sie kommen!” rief eine Stimme von der Gallerie herab.

“Dann mal los!”

Zwei Hände griffen die schwere Kiste mit den Waffen und dann rückte die Mannschaft aus: Über zwei Dutzend Angestellte des Lagerhauses traten aus der Deckung der Hochregale hervor. Wie eine einzige Masse wendeten sie sich um und gingen ganz langsam den Gang hinunter, niemals ließen sie den Blick von denen die sie an derem Ende erwartete.

Dort hatte sich eine zweite Mannschaft aufgebaut. Die Hände an den Gürteln, die Krawatten gelockert, der Rauch der letzten Zigaretten schwebte noch um sie herum, entgegnete die Buchhaltung den Blick der Lagerarbeiter, bis sich beide Gruppen direkt gegenüber standen.

Es wurde kein Wort gesprochen, während man sich gegenseitig abschätzte.

“Ihr seid tot. Ihr wißt es bloß noch nicht…” zischte Werner.

“Wart’s ab!” lachte Aya, deren müde Augen sich erst einmal daran gewöhnen mußten, dass sie nicht länger den Monitor ihres Computers mit der Buchungsmaske der Bank anstarrten. Dann zeigte sie ihre Zähne, ließ ihre Zigarette auf den Boden fallen und trat sie aus.

Zwei der Arbeiter traten hervor und ließen zwischen den beiden Gruppen die schwere Kiste auf den Boden fallen. Ihr Scharnier sprang auf und unter ihrem Deckel kamen die glänzenden Waffen zum Vorschein: Phaser der neusten Generation, 2 Kilogramm schwer, batterie-betrieben, Reichweite des Lasers über 100 Meter.

“Keine Gnade?” fragte Harald, der vor dem Rest der Buchhaltung stand.

“Keine Gnade!” antwortete Werner.

Dann begann sich jeder zu bewaffnen. Langsam gingen die beiden Mannschaften aneinander vorüber, während sich jeder eine der Waffen griff, herausfordernde Blicke heizten die Spannung weiter an. Es schien Ewigkeiten zu dauern bis jeder sich bewaffnet hatte und alle die dazu gehörigen schweren Westen übergestreift hatte.

“Na, dann fehlt ja nur noch eins…”

“Moment! Seit ihr sicher, dass der Chef weg ist?” fragte Harald zur Sicherheit noch einmal nach.

“Na sicher. Ihr müßt keine Angst haben, dass er sieht wie wir euch massakrieren.”

Harald lachte. “Das werdet ihr uns zeigen müssen…” lachte er und brachte seinen Phaser in den Anschlag.

In diesem Moment erlosch schlagartig das Licht in der Halle. Es knisterte in der Lautsprecheranlage und dann begannen die ersten Riffs eines Metallica-Songs durch die Halle zu dröhnen.

“Ach, Scheiße! Wer hat jetzt schon wieder Metallica aufgelegt,” rief Antoinette aus.

In diesem Moment traf sie ein Laserstrahl und ihre High-Tech-Weste begann in farbigen Lichtern zu explodieren, als die darin eingearbeiteten LEDs aufflammten.

“First Kill!” schrie jemand in der Dunkelheit. “First Kill!”

“Du Arsch!” schrie Antoinette. “Wir haben doch noch nicht einmal richtig angefangen…” Doch ihr Ausruf ging im Kampfeslärm um sie herum unter, während Laserfeuer um sie herumzuckte, Männer und Frauen zwischen den Deckungen hin- und hersprangen und sich dabei Befehle zuriefen.

“Ich hasse Lasertag!” sagte Antoinette zu sich selber. Im Lärm der Musik und des Gefechtes konnte sie sowieso niemand anderes hören. Sie legte sich auf den Boden, wie es die Regeln verlangten und ihr Hände umklammerten dabei fest ihre Waffe. Sicher war es Norbert aus der Lohnabteilung gewesen, der sie abgeschossen hatte. Er hatte es ja immer auf sie abgesehen. Dafür würde er bezahlen, schwor sie sich selber, während sie zusah wie um sie herum das farbige Lichter der Laser durch das Gebäude tanzten, das einmal eine Lagerhalle gewesen war. Jetzt gab es keine Kollegen mehr, es gab nur noch Kämpfer. Antoinette biß auf ihre Lippe, wischte sich den Schweiß ihrer Hände ab und faßte ihre Waffe noch fester, während sie sich eine Strategie überlegte, um in die Stellung des Gegners einzudringen und den Kampf mit ihrem Erzfeind zu suchen.

