Turbogiraffe Episode 293 – Extended Cut 6

Die Verhältnisse auf der Toilette der Royal Society of Sciences waren ausgesprochen beengt und nicht für Giraffen ausgelegt. Allerdings war das das geringste meiner Probleme im Moment. Zwar hatte ich inzwischen unzählige Erfolge in dieser merkwürdigen Welt zu verzeichnen, hatte dabei aber so ziemlich jede Vorschrift des interdimensionalen Reiseverbandes gebrochen, inklusive der Subparagraphen 76z und 87b, die es verboten während einer planetaren Konjunktion Heißgetränke mit Fruchtsaft zu mischen. Ganz zu schweigen von 56i, der den Umgang mit Gravitationslöchern regelt.

Meine so erfolgreiche Strategie die Fragen meiner Umgebung mit Gegenfragen und hochnäsigen Kommentaren (zugegebenerweise war ich anatomisch betrachtet garnicht zu anderen Kommentaren Menschen anders zu antworten) hatte mich dazu verführt, nun so ziemlich jeden Wissenschaftler der Royal Society entscheidende Hinweise zu ihrer Forschung zu geben: Ein Charles Irgendwie würde sich jetzt doch auf eine Seereise begeben, weil seine Theorie zur Verwandschaft von Giraffen und Menschen angezweifelt hatte. Ein gewissen Mycroft würde Experimente mit Doppelgängern unternehmen, um seine Arbeitsbelastung zu reduzieren und eine junge Dame namens Florence konnte ich nur mit Fragen zur Moral davon abbringen in mir eine Manifestation ihres Gottes zu sehen. Nach dem Gespräch erklärte sie entschlossen in den Krieg zu ziehen, wovon sie sich nicht abbringen ließ.

Der Gedanke durch meine Kommentare eine junge menschliche Frau in den Tod getrieben zu haben, verursachte mir Übelkeit und so hatte ich mich auf die Toilette geflüchtet, wo ich immer noch saß.

Natürlich war der Besuch bei der Royal Society geradezu unvermeidlich gewesen, weil Constable Lockhart nach unseren Untersuchungen in der Tuchfabrik geschlussfolgert hatte, dass nur Wissenschaftler der Royal Society das Wissen und die Fähigkeiten besaßen, um Luftschiffe zu bauen. Dennoch wollte ich inzwischen nur noch weg von dieser Welt. Jedes Mal, wenn ich auf Terra Humanis landete, schien es schlimmer zu werden…

„ZEV?“ sprach ich in mein interdimensionales Funkgerät (IDF). „Bitte, ZEV, ich brauche einen Nottransport!“ Meine Stimme zitterte geradezu als ich in mein IDF sprach. Doch natürlich blieb ZEV stumm und ich gefangen auf dieser Welt. Für einen Moment fragte ich mich, ob es eine Möglichkeit sei für den Rest meines erzwungenen Aufenthalts einfach auf dieser Toilette zu bleiben.

Natürlich war diese Idee naiv, wie ein Klopfen an der Tür mir Sekunden später beweisen mußte.

„Sir Jirraf! Sir Jirraf!“

Ich konnte nur knapp ein Stöhnen unterdrücken. Es war Constable Lockhart! Wie er mich gefunden hatte, war mir ein Rätsel, aber irgendetwas an meinen abfälligen Kommentaren ihm gegenüber hatte den Detektiv in ihm geweckt. „Ja,“ antwortete ich mit gequälter Stimme.

„Sir Jirraf, sie lagen richtig! Ich habe den Hinweis gefunden: Lord Wurcestershire ist der verschwundene Experte in Luftschiffkonstruktion. Vor seinem Verschwinden hat er außerdem gedroht zurückzukehren und seine Thesen mit Gewalt zu beweisen.“

„Sehr gut, Lockhart,“ antwortete ich. „Gehen Sie doch schon mal vor und verhaften Sie diesen Wurcestershire. Ich bleibe noch etwas hier.“

Für einen Moment war Stille für der Tür. „Sir Jirraf, wovon reden Sie? Nur Sie können Lord Wurcestershire aufhalten.“

„Sie machen das alles sehr gut, Constable.“

„Nein… Also ohne ihre Hilfe… würde ich dies alles garnicht schaffen. Ich brauche Sie Sir Jirraf. Die königliche Polizei, ja, das Britische Empire benötigt Sie!“

„Sie sind sicher, dass sie mich benötigen?“

Irgendetwas muß an meiner Stimmlage nicht ganz richtig gewesen sein, denn entgegen meiner Hoffnung, dass meine erlernten rhetorischen Fähigkeiten mich auch aus dieser Notlage befreien würde, antwortet Constable Lockhart schlicht mit: „Ja!“

Ich schwieg einen Moment.

„Sir Jirraf, wenn Sie diesen Fall aufklären und Lord Wurcestershire aufhalten, wird ihnen das Britische Empire zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet sein. Sie können sich sicher sein, dass sie mit Belohnungen überhäuft werden…“

Ich schwieg.

„Die Queen wird sie in den Adelsstand erheben…,“ fügte Lockhart hinzu.

Ich brachte kein Wort über die Lippen.

„Sie können sich sicher sein, dass jedes Kind auf den Straßen einen Giraffenhut wird tragen wollen! Stellen Sie sich nur vor: Giraffen überall auf Londons Straßen…“

Zuerst erschien mir diese Vorstellung wie eine Perversion: Was sollten noble Giraffen in den schmutzigen Straßen dieser Stadt. Doch umso länger ich darüber nachