Es wird…

Ferdinand Hodler - On the banks of the Manzanares (Quelle: Wikiarts)

Die Katze hat bereits zwei tote Singvögel angeschleppt…

Der Hund ist ausgerastet, als er auf der Terrasse ein Eichhörnchen ausgemacht hat…

Die Kinder haben Lungenentzündung bekommen, weil sie beim Spielen die Anoraks ausgezogen haben…

Und wir haben zwischendurch mal an Sex gedacht…

…es wird Frühling!

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Krankschreibung

Goya - Goya Attended by Doctor Arrieta (Quelle: Wikipaintings)

“Herr Walter, Sie sind krank.”

“Das kommt mir jetzt aber äußerst ungelegen. Läßt sich das nicht verschieben?”

“Ich bedauere. Es bleibt mir garnichts anderes übrig als sie krank zu schreiben.”

“Schreiben Sie doch einfach etwas anderes.”

“Herr Walter, was soll ich denn schreiben? Sie sind krank.”

“Schreiben Sie… Schreiben Sie, ich sei schwer erreichbar.”

“Hören Sie, Sie sind derzeit ansteckend…”

“Aber ist das denn so schlimm? Ansteckend sind viele Dinge. Gähnen beispielsweise.”

“Herr Walter, ich…”

“Oder Ohrwürmer.”

“Herr Walter, wollen Sie etwa, dass ich sie einweise?”

“Einweisen? Nein, das wirklich nicht.”

“Sehen Sie, dann schon lieber krank schreiben, oder?”

“Nun gut. Aber nur bißchen…”

“Natürlich, Herr Walter. Ich werde aufschreiben, dass sie nur ein bißchen krank sind.”

“So 60%? Oder besser 50%…”

“Herr Walter!”

“Okay, 60% ist auch in Ordnung. Dann kann immer noch 40%…”

“Frau Schneider, rufen Sie einen Krankenwagen!”

“Okay, ich habe verstanden. Sie sind ein unnachgiebiger Verhandler. Dann bin ich eben 100% krank, wenn Ihnen soviel daran liegt.”

“Und davon nehmen Sie bitte dreimal täglich 10 Tropfen.”

“Unverdünnt?”

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Live von der Eröffnung der Berlinale

auzolle_cinematographe

Live vom Roten Teppich der Berlinale berichtet unser Korrespondent Rhintosseros

“Ja, äh… Hallo! Wir haben… Also aufgrund eines… logistischen Fehlers findet die Eröffnung der Berlinale jetzt vor einem DVD-Verleih in Bitterfeld statt. Genau! Das ist… sicher verwunderlich. Aber wir sind uns völlig sicher, dass wir keinen Fehler gemacht haben. Hier liegt ja auch der rote Teppich aus und… hier kommt auch schon der erste Star!”

“Es ist Michelle! Michelle kommt den roten Teppich herunter. Sie trägt heute eine besonders gewagte Kombination. Eine grüne Trainingshose und eine rosa Jacke. Die Fotografen können garnicht genug von ihr bekommen. Das ist sicherlich ein Geheimnis des Erfolgs von ihr, die besonders seit ihrer Beziehung mit Hannes aus dem Baumarkt nicht mehr aus den Schlagzeilen wegzudenken ist. Doch heute ist sie hier für ihren neuen Film. Ja, sie hat sich “The Great Gatsby” ausgeliehen. Vielleicht werden wir sie bald wieder mit Leo DiCaprio an ihrer Seite sehen, man darf spekulieren.”

 

“Und jetzt bei mir ist Uwe. Ein kurzes Statement für die Presse, Uwe. Auch Du hast einen Film zur Eröffnung der Berlinale hier in Bitterfeld mitgebracht. Wie ist es dazu gekommen? Wie ist die Zusammenarbeit zwischen Dir und und… dem Ladenbesitzer Austin?”

