Eine Antwort auf Sven Regener

Der 51jährige erfolgreiche Musiker („Element of Crime“) und Autor („Herr Lehmann“, „Neue Vahr Süd“) Sven Regener hat sich in einem Beitrag des BR über Raubkopierer, Youtube und die Piratenpartei geäußert, nachdem er vermutlicherweise in den letzten Jahren Einnahmeverluste verzeichnen mußte.
Ein vielbeachteter Beitrag, den man sich einmal in Ruhe anhören sollte.

Es gab daraufhin einige emotionale Reaktionen, von denen wir hier eine dokumentieren möchten. Für das Gespräch stand ein anonym bleibender Musikfan zu Verfügung.

Wir machen keine Verträge, gehen keine Geschäftsbeziehung mit Plattenfirmen ein, weil wir was unbedingt wollen, sondern weil wir sonst eure Musik nicht hören. Und mein Problem, was ich dabei habe ist: Man wird uncool, wenn sagt „Ja, Konsumentenrechte und so.“ Aber es wird so getan, als ob unser Interesse an Euch nur ein exzentrisches Hobby sei. Und das Herumgetrampel darauf, das wir uncool seien, wenn wir sagen, dass wir Eure Werke gerne haben wollen, ist im Grunde nichts anderes als das man uns ins Gesicht pinkelt. Und sagt: „Ihr Fans seid eigentlich nichts wert. Wir wollen das ihr dafür kräftig zahlt. Wir wollen mit Eurem Geld machen können was wir wollen. Und wir scheißen drauf was Du willst oder nicht.“
Eine Gesellschaft, die so mit ihren Fans umgeht, ist nichts wert.

Das einzig Wahre am Rock’n Roll ist der Fan den eine Band hat, diesen selber verdient. Das sind Leute, die sagen: „Ja, das ist mir das wert. Ich mach dieses Lied für meine Fans.“ Das ist die Idee dabei. Das macht Rock’n Roll groß. Alles andere ist Subventionstheater. Alles andere ist Straßenmusik.
Das ist eine Frage des Respekts und des Anstands. Das muß ich mal ganz ehrlich sagen. So wie es auch eine Frage des Respekts und des Anstands ist auch im Supermarkt als Kunde fair behandelt zu werden. Selbst dann, wenn man wüßte gerne einfach mal was auf Youtube angucken möchte. Solange das funktioniert ist das gut. Wenn das nicht funktioniert, müssen wir uns natürlich andere Wege überlegen wie wir an total überteuerte Platten herankommen. Oder eben auch nicht.
Denn zu glauben man finanziert einfach so eine Plattenindustrie und man würde dann trotzdem eine kreative Musiklandschaft vorfinden, wie wir sie eigentlich jetzt haben – oder sagen wir mal – in 10 Jahren haben wollen, das ist ein großer Irrtum.

Und den Leuten, die in den Plattenfirmen arbeiten, also das ist ja kein cooler Job mehr, nicht? Und es arbeiten ja auch nur ein Bruchteil von den Leuten dort wie vor 10 oder 15 Jahren. Diesen Leuten erzählen, dass sie es Scheisse finden, wenn wir was gegen DRM, Kopierschutz oder sowas haben… Das ist schon ganz schön dreist.

Moderator: Das habe ich auch niemandem unterstellt.

Ich weiß nicht wie alt sie sind, aber eins muß ihnen klar sein: Für die Leute über 50 gibt es keine neue Musik mehr. Die machen einfach nichts Neues mehr. Die kleinen Bands, die vor allem ein studentisches Zielpublikum hatten, die sind alle tot. Die sind alle weg, weil die nie nen Plattenvertrag bekommen haben.
Was bleibt ist Volksmusik, deutscher Schlager und Rock-Musik für die Älteren. Der Rest ist schon tot. Und das ist nicht lustig.
Und das Problem – gerade wenn man sich für Musik interessiert, die die Plattenfirmen nicht auf dem Plan haben – das ist das letzte was die hören wollen, weil sie damit ganz uncool dastehen. Das ist das tödlichste was passieren kann, also halten alle schön die Füße still und die Schnauze. Und den Kopf unten und schauen dabei zu wie kleine kreative Bands immer weiter den Bach runtergehen.
Und zu glauben, irgendwann käme das Sozialamt um die Ecke und würde die Bezahlung dieser Künstler übernehmen und dabei würde gescheiter Rock’n Roll rauskommen, das kann man knicken.

