Schulanfang

Albert Anker - The school exam (Quelle: Wikiart)

“Ich mußte einfach noch einmal vorbeikommen. Am Elternabend war ja doch keine Zeit, um alles zu besprechen. Es geht nämlich um die Sitzordnung in der Klasse meines Sohnes.”

“Ah ja, die Sitzordnung hatten wir ausgelost.”

“Ja, das habe ich mitbekommen. Das Losverfahren. Aber ich muß einfach noch einmal erwähnen: Mein Jonathan ist durch seinen Sitzplatz schon etwas benachteiligt.”

“Was meinen Sie? Er sitzt in der dritten Reihe.”

“Ja, aber das ist ja nicht der einzige Nachteil seines Platzes.”

“Meinen Sie damit, dass er neben Mustafa sitzt?”

“Das haben Sie jetzt gesagt… Aber ja, da sitzt dieser Junge.”

“Mustafa.”

“Wie auch immer. Ich möchte ja nur, dass Jonathan richtig Deutsch lernt.”

“Warum sollte er das nicht tun?”

“Nun, dieser Junge…”

“Mustafa.”

“Ja, dieser Mustafa, der spricht ja nicht richtig Deutsch.”

“Es stimmt schon, dass Mustafa noch etwas Schwierigkeiten hat. Er ist ja erst kürzlich nach Deutschland gekommen. Aber Jonathan kann Mustafa sicherlich dabei helfen sich zu integrieren.”

“Aber es gibt da doch noch diesen anderen Jungen in der Klasse. Darshun…”

“Darshan.”

“Genau. Mit dem kann sich der Mustafa doch integrieren. Ich bin sicher Mustafa und Darshan werden sich prächtig verstehen.”

“Darshan sitzt aber bereits neben Amelie, und Amelie und Darshan verstehen sich bereits prächtig. Glauben Sie nicht auch, dass sich Ihr Jonathan und Mustafa gut verstehen könnten?”

“Nein. Also… Darauf kommt es ja nicht an. Ich will ja nur das Beste für Jonathan. Also, dass er gute Noten hat.”

“Es tut mir leid, ich glaube nicht, dass ich jetzt die gesamte Sitzordnung wieder durcheinander…”

“Aber das möchte ich doch garnicht. Das ist doch dieser Mustafa, der hier alles durcheinander bringt. Ich will doch nur, dass mein Jonathan…”

“Ich glaube Sie gehen jetzt besser.”

“Verstehe ich Sie jetzt richtig? Ich mache Sie hier auf Mißstände in ihrer Klasse aufmerksam und sie möchten, dass ich gehe?”

“Ich habe gerade heftige Kopfschmerzen bekommen.”

“Sie können sich jetzt aber nicht mittels einer Krankheit aus der Verantwortung stehlen. Das möchte ich nur einmal gesagt haben.”

“Bitte gehen Sie!”

“Nun gut, ich gehe. Aber solange mein Jonathan in Ihrer Klasse ist, komme ich wieder. Ich tue alles für meine Kinder.”

“Ich bin mir sicher, sie werden es Ihnen eines Tages danken.”

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Brandanschläge

Joseph Wright - A cottage on fire (Quelle: Wikiart)

Jeden Tag wird Deutschland von neuen Nachrichten erschüttert, dass wieder eine Flüchtlingsunterkunft ein Raub der Flammen wurde. Die Reaktionen sind Erschütterung und Scham über die rassistisch motivierten Straftaten. Ein Mann, der jedes Mal persönlich betroffen ist, ist Horst Brand, Pyrotechniker.

Horst Brand leitete bereits seit fast 20 Jahren ein Familienunternehmen, das auf eine 100-jährige Geschichte zurückgucken kann. Mitglieder der Familie Brand haben bereits für die Deutschen Fürsten Feuerwerke veranstaltet als Deutschland noch ein Kaiserreich war. Doch derzeit fürchtet Horst Brand um seinen Betrieb: “Jedes Mal wenn wieder eines der Flüchtlingsheime brennt wird das als Brandanschlag bezeichnet. Dabei habe ich und mein Unternehmen damit überhaupt nichts zu tun!” ruft Brand energisch.

Dabei kann man Brand sicherlich nicht unterstellen, dass er Sympathien für Rassisten hätte. Bereits seit Jahren engagiert er sich für Asylsuchende in seiner Heimatstadt und er ist stolz darauf, dass sein kleines Familienunternehmen inzwischen 5 von ihnen beschäftigt. Gerade deswegen will er nichts mit Gewalttätern zu tun haben: “Mir geht es ja wie den meisten Deutschen. Aber mein guter Name steht auf dem Spiel,” sagt Brand mit einer gewissen Resignation.

Schnelle Lösungen kann Horst Brand nicht anbieten. Zuerst hatte er noch versucht die Verwendung des Begriffes “Brandstiftung” und “Brandanschläge” zu vermeiden, aber nach den Ereignissen der letzten Tage und Wochen sie sind inzwischen viel zu gebräuchlich geworden. Inzwischen versucht der Geschäftsmann seine Umgebung davon zu überzeugen wenigstens seinen Namen herauszulassen: “Warum nennen wir es nicht einfach Terrorismus? Das ist es doch, worum es denen geht. Sie wollen Terror und Angst verbreiten, also bitte nennt es doch einfach auch so.” Bisher ist Brands Aufruf ungehört verhallt.