Ein Grinsen der Vorfreude breitete sich in ihrem Gesicht aus.

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Im Backshop

Jan van Bijlert - Pulling of the Pretzel (Quelle: Wikimedia Commons)

“Wo sind die Brezeln? Die für 29 Cent.”

“Die sind gerade im Backofen. Sie brauchen noch 2 Minuten.”

“Wieso haben schreiben Sie dann dass sie ständig frische Brezeln für 29 Cent haben?”

“Wir haben gleich wieder welche. Nur 2 Minuten.”

“Das ist doch Betrug… Sie locken die Kunden in ihren Laden, dabei haben sie doch gar keine Brezeln…”

“Nur zwei…”

“Sie haben keine. Sagen Sie es doch einfach! Sie haben keine Brezeln. Das ist Falschwerbung!”

“Wir haben dort drüben noch…”

“Große Brezeln für 99 Cent. Glauben Sie die will ich kaufen? Sie werben mit den Brezeln für 29 Cent. Nicht mit denen für 99 Cent. Wissen Sie wie man das nennt? Unlauteren Wettbewerb. So nennt man das was sie machen.”

“Wir haben gleich wieder…”

“Beschweren sollte man sich! Seien Sie mal ehrlich: Ist das Ihr Fehler oder der von ihrem Laden?”

“Nein, es war bloß gerade einige…”

“Jaja, als ob sie das zugeben würde. Sie wissen ja nicht einmal wie man diesen Laden hier führt. Was wissen Sie überhaupt etwas von dem was sie hier machen?”

“Brezel. Abgeleitet vom pretiola oder auch von brachium, je nachdem welche Literatur man konsultiert. Der Name pretiola spielt auf die Legende an, dass Mönche Brezeln bucken, um Kindern für gelernte Bibellektionen zu belohnen. Brachium hingegen leitet sich von dem lateinischen Begriff für Arm ab, und spielt damit auf die Form an. Die genaue Herkunft läßt sich nicht mehr recherchieren, wird aber häufig im 7ten Jahrhundert vermutet. Auch der Ursprungsort der Bretzel ist heute nicht mehr zu finden: Sowohl Süddeutschland, wie auch Italien und das westliche Frankreich werden genannt. Gesichert ist nur, dass die Brezel erstmals bildlich in der elsässischen Encyklopädie Hortus deliciarum von 1160 auftaucht und im gleichen Zeitraum auch als Symbol der Bäckergilden genutzt wurde, obwohl die Brezel vor allem eine wichtige kirchliche Rolle als Fastenspeise spielte. Gerade einfache, ungesüßte Brezeln waren dabei so wichtig, das vielerorts bis ins 19te Jahrhundert die Fastenzeit als Brezenwochen bezeichnet wurde. Diese Verbindung zwischen Glauben und Brezel ging soweit, dass der heilige Bartholomäus im Gebetsbuch der Katharina von Cleve von Brezeln umgeben dargestellt wurde, als Symbol seiner Frömmigkeit. Die heute so beliebte Laugenbrezel hingegen ist neueren Usprungs und wird dem Münchnern Hoflieferanten Johann Eilles zugeschrieben, der sie 1839 für einen Staatsempfang erfand. Was sie hier also für 29 Cent haben wollen ist ein für den Adel verfeinertes religiöse Gebäck mit einer Geschichte von mehr als 1000 Jahren.”

“…was? …woher wissen Sie das denn alles?”

“Ich habe einen Doktor in Kulturgeschichte…”

Im Hintergrund klang ein helles Läuten auf.

“…und jetzt sind auch ihre Brezeln fertig.”

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Stockholmsyndrom

Boris Kustodiev - The Christmas Tree Bargain (Quelle: Wikipaintings)

Tag 14
Sie machen jetzt ernst. Überall haben sie die Dekorationen aufgezogen. Es wird keinen Aufschub mehr geben. Ich muß durchhalten.

Tag 17
Sie versuchen mir ein gefährliches Heißgetränk namens Glühwein einzuflößen, das aus Alkoholflüssigabfällen besteht, die mit Gewürzen genießbar gemacht werden. Ich konnte es abwehren. So leicht falle ich nicht auf ihre Tricks herein.

Tag 19
Jeden Tag versuchen sie mich nun davon zu überzeugen ihre Süßigkeiten zu essen. Es ist widerliches Zeug namens Lebkuchen und sogenannte Plätzchen. Miniaturzuckerbomben, mit der sie mich zuckerkrank machen wolle. Ich durchschaue ihre Absichten und ich vermute, dass sie wissen, dass ihre plumpen Versuche mich gefügig zu machen nicht fruchten. Ich muß vorsichtig sein.

Tag 22
Der akustische und visuelle Terror ist nun überall auf den Straßen sichtbar. Man kann ihm nicht mehr entkommen. Ich habe mich dabei ertappt wie ich eine der Melodien mit dem Fuß mitgewippt habe. Ich muß wachsam bleiben.

Tag 24
Heute bin ich zum ersten Mal einem ihrer Vollstrecker begegnet, einem bärtigen Mann in blutgetränkter Kleidung, der mein Leiden mit Lachen begleitete. Es ist grauenhaft. Ich weiß selber nicht mehr, wie ich durchhalten soll.

Tag 27
Es ist unmöglich noch normale Lebensmittel zu bekommen. Berge von Zuckerbomben versperren den Zugang zu den Supermärkten. Noch habe ich Vorräte im Eisschrank.

Tag 30
Die Vorräte sind aufgebraucht. Ich befürchte das Schlimmste.

Tag 33
Ein Moment der Schwäche. Einer von ihnen hat mir Glühwein eingeflößt als ich mich nicht wehren konnte. Ich bin jetzt noch am zittern. Der bloße Gedanke, wie das Gesöff meinen Gaumen geschmeichelt hat, löst Panikschübe aus.

Tag 34
Ich konnte nicht widerstehen. Der Hunger war zu groß. Ich habe einen dieser Lebkuchen gegessen und jetzt bin ich abhängig. Ich kann nicht genug von dem Zeug bekommen. Ich habe mir eine Kilopackung im Supermarkt gekauft und sie auf einmal aufgegessen. Danach habe ich mich erbrochen. Aus purer Verzweiflung über die Aussichtlosigkeit meiner Lage habe ich danach stundenlang geweint. Wie konnte es soweit mit mir kommen?

Tag 36
Eine von ihnen hat mir etwas geschenkt, “weil ich momentan nicht so gut aussehen” würde. Sie hat das nur getan, damit ich zu einem von IHNEN werde. Dennoch spürte ich wie mir warm ums Herz wurde. Ich darf nicht schwach werden! Ich darf nicht schwach werden!

Tag 39
Sie sind alle so nett zu mir. Es ist schrecklich.

Tag 41
Im Glühweinrausch habe ich mit einem ihrer Vollstrecker fraternisiert. Es gibt Beweisfotos. Ich erkenne, dass ich nur noch ein Schatten meiner selbst bin.

Tag 44
Sie haben mich eingeladen und geben mir Geschenke! Wieso geben sie mir alle Geschenke? Ich kann nicht mehr.

Tag 45
Mein Selbstwertgefühl, meine ganze Widerstandsfähigkeit sind verloren. Ich habe kapituliert. Heute abend werde ich Lieder mit ihnen singen. Ich weiß, dass sie mir wieder Glühwein einflößen, Lebkuchen zu essen geben und mich mit ihrer Freundlichkeit ersticken werden. Falls es irgendwo dort draußen noch Hoffnung gibt, ich kann sie nicht mehr finden.
Weihnachten ist stärker als ich.

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-config kaffee

Ivana Kobilca - Coffee drinker (Quelle: Wikimedia Commons)

Dienstag, der 23ste

Liebe Kollegen,

Vielen Dank, dass Ihr Euch darum bemüht habt, das nun wir – die IT-Abteilung – sich um die Kaffeemaschine kümmern darf. Durch unseren hohen Kaffeekonsum kennen wir uns perfekt damit aus. Und Technik ist Technik, richtig?
Wir werden in unserer folgenden Amtszeit neue Akzente im Kaffeemaschinenbetrieb setzen, die dem hohen Niveau unserer kollegialen Zusammenarbeit gerecht wird.