Und was wir im Augenblick haben. Diese Sache mit Youtube, da muß man mal ganz klar die Fronten klarmachen: Die Plattenfirmen sind milliardenschwere Konzerne, die aber nicht bereit sich für die Fans zu engagieren. Nun hat aber weder Universal, noch EMI oder Sony irgendwas zu bieten. Außer was andere die Künstler, die die unter Vertrag haben, geschaffen haben. Und da sind wir gerade an dem Punkt, wo die Fans sagen – das sind wir letztendlich, das sind die Leute, die deren Geschäftsmodell tragen – und wir sagen: „Nein. Für diesen Kram kriegt ihr unseren Geld nicht.“
Und wir sehen nicht ein, dass Milliardengeschäfte mit Abmahnung in diesem Bereich gemacht werden, und wir dürfen einfach nur blechen. Wir sind sozusagen die Penner in der letzten Reihe, das ist eine Unverschämtheit. Und das sollte sich jeder, auch jeder 50jährige Rockmusiker überlegen, ob er sich wirklich zum Lobbyisten von einem milliardenschweren Konzern machen möchte. Und das sind große Lobbyverbände, diese Plattenfirmen. Und viel stärkere als etwa die Internetindustrie. Und bringen als Hilfstruppen diese gesamten Deppen, die sagen: „Warum wollt ihr denn das Video auf Youtube gucken?“ Ja, dann guck’s halt nicht. Guck halt irgendwas anderes. Dann muß ich nicht auf elementofcrime.de gehen. Tut mir leid. Gib’s halt nicht keine Klicks. Bis die nicht bereit sind dafür auch uns anständig zu behandeln.
Denn ein Geschäftsmodell, was darauf beruht, das diejenigen, die die Inhalte wie Kriminelle behandelt werden, das ist kein Geschäftsmodell. Das ist Scheisse. Und dann können die halt ihre Lieder vor Universal-Angestellten vortragen.

Moderator: Das ist ja eine ganz schön dezidierte Meinung.

Nein, das ist nicht schön. Das tut mir auch leid, das ich jetzt so schwallartig hier rüberkomme. Aber mir steht es jetzt wirklich bis hier. Ich kann das alles nicht mehr hören. Ich kann vor allem die ganzen asozialen Leute nicht mehr hören, die immer sagen: „Ja, diese Kriminellen im Internet da, die sollen… Das sind ja sowieso alles Asoziale, wenn sie nicht gleich Geld bezahlen.“ Die Leute machen Milliardengewinne, aber wir sollen trotzdem mehr zahlen. Was soll das?

Auch wir haben geistiges Eigentum und wenn ich hier morgen damit irgendwo online gehen, steht eine halbe Stunde der Anwalt irgendeiner Plattenfirma auf der Matte, weil da irgendein Sample drin sein soll oder was. So sieht es nämlich aus. Oder was weiß ich… Der örtliche Chef von der CDU hier, der hat ne Webseite. Das ist ein geschlossenes System, das ist 100% Copyright mit Anwälten und allem drum und dran. Und der Typ sagt: „Ja hier, ACTA und so weiter.“ Aber das möchte ich mal sehen, woher der seine Bilder hat, auf seiner Webseite – die er da online hat – wenn die Bilder irgendwie auf Flickr zu finden sind, für jeden zum freien Runterladen und dann schreibt nicht mal den Namen des Fotografen drunter. Aber ich habe die Anwälte von iTunes auf dem Hals bevor ich irgendwas überhaupt hochgeladen habe.
Und dieselben Leute, diese ganze Verlogenheit, das im Grund ein reines Banausentum, das geht immer nur gegen die Fans. Und das finde ich höchstgradig unangenehm.

 

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