Unser Jan

Jan gehört eigentlich immer irgendwie dazu. Er war schon damals auf der Schule einer, der sich nichts sagen ließ, der gegen die Lehrer und sonstige „Autoritäten“ anging. Er wußte genau, dass die ihm eines Tages würden Platz machen müssen. Und er fing schon früh damit an genau das allen zu demonstrieren. Das er unseren ziemlich widerlichen Sportlehrer, den niemand mochte, als „Linken“ und „Alt-68er“ bezeichnete, das war so seine Art.

Deswegen war es keine Frage, dass wir ihn mitnehmen würden als wir unsere große Italienreise planten. Ein paar Wochen Strand, herumfahren, Ruinen angucken, gut essen, in der Sonne liegen… Darauf hatten wir schon lange gewartet. Die letzte Zeit war anstrengend genug gewesen.

Doch schon auf der Hinreise begann Jan merkwürdige Kommentare zu machen. Mit Leonie legte er sich wegen eines alten „Atomkraft – Nein Danke“-Aufklebers an, der immer noch an ihrem Auto klebte. Leonie versucht zu erklären, dass sie für eine Firma arbeiten würde, die Windkraftanlagen baut, doch Jan ließ nicht locker.

Für Leonie war der Spaß schnell vergangen und wir versuchten kritische Themen nicht weiter anzusprechen, sondern stattdessen die Reise zu genießen.

Doch als wir dann am Strand in der Emilia-Romagna waren, wurde es wirklich schlimm. Im Gespräch in einem Alimentari warf Jan einigen Italienern, die sich über den Euro beklagten hatten, vor, dass sie sich wie der Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes verhalten würden, der als Erster das sinkende Boot verläßt. Die Empörung der Italiener war riesig und die Situation wurde für uns alle brenzlig, so daß wir schnell weiterfuhren.

Doch Jans Ruf eilte uns voraus. Gerade die Leute, die er einige Tage zuvor noch als aufrechte Italiener gelobt hatte, echauffierten sich jetzt wegen seines Kommentars, der sogar den Weg in die Presse gefunden hatte. Wo wir auch hinkamen, stießen wir geradezu auf einen Lynchmob. Karl machte die ironische Bemerkung, dass er sich auch mal dieselbe Aufmerksamkeit wünsche würde, die jetzt Jan zukam. Jan nahm ihm diese Bemerkung sehr übel.

Uns blieb nichts anderes als zurückzufahren. Stundenlang standen wir in der Schweiz im Stau.

An der Grenze nach Deutschland wurde unser Wagen dann als einziges hinausgewunken. Zu unserer Verdatterung wurden wir alle ordentlich gefilzt, das Auto durchsucht, unser Gepäck auseinander genommen. Vor allem auf Karl mit seinem Ché-T-Shirt schienen die Zöllner es abgesehen zu haben.

Als Karl nach stundenlanger Wartezeit endlich wieder gehen durfte, bemerkte Jan nur spitz: „Na, nun hast Du ja endlich die Aufmerksamkeit, die Du haben wolltest.“

Wir mußten Karl zurückhalten, damit er nicht auf Jan losging. Als wir versuchten Jan klarzumachen, dass er sich so nicht verhalten konnte, warf er uns vor, dass wir ihm doch nicht mit Anstand und Moral kommen sollten, die hätten wir früher doch auch nicht gehabt. Außerdem hätte er ein Buch dazugeschrieben und würde uns alle kennen, weil wir nach all den Jahren ja immer noch so seinen wie in der Schule und das würde sich total gut verkaufen und und und…

Wir konnten seinen trotzigen Redeschwall nicht aufhalten und setzen ihn schließlich einfach am nächsten Bahnhof ab. Wenn er sich weiter so pubertär verhalten wollte, dann sollte er das ohne uns tun. Natürlich traktierte er uns damit, dass wir „Gutmenschen“ keine Großzügigkeit kennen würden, dass wir schon immer falsch gelegen hätten, dass wir alle Salonrevolutionäre seien, das wir gefährlich seien,… Wir machten uns nicht einmal mehr die Mühe ihn auf seine Widersprüche aufmerksam zu machen, sondern fuhren einfach davon.

Er mußte alleine mit dem Zug nach Hamburg zurückfahren, wo er angeblich für irgendein politisches Magazin arbeitete. Naja, das konnte ja nichts Seriöses sein…

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