“Ähm… Also… Wir… Wir haben lange überlegt. Weil ich schon soviel kenne…”

“Du bist also ein echter Filmexperte?”

“Ja… Das kann man vielleicht so sagen. Aber der Austin ja auch und dann hat er mir diesen Thriller mit Bruce Willis vorgeschlagen.”

“Fantastisch! Die kreative Arbeit am Film steht ja im Zentrum der Berlinale.”

 

“Und bei mir ist jetzt Marek. Marek ist ein Nachwuchsstar. Marek, deine Youtube-Videos erfreuen sich ja großer Beliebtheit. Aber eine Frage, warum heißen sie alle “Ohne Titel”?”

“Naja, also wir haben ja nur so rumgeblödelt mit der Kamera. Und uns ist kein Titel eingefallen, da habe ich sie halt ohne Titel hochgeladen. So halt.”

“Marek, ist es eine große Überraschung für Dich, dass Du nun mit Deinen Filmen hier bei der Berlinale-Eröffnung… in Bitterfeld dabei sein darfst?”

“Ja, ist schon geil, irgendwie. Aber sag’ mal Eure Kamera ist ja echt ziemlich amtlich. Was ist das denn für eine?”

“Marek, wir…”

“Kann ich die mal haben? Nur für auf das Skateboard. Weil der Yilmaz hat da voll den krassen Trick drauf. Nur ganz kurz.”

“Marek! Nein, wir können jetzt nicht… Nicht die Kamera! Nein! Loslassen! Loslassen!”

 

“Und bei mit ist jetzt die erfolgreiche Produzentin Birke. Sie hat viele erfolgreiche Filme mitgebracht hier zur… zur Eröffnung der Berlinale in Bitterfeld.”

“Klar, muß ich alle zurückgeben.”

“Was ist das für ein Gefühl hier heute auf dem roten Teppich zu stehen, Birke?”

“Ja, scheiße! Wahrscheinlich muß ich für die Hälte von denen nachzahlen.”

“Wie kam es dazu?”

“Mein Gott! Der Thomas hat die mal wieder nicht zurückgebracht.”

“Äh, ja… Aber Du als Produzentin…”

“Ach, jetzt bin ich wieder schuld. Hör mal, die lagen unter dem Sofa. Unter dem Sofa! Da guckt doch kein Schwein nach. Nach diesen Schrottfilmen. Wahrscheinlich sind die Hälfte eh wieder irgendwelche Pornos.. Ja, guck mal… Das sieht doch nach nem Porno aus, oder?”

“Meine Damen und Herren, damit beenden wir unsere Live-Berichterstattung vom Roten Teppich der Berlinale in Bitterfeld.”

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Fachzeitschrift nicht verantwortlich für Selbstmorde

Akseli Gallen-Kallela - Lemminkäinen's Mother (Quelle: Wikimedia Commons)

Die Fachzeitschrift “New Physics Magazine” hat betont, dass sie nicht für die Selbstmorde von Jungphysikern vor ihrer Tür verantwortlich sind. “Natürlich arbeiten viele junge Wissenschaftler hart daran veröffentlich zu werden, um sich als Wissenschaftler zu etablieren. Aber es gibt einfach nicht nur begrenzt Platz in unserer Zeitschrift.” erklärt Chefredakteur de Souza.

Derweil sind Ordnungskräfte immer noch damit beschäftigt die Leichen vor dem ehrwürdigen, neogothischen Verlagsgebäude wegzuräumen, die sich dort seit Wochen angesammelt haben. Vor allem seitdem ein verzweifelter junger Wissenschaftler dort sein revolutionäres Dekompressionsmodell im Selbstversuch vorgeführt hat, waren die Stimmen lauter geworden, die für eine schnelle Beseitigung der über die gesamte Straße verteilten Leichenreste plädiert hatten.