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Zur Seefahrt

Ivan Aivazovsky - Storm at Sea (Quelle: Wikipaintings)

Flucht durch das Meer der Menschen,
überall drumherum gefährliche Gewässer
und im Nebel singen Sirenen:
“Mauern schützen vor fortschreitender Flut!”
Doch nur Navigation rettet die Reisenden
und Orientierung die vermeintlichen Wächter im Watt.

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Keine Sklaven für Deutschland

Gustave Boulanger - Le marchè d'esclaves (Quelle: Wikipaintings)

Heribert Schmitz vom Deutschen Dachverband für Sklavenhandel (DDSH) wirft entnervt die Hände in die Höhe. “Es ist nicht zum Aushalten,” ruft er frustriert. Schmitz hat Grund sich zu ärgern: Jahrzehntelang hat sich sein Verband bemüht die Arbeitsverhältnisse in Deutschland zu verändern. Nun – kurz vor dem Durchbruch – steht sein Verband vor einem Scherbenhaufen. “Unser Ziel war immer, dass andere die Drecksarbeit machen und die Deutschen die Gewinne einfahren. Noch letztes Jahr sah es so aus, als ob wir es geschafft haben. Aber jetzt machen diese Irren alles kaputt.”

Wenn Schmitz von Irren spricht, dann meint er damit diverse rechte und rechts-radikale Gruppen, die gegen Flüchtlinge und Einwanderung agitieren – ohne dabei zu beachten, dass eben jene Flüchtlinge Teil der DDSH-Strategie sind. “Flüchtlinge sind die Sklaven von heute,” sagt Schmitz emotionslos. “Sie machen jede Arbeit ohne zu murren und können mit Brotkrumen abgespeist werden.”

Für Schmitz’ Verband waren die Kriege im Nahen Osten und Nordafrika ein Glücksfall: “Früher mußten Sklaven eingefangen und herumgeschifft werden, heute kommen sie freiwillig zu uns.” Hier sollten sie dann gemäß der DDSH-Strategie für Sklavenarbeit eingesetzt werden, für Schmitz ein Garant für den zukünftigen Erfolg der Deutschen Wirtschaft. “Wir können uns nicht dem globalen Wettbewerb der Ausbeutung entziehen.”

Deswegen ist jeder Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft, jeder Ruf nach der Einschränkung von Einwanderung für Schmitz ein Schlag gegen die Deutsche Wirtschaft. “Das hat mit Patriotismus und Rassismus nichts zu tun. Wenn diese Menschen echte Rassisten wären, dann hätten sie nichts gegen die wirtschaftliche Ausbeutung in einer modernen Sklavenwirtschaft. Das ist einfach nur Dummheit,” faßt Schmitz zusammen.

Vorerst hält der Verband an seinen Zielen fest, doch auch Schmitz ist klar, dass es einer neuen Strategie bedarf. Zu allererst plädiert er aber für ein gesellschaftliches Umdenken in Deutschland: “Früher war jeder froh, wenn er einen Handschlag weniger machen mußte. Heute reden die Leute davon, dass ihnen die Arbeit weggenommen wird. Das soll einer noch verstehen.”

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Griechenlands Reformpläne – Ein Kommentar

Vasiliy Polenov - Acropolis/Parthenon (Quelle: Wikimedia Commons)

Zum Griechischen Reformpaket eine Einschätzung unseres investigativen Journalisten Rhintosseros:

“Das es um Griechenlands Wirtschaftslage nicht gut bestellt ist, ist inzwischen eine Binsenweisheit. Die heute verabschiedeten Reformpläne sollen daran etwas ändern. Aber gerade für den Deutschen Steuerzahler ist es von großer Bedeutung, doch einmal einen Blick in das Dokument zu werfen. Schnell offenbart sich dabei, wie wenig durchdacht die Pläne tatsächlich sind. Eine überoptimistische Annahme reiht sich an die nächste und insgesamt ergibt sich das Bild eines Landes, dass offensichtlich seine Lage nicht versteht.

Dass die Griechen das selber zumindest ahnen, ist bereits zu spüren, wenn man die verantwortliche Außenstelle der Griechischen Regierung besucht: Viele farbige Aufsteller und die Bilder von weißen Stränden sollen den mißtrauischen Besucher in Sicherheit wiegen. Doch wenn man hart nach den Plänen für das Land fragt, dann erntet man erst einmal nur dumme Gesichter. Erst nach mehrmaligem Nachfragen wollten die Beamten dann schließlich das relevante Dokument dem Korrespondenten überantworten.