Mit freundlichen Grüßen


Donnerstag, der 2te

Liebe Kollegen,

Wir haben in einem ersten Schritt das Betriebssystem der Kaffeemaschine von dem prioritären Windows CE zu einem eigens programmierten Derivat des Open Source-Betriebssystems FreeBSD umgestellt. Damit wir alle von nun an Open Source-Kaffee genießen können.

Mit freundlichen Grüßen


Montag, der 6te

Liebe Kollegen,

Weil es zu Verwirrung gekommen ist: Bevor die Maschine einen Open Source-Kaffee ausgeben kann, müssen Sie der Open Source-Lizenz (GNU General Coffee License) zustimmen. Wir bedauern, dass das Display der Kaffeemaschine so klein ist und deswegen die 34 Seiten der Lizenz so schlecht zu lesen sind.

Mit freundlichen Grüßen


Mittwoch, der 15te

Liebe Kollegen,

Nachdem es mehrfach Beschwerden über den Geschmack des Kaffees gegeben hat, haben wir ein Terminal (Monitor, Tastatur) eingebaut, wo sich jeder seinen Kaffee selber zusammenstellen kann.
Geben Sie einfach “-config kaffee” in das Terminalfenster ein.

Mit freundlichen Grüßen


Freitag, der 17te

Liebe Kollegen,

Es gab offensichtlich einige Verwirrung bei der Bedienung des Terminals. Hier eine kurze Anleitung.
Geben Sie es als erstes “-config kaffee” ein. Danach müssen Sie die Parameter ihres Kaffees eingeben.
Mit “k” geben sie den Grad der Körnung an. “c” steht für die Wassertemperatur. “w” für die Wassermenge. “z” für den Zuckeranteil. “m” für den Milchanteil.
Man muß also beispielsweise nur ganz einfach “-config kaffee k42 c115 w250 z0 m0” für einen ganz normale Tasse brühwarmem Kaffee eingeben.
Für Espresso und Cappuccino variiert man entsprechend Wassermenge, Körnung und Milchanteil.
So kann sich jeder nun endlich seinen ganz eigenen idealen Kaffee zusammenstellen.

Mit freundlichen Grüßen


Mittwoch, der 22ste

Liebe Kollegen,

Wegen mutwilliger Sachbeschädigung des von uns aufgestellten Terminals waren wir nun leider gezwungen die Kaffeemaschine zu reparieren. Sie kann jetzt bis auf weiteres nur noch über ein Arduino-Bord (blaue Schaltplatte) mit Überbrückungselemente bedient werden.
Die genaue Konfiguration für einen Kaffee kann dem unten angehängten Schaltplan entnommen werden.
Bitte beachten: Die Widerstände bitte nur sanft in die Platte eindrücken.

Mit freundlichen Grüßen


Montag, der 27ste

Liebe Kollegen,

Die Abteilung Buchhaltung hat nun freiwillig die Pflege und Wartung der Kaffeemaschine übernommen.

Mit freundlichen Grüßen

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Der sowjetische Toaster

Nikolaos Gyzis - Table or Bread (Quelle: Wikiart)

“Also wir wohnten damals neben diesem Gruppenübungsplatz der Russen. Oder Sowjets waren das ja damals. Die Rote Armee auf jeden Fall. Und Erich hatte diesen Toaster. Brotröster hieß das ja damals. Den hatte er aus…”

“Aus Moskau. Ich war Held der Arbeit geworden und durfte deswegen nach Moskau fahren. Und da gab es diesen Toaster und den habe ich mitgebracht. Wir hatten ja keinen.”

“Genau. Also dieser sowjetische Toaster. Der stand bei uns in der Küche. Die war ja nicht groß. Das ganze Haus war nicht groß. Auf jeden Fall fing der eines Tages an zu singen.”

“Das glauben Sie echt nicht. Wir hörten dieses Singen und durchsuchten das ganze Haus und dann war es der Toaster.”

“Aber nicht nur Singen.”

“Nein, nicht nur Singen.”

“Der Toaster sprach Russisch.”

“Also ich glaube es war ja immer noch dieser Sender, den die Russen da hatten. Aber…”

“Erich, das ist jetzt nicht wichtig. Das Wichtige ist, dass der Toaster dauert Russisch sprach. Das Singen am Anfang, das war nur kurz. Aber dann hatte der die ganze Zeit auf Russisch gesprochen. Wir haben sofort verstanden, dass das was mit den Russen – also den Sowjets, der Roten Armee – zu tun hat.”