Die Redaktion von “New Physics Magazine” hat sich bisher geweigert die Kosten zu übernehmen und darauf verwiesen, dass sie keinesfalls für die aussichtslose Lage von Jungwissenschaftlern verantwortlich sind, deren Karriere aufgrund mangelnder Publikationsmöglichkeiten scheitert. Chefredakteur de Souza ist allerdings nicht ohne Emotionen für die vor ihrer Tür Verstorbenen: “Also dieses Dekompressionsmodell war schon beeindruckend. Wenn wir das früher gewußt hätten, hätten wir gerne den Artikel darüber in unsere aktuelle Ausgabe aufgenommen. Leider war im selben Zeitraum allerdings die Autobiografie eines Nobelpreisträgers erschienen.”

 

 

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Don Quixote auf dem Arbeitsamt

Gustave Doré - Don Quixote (Quelle: Wikipaintings)

“Es gibt in Deutschland keinen Platz für Gewalttäter,” sagt Integrationsbeauftragter Murnisch mit einem Seufzen. “Das ist alles, was man über diesen Fall sagen kann.”

Doch natürlich ist es nicht so einfach. Die Aussage spart die Hoffnung und auch die Verzweiflung von Immigranten aus, die nach Deutschland kommen. Und natürlich auch die vielfach – selbst für Deutsche – kaum zu navigierenden Irrwege der Bürokratie.

“Qualifizierte Arbeitskräfte sind in Deutschland immer willkommen,” sagt die Leiterin der Arbeitsagentur Oldenheim, Kathrin Geschonneck. “Und besonders für EU-Ausländer gelten bei uns ja besondere Regeln. Doch im Fall von Herrn Quixote… Verstehen Sie mich nicht falsch, die Arbeitsagentur hat sich wirklich bemüht. Das fing beim gemeinsamen Ausfüllen der Anträge an. Da gab es viele Probleme, schon alleine wegen der Sprache. Aber ein Mann in seinem Altern, der dabei noch den Beruf des Schaustellers ausübt. Das ist nicht einfach auf dem Deutschen Arbeitsmarkt.”

Für Fälle wie den Spanier Quixote gilt in der Behördensprache der Ausdruck “schwer vermittelbar”: Kaum der Deutschen Sprache mächtig, fortgeschrittenes Alter und zugleich nur geübt in einem Beruf, der auf dem Deutschen Arbeitsmarkt kaum vorkommt. “Er hatte Ritter angegeben. Wir haben dann im Gespräch herausgefunden, dass er wohl in einem Vergnügungspark gearbeitet hatte,” erklärt seine ehemalige Sachbearbeiterin Nadine Buskowskaja. “Wir haben ihm mehrfach Umschulungen angeboten, aber er hat sie vehement abgelehnt. Er hat seine Rolle sehr ernst genommen. Was natürlich verständlich ist, er hat sie jahrelang ausgeübt. Aber Flexibilität ist heute einfach von entscheidender Wichtigkeit. Das muß man erwarten können. Leider war er insgesamt… schwierig im persönlichen Umgang.”

Schwierig oder auch problematisch sind oft Wörter, die man in der Arbeitsagentur Oldenheim über Herrn Quixote hört. Ein Mitarbeiter, der nicht genannt werden will, spricht gar von Altersstarrsinn. Das eine gewisse Form von Starrsinn allerdings auch auf die Agentur zutreffen könnte, das will Nadine Buskowskaja so nicht stehen lassen. “Herr Quixotes Assistent, den Herrn Pansa, haben wir sehr leicht vermitteln können. Er hat sich wirklich sehr bemüht und alle Maßnahmen akzeptiert. Natürlich mußte er dafür seinen alten Kollegen verlassen, damit er eine Stelle in Berlin annehmen konnte. Aber wir sind sicher, dass sich das gelohnt hat. Nach unseren Auskunft ist Herr Pansa immer noch beschäftigt.”