Bereits das Deckblatt ist Augenwischerei: Auch hier wird versucht mit Bildern von Sehenswürdigkeiten und glücklichen Menschen auf sommerlichen Sandsträngen versucht das Bild zu vermitteln, wieviel Griechenland doch zu bieten hat. Darüber steht der Schriftzug “Griechenland 2015” und der Name des verantwortlichen Herausgebers: “TUI”, offensichtlich handelt es sich dabei um das “Transfer-Union Institut”. Dem Leser schwant Übles.

Das Dokument selber preist diverse, über das ganze Land verteilte Immobilien an, in die westliche Anleger investieren sollen. Auf den ersten Blick scheint es sich dabei um Schnäppchen zu handeln (“ab 279,- Euro”), zeigt sich darin doch der Preisverfall der Griechischen Immobilien. Doch wenn man dann genauer ins Kleingedruckte schaut, bemerkt man erst, dass man die Immobilien bestenfalls für 14 Tage erwerben kann. Auch wenn man bedenkt, dass manch eine der Immobilien sogar mir Haustieren und Personal verkauft werden, so sind solche Angebote für Investoren vollkommen inakzeptabel, selbst wenn eine Strandlage hinzukommt.

Kurz gesagt: Offensichtlich ist der von der TUI ausgearbeitete Rettungsplan für Griechenland bestenfalls eine Schmierenkomödie und versuchter Immobilienbetrug. Offensichtlich will die Griechische Regierung die Leichtgläubigkeit der anderen EU-Staaten weiter ausnutzen und sie in die Irre führen.

Es kann deshalb nicht deutlich genug gesagt werden: Griechenlands Zeit ist abgelaufen. Auch wenn der TUI-Katalog weiterhin eine Nachsaison anpreist. Es darf keine Verlängerungen mehr geben!”

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Das Kaufhaus der Verzweiflungen

William James Glackens - Christmas Shoppers (Quelle: Wikipaintings)

Der Liftboy war ein Relikt in jeder vorstellbarer Hinsicht: Er war ein altes kleines Männchen, so schwach, dass er kaum die Knöpfe des Aufzugs zu bedienen können schien. Er trug eine Uniform, die man nicht nur einem anderen Jahrhundert, sondern auch einer anderen Menschenart zurechnen sollte. Mit zittriger, papierdünner Stimme, sagte er an: “Dachterasse: Bistro der Geschmacklosigkeiten.”

Der Liftboy hüstelte. Dann ging es abwärts.

“Dritter Stock: Alles zu Karriereniederlagen, dem langsamen Sterben der Motivation bis zur Berufsunfähigkeit.” Für einen Moment wartete er, warf nervöse Blick hierhin und dorthin, als ob er erwartet hätte, dass einer seiner Passagiere aus- oder einsteigen möchte.”

Im Lautsprecher knackte es und dann hallte es blechern und zu laut: “Und heute im Sonderangebot: Bei jeder einer Kündigung erhalten sie eine Beziehungskrise gratis dazu.”

Es ging weiter hinab.

“Zweiter Stock: Sport, Hobby und andere Unfälle.”

“Erster Stock: Familie und Co. Hier erhalten Sie alles von der Scheidung bis zu plötzlichen Todesfällen.”

Wieder knackte es im Lautsprecher. Diesmal war die Stimme so leise, dass man sie kaum verstehen konnte. “Achtung eine Durchsage: Herr Schmidt, bitte holen Sie ihre ungeliebten Kinder an der Information ab. Herr Schmidt, bitte!” Es folgte mehrere Momente mit einem merkwürdigen Keuchen, dann folgte ein lautes Pfeifen. Schließlich brach die Übertragung ab.

Der Aufzug setzte sich wieder in Bewegung.

Der Liftboy öffnete die Tür. “Erdgeschoss: Ausgang in eine lieb- und trostlose Welt.” Für einen Moment schien es, als ob er eine persönliche Aussage gemacht hätte. Aber er rührte sich nicht im Geringsten. Nichts schien darauf hinzuweisen, dass er aus- oder einsteigende Fahrgäste oder sonst überhaupt etwas bemerkt hätte.

Schließlich schloss er die Tür und die Reise ging weiter nach unten.

“Erstes Untergeschoss: Depressionen und psychische Störungen.” Der Liftboy zuckte nervös.

“Zweites Untergeschoss: Das Parkhaus aus dem Ihr Auto gerade gestohlen wurde.”

“Drittes Untergeschoss…” Er lachte kurz und trocken. “Der erste Kreis der Hölle.”

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Hundepfütze

Albert Bierstadt - Irving Woods (with dog) (Quelle: Wikiart)

“Was ist denn das für Haarhaufen hier im Flur?”

“Oh, das ist Karni, unser Hund. Der schmilzt im Sommer immer.”

“Das arme Tier.”

“Ach, mach Dir keine Sorgen. Er fließt im Laufe des Tages immer noch zu seinem Futternapf. Obwohl wir ihn manchmal dort herausziehen müssen. Aber im Herbst wird Karni wieder fest.”

“Aber man muß ja schon aufpassen, wenn der dort einfach nur herumliegt…”

“Ja, mein Mann hatte ihn ja mal mit dem Staubsauger eingesaugt. Das war ein Drama einen halben Hund da wieder heraus zu bekommen.”

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