“Ja, was meinen sie was wir für einen Schreck bekommen haben. Da hatten wir jetzt diesen Toaster und der hörte dauernd die Nachrichten von den Russen mit.”

“Ja, erschrocken haben wir uns ordentlich. Das war ja bestimmt der Militärfunk. Das ist dann ja Spionage. Dabei war es nur der Toaster.”

“Und rausschmeißen konnten wir den doch auch nicht. Wir hatten ja keinen anderen Toaster. Sowas war ja damals Mangelware.”

“Aber das dauernde Gespreche! Auf Russisch! Wir hatten so eine Angst, dass das jemand mithört…”

“Ja, vor allem wegen der Stasi.”

“Ja, genau.”

“Dann hätte unsere Bianca ja nicht studieren dürfen. Und uns hätten sie eingebuchtet.”

“Bestimmt!”

“Wir haben alles getan, damit niemand in die Küche geht.”

“Aber das Haus war ja nicht groß.”

“Nein, das war nicht groß.”

“Also hatten wir immer Angst, wenn jemand mal zum Kaffee kommt. Das der Toaster zu sprechen anfängt. Man wußte ja nicht wer damals bei der Stasi war und wer nicht.”

“Da mußte ja nicht mal bei der Stasi gewesen sein. Reichte ja dass Dich jemand verpetzt.”

“Und das alles nur wegen dem Toaster.”

“Aber das ging erstmal ganz gut. Einmal fing der Toaster an, gerade als ein paar Bekannte zum Kuchen da waren. Aber die haben das nicht verstanden. Wir haben dann irgendwas erzählt… Was haben wir eigentlich erzählt?”

“Ich weiß auch nicht mehr. Auf jeden Fall ging das erstmal gut.”

“Genau. Bis dann…”

“Ich bin mir immer noch sicher, dass das Dein Bruder bei unserer Familienfeier war.”

“Was?”

“Der uns nach der Familienfeier bei der Stasi angeschwärzt hat. Dein Bruder hat mich noch nie gemocht.”

“Erich, lass es doch mal. Der Konrad ist jetzt auch schon 10 Jahre tot.”

“Ja, ich will das nur noch einmal gesagt haben: Ich bin mir sicher, dass das Dein Bruder war, weil der hatte immer etwas gegen mich. Erinnerst Du Dich wie der damals als ich wegen der Verlobung bei Deinen Eltern…”

“Erich, das ist jetzt nicht wichtig. Auf jeden Fall kam dann die Stasi.”

“Ja, mit zwei Beamten.”

“Genau. Zwei Beamte kamen rein, setzten sich bei uns an den Tisch und sahen uns erst einmal so an.”

“Gott, was hatten wir für eine Angst. Wir kannten ja alle die Geschichten von Bautzen und so.”

“Die saßen erst einmal nur am Tisch und haben geguckt. Und wir mußten denen gegenüber sitzen.”

“Ich hatte noch nie so Angst in meinem Leben.”

“Und das alles wegen dem Toaster! Wir haben versucht das denen zu erklären.”

“Genau. Ich hatte den Toaster ja aus Moskau. Das war ein sowjetischer Toaster. Kein Wunder, dass der die Übertragungen der Russen aufgefangen hat. Wobei, das waren ja Sowjets damals.”

“Die haben uns aber nicht geglaubt.”

“Nein, die haben uns nicht geglaubt.”

“Haben uns Fragen gestellt, ob wir Kontakte mit dem Ausland haben. Damit meinten die natürlich den Westen.”

“Die haben uns für Spione gehalten.”

“Ja. Und ich habe dann den Toaster geholt und vor ihnen auf den Tisch gestellt und gesagt: So, das ist er. Der spricht Russisch. Da hat der eine dann gelacht.”

“Schrecklich war das.”

“Ganz schrecklich. Wir sahen uns schon irgendwo… Also das die uns mitnehmen.”

“Aber dann fing er an.”

“Ja, dann fing er an. Spielte plötzlich die Internationale. Einfach so.”

“Ja, das müssen Sie sich vorstellen: Da sitzen wir zu viert um den Tisch. Auf der einen Seite die Stasi und auf der anderen Seite wir und zwischen uns dieser Toaster, der die Internationale spielt.”

“Schrecklich war das.”