Doch dem alternde Spanier, der aus seiner Heimat nach Deutschland gekommen war, um der hohen Arbeitslosigkeit seines Landes zu entkommen, war ein vergleichbarer Erfolg nicht vergönnt. “Ohne die Unterstützung von Herrn Pansa war es natürlich noch schwieriger für Herrn Quixote. Wir hatten dann aber zufälligerweise ihm sehr schnell eine Stelle als Sicherheitsmann auf einer Windkraftanlage anbieten können. Da Herr Quixote über ein Pferd verfügte erschien uns das als eine gute Möglichkeit für ihn,” erklärt Agenturleiterin Katrin Geschonneck. “Sein zukünftiger Arbeitgeber hat allerdings eine Sicherheitsüberprüfung von Herrn Quixote machen müssen und dafür in Spanien angefragt. Da kam das dann alles ans Licht…”

Integrationsbeauftrager Walter Murnisch ist untröstlich: “Es ist nicht so, dass ich kein Verständnis für Herrn Quixote habe. Wirklich nicht. Ich kann verstehen, wenn ein Mensch ein neues Leben anfangen und sich neu orientieren möchte. Aber wie gesagt: Es gibt in Deutschland keinen Platz für Gewalttäter.”

In der Arbeitsagentur wird heute noch von dem Tag gesprochen an dem Herr Quixote von seiner anstehenden Ausweisung hörte. Man will sich dazu nicht genauer äußern. Agenturleiterin Geschonneck meint nur: “Ich kann verstehen, wenn das einen Menschen aufwühlt. Das ist auch für uns nicht einfach. Aber mittelalterliche Waffen, da ist eine Grenze überschritten…”

Herr Quixote wurde deswegen Ende des letzten Monats verhaftet und nach Spanien ausgewiesen. Leider konnte er nicht für eine Stellungnahme ausfindig gemacht werden.

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Lied des vergessenen Weihnachtsbaums

Johansen Viggo - Happy Christmas (Quelle: Wikimedia Commons)

Hier stehe ich und verliere meine Nadeln
während Fahrradfahrer an mir vorüberradeln.
Wie kommt es, dass ich so verlassen bin?
Wie schön war es doch als an mir noch Lametta hing.
Geschenke lagen zu meinen Füßen,
nun würde ich die Ankunft der Müllabfuhr begrüßen.
Vielleicht lodere ich bald in einer Verbrennungsanlage
oder beende als Pressholz meine Tage.
Doch jetzt liege ich nur hier am Straßenrand,
Passanten gehen vorüber, manche sind mir von Heiligabend wohlbekannt.

Oh, ihr Menschen, hört meine Klage!
Ich habe an Euch nur noch eine einzige Frage:
Der Weihnachtsbaum kommt er denn auch in den Himmel,
ihr kettensägentragenden, baummordenden Pimmel?

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Inspiration

Francis Barraud - His Master's Voice (Quelle: Wikimedia Commons)

Sein Chef hatte ihm drei Tage Zeit gegeben sich noch einmal Ideen für den Text des Popsongs zu überlegen. Er war damit komplett überfordert und zunehmend verzweifelt. War er nicht einfach nur Praktikant? War es nicht schon schwierig genug gewesen überhaupt eine (natürlich unbezahlte) Praktikumsstelle bei dieser Plattenfirma zu bekommen? Und dazu noch eine bezahlbare Wohnung in Berlin?

Aber natürlich erkannte er, dass es ein Test war. Ein Test für eine mögliche, zukünftige Karriere in der Musikindustrie. Aber jeder seiner Vorschläge war verworfen worden. Seine Emails kamen mit dem kurzen Vermerk “Versuch’s nochmal!” zurück und all das, was sie ihm gesagt hatten, dass gerade er als junger Mann eine Nähe zu seiner Generation und damit zu all den jungen Musikkonsumenten da draußen haben sollte, hatte sich für ihn als falsch erwiesen.

Er hatte schließlich die Flucht aus der Stadt ergriffen, war zu seiner Familie in die Provinz gefahren und rechnete fest damit, dass sein Praktikum bei der Rückkehr am Montag ein jähes Ende finden würde. Es wollte ihm einfach nichts mehr einfallen… Was interessiert überhaupt die heutige Jugend? Er surfte stundenlang auf Youtube herum, sah stupide die neusten Hashtags auf Twitter durch, durchforstete Tumblr und dennoch wollte ihn nichts inspirieren…

Es war nach dem Abendessen (zu dem ihm seine Eltern hatten zwingen müssen) als er das rosafarbene Buch mit diesen-Comicpferden-da, das auf der Kommode im Flur lag, geistesabwesend zur Hand nahm. Er blätterte es durch und dann fiel sein Blick auf einer Seite hängen. Dort stand in ordentlicher Mädchenhandschrift: “Ich vermisse Dich wie eine Wiese im Winter die Sonne vermisst.” Zuerst wollte er losprusten, doch das Lachen blieb ihm im Hals stecken. Was wenn…?

Er nahm das Buch mit auf sein Zimmer und hackte in 10 Minuten eine Textcollage aus Zitaten zusammen. Für einen Moment zögerte er als er sie abschicken wollte. Doch dann drückte er auf “Senden”.

Die Antwort die er bekam war nicht begeistert, aber wohlwollend. Doch es reicht um ihn in ein bisher ungekanntes Hochgefühl zu versetzen. Er war so begeistert von seiner Leistung, dass die Probleme mit seiner kleinen Schwester, die ihr Poesiealbum vermisste, vollkommen in den Hintergrund traten.

Tatsächlich stellte sich am Montag heraus, dass der Text mehr als nur wohlwollend aufgenommen worden war. Er war nach oben weitergegeben worden und es stand im Gespräch ihn für eine aufstrebende Sängerin zu nutzen. Ihm wurde auf die Schulter geklopft. Er strahlte.

Bis zu dem Moment als sie ihm sagten, dass er doch gleich noch einmal ran sollte: Er hätte was es braucht! Für einen Moment sah er sich bereits als Angestellten, ja als zukünftigen Manager der Plattenfirma, doch dann erinnerte er sich daran, dass das Poesiealbum seiner Schwester im Haus seiner Eltern lag. Er bekam eine leichte Panikattacke.

Noch am Abend fuhr er zurück. Er mußte das Poesiealbum aus dem Zimmer seiner Schwester stehlen, während die beim Fußballtraining war. Dann setzte er sich sofort hin und schrieb seinen neuen Songtext. Natürlich blieb sein “Ausleihen” des Buches nicht unbemerkt und sorgte für einigen Wirbel, weil seine Eltern ihm nicht zuhören wollten, sondern nur versuchten seine heulende Schwester zu beruhigen.

Seine am nächsten Morgen deutlich verspätete Rückkehr an den Arbeitsplatz (wie üblich war die Bahn verspätet) fiel kaum jemandem auf. Man freute sich so über seinen neuen Text. Er wurde einigen Managern vorgestellt, er durfte Hände schütteln, dann kam der neue Auftrag…

Nach dem letzten Drama konnte er unmöglich wieder das Poesiebuch seiner Schwester stehlen. Eine ganze Nacht lang wand er sich im Schlaf, weil er nicht wußte wie er an neues Material herankommen sollte. Doch vielleicht gab es eine Möglichkeit mit seiner Schwester eine Übereinkunft zu treffen…

Seine Schwester war eine harte Verhandlerin. Erst nachdem er ihr ein iPhone der neusten Generation zusätzlich versprochen hatte, willigte sie endlich ein: Sie würde ihn mit den Poesiealben ihrer Klassenkameraden versorgen!