“Ganz schrecklich.”

“Naja, die sind dann gegangen und haben den Toaster mitgenommen. Haben gesagt, dass sie sich den erst einmal anschauen müßten. Und sich noch einmal melden würden.”

“Das ist dann aber nicht passiert.”

“Nein, ist nicht passiert. Wir haben nie wieder etwas von denen gehört. Bis 1989 nicht. Und den Toaster haben wir natürlich auch nicht zurückbekommen.”

“Nein haben wir nicht.”

“Den hat bestimmt einer von denen bei sich zuhause hingestellt.”

“Bestimmt. So ein sowjetischer Toaster ist ja was besonderes gewesen. Der hat ja gut geröstet. Nur das mit dem Sprechen, das hätte er nicht tun sollen.”

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Fitness

Peter Paul Rubens - Old woman with coals (Quelle: Wikimedia Commons)

“Frau Hermann, wie schön wieder von Ihnen zu hören,” rief Bastian ins sein Headset und schlug dabei bereits jetzt schon seine Hände über dem Kopf zusammen, obwohl das Telefongespräch doch kaum begonnen hatte.

“Ja, Herr Bastian. Schön Sie wieder einmal zu sprechen. Sie… ich habe da mal eine Frage…”

“Ja, Frau Hermann, natürlich. Natürlich haben Sie eine Frage…”

“Also… Ich habe ja jetzt dieses Smartphone mit der Äpp von Ihrer Versicherung.”

“Ja, unsere Generali-Fitness-App genau. Wie man die installiert habe ich ja in unseren letzten 7 Gesprächen erklärt. Sie ist doch noch installiert?” Er versuchte ein leichtes panisches Zittern seiner Stimme zu unterdrücken.

“Aber selbstverständlich, Herr Bastian. Ich möchte doch so gerne den Rabatt haben…”

“Ja, unseren Fitness-Rabatt.”

“Richtig, den Fitness-Rabatt. Und ab wieviel Punkte gab es noch einmal das Meißen-Service?”

“Ab 5000 Punkte, Frau Hermann. Aber Sie rufen bestimmt nicht an, weil Sie schon 5000 Punkte haben. Oder sind sie über das Wochenende mehr als 5 Marathons gelaufen?” Er wollte schon lachen, als sie antwortete…

“Herr Bastian, woher wissen Sie das?”

“Wie bitte?”

“Haben Sie mit meiner Tochter gesprochen?”

“Ich verstehe nicht ganz. Moment, lassen Sie mich…” Er rief hastig auf seinem Monitor die Kundendaten auf. Dann starrte er einfach nur sprachlos auf den Bildschirm.

“Herr Bastian? Herr Bastian, sind Sie noch dran…?”

“Frau Hermann, Sie haben… Wie haben Sie das? Also Sie müssen… Das ist doch ein Messfehler, oder?”

“Herr Bastian, ich bin immer wieder von Ihnen begeistert. Wirklich! Wie Sie das immer erraten! Sehen Sie diese Äpp hat einfach nicht registriert, dass der Triathlon nach dem Laufen ja noch nicht zuende war. Da kam ja noch die Fahrradstrecke…”

“Frau Hermann, Sie sind 83!”

“…Was wollen Sie mir damit sagen, Herr Bastian?”

“Ich…” Er schluckte. “Ich bin begeistert von Ihrer Ausdauer.”

“Haha, das sagen Georg, Heinz und Waldemar ja auch immer. Sehen Sie, seitdem ich mit dem Yoga angefangen habe, habe ich ein ganz neues Körpergefühl. Registriert die Äpp eigentlich auch den Tantrakurs?”

“Frau Hermann, ich…”

“Ich finde das ist durchaus eine berechtigte Frage.”

“Ja, Frau Hermann. Wir sind bloß…”

“Funktioniert diese Äpp eigentlich auch in Jamaica. Ich wollte dort einige Freunde von mir treffen und dachte mir, dass ich das auch als Sport…”

Reflexhaft schlug Bastians Hand auf den “Anruf beenden”-Knopf. Die Bewegung war so laut und heftig, dass sie durch das ganze Großraumbüro knallte. Seine Mitarbeiter sahen mit ihren blutunterlaufenen, halb geöffneten Augen zu wie Bastian aus dem Raum lief. Dann ergaben sie sich wieder ihrem Schicksal.

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