Danach lief es wie am Schnürchen. Am Wochenende fuhr er zu seinen Eltern, ließ sich von seiner Schwester mit einem neuen Schwung Poesiealben von Sechstklässern versorgen und unter der Woche nutze er sie, um Songs daraus zu machen.

Seine Chefs waren begeistert. Man staunte über sein Talent. Er hatte ein langes Gespräch mit dem Personalleiter, er durfte bei der Aufnahme eines “seiner” Songs dabei sein. Ein Juniormanager, der ihn ein paar Wochen vorher noch nicht einmal angeguckt hätte, bot ihm auf der Toilette eine Line Koks an.

Die Arbeitstage wurden kürzer für ihn. Die Songs gingen ihm immer leichter von der Hand. Jedes Wochenende bekam er drei bis vier neue Poesiealben in die Hand. Seine Schwester hatte inzwischen an ihrer Schule einen Beschaffungsring organisiert, der sich sehen lassen konnte.

Dafür wurden die Nächte immer länger. Er wurde zu Konzerten und in die Clubs mitgenommen. Es gab mehr freie Drinks als er jemals trinken konnte. Koks, MDMA und diverse Pillen wurde ihm angeboten. Alles begann miteinander zu verschwimmen.

Und dann war er auf einem Rap-Konzert. Er kannte die Formation auf der Bühne nicht, aber sie waren wichtig und jemand wichtiges hatte ihn dazu eingeladen. Als er sich umdrehte stand der Senior Vice President of Acquisition and Development neben ihm, den Arm auf seiner Schulter und er sprach mit irgendeinem Mann, der so wichtig war, dass er nicht nur zwei Bodyguards, sondern auch zwei Gespielinnen im Arm hatte: “Machen Sie sich keine Sorge. Wir haben genau den richtigen Mann für sowas. Bisher hat er nur Pop geschrieben, aber Rock, Rn’B und HipHop sind für ihn auf gar kein Problem. Nicht wahr?” Und dabei klopfte ihm der Senior Vice President auf die Schulter und grinste ihn an.

Kalter Schweiß brach bei ihm aus. Das Koks, der Alkohol und keine der anderen Sachen, die er sich eingeworfen hatte, konnten ihn in diesem Moment retten. Panik fraß sich durch sein Kopf und sobald es ihm möglich war, stürzte er auf die Toilette.

Während von draußen die Beats eines DJ-Millionärs durch die Mauern drangen, versuchte er eine vollausgewachsene Panikattacke zu meistern. Rock, Rn’B, HipHop… Wie sollte er das schaffen? Kein Poesiealbum der Welt würde das abdecken können…

Schwitzend und zitternd ließ er sich gegen die beschmierte Wand des Clubklos fallen und suchte irgendeine Begründung mit dem er sich um diesen Auftrag drücken konnte. Aber seine Zukunft stand auf dem Spiel, er konnte unmöglich… Er fühlte wie sich ein verzweifeltes Schluchzen durch seine Kehle nach oben zwängte. Hilflos schlug er gegen die Wand neben sich und als sie nach unten glitt, sah er dort diesen Schriftzug…

“Mädchen, die mit den Wimpern klimpern, soll man in den Hintern pimpern”

Es durchzuckte ihn. Ein plötzliches, unbeschreibliches Hochgefühl breitete sich in ihm aus. Er sah sich um, um ihn herum war ein Gewirr an Muschis und Schwänzen, Telefonnummern und unzählige Sprüche. Manche kaum noch zu lesen, andere durchgestrichen, weitere um immer neue Zeilen ergänzt.

Das war es, was er brauchte! Das war die Basis für Songs! Er zügte sein Smartphone (neustes Modell!) und begann hastig jeden der Sprüche abzufotografieren. Von draußen donnerte jemand gegen die Tür, weil er so lange das Klo belegte, aber er beachtete das nicht weiter. Er würde sich daran gewöhnen müssen. In Zukunft würde er viel Zeit auf Klos verbringen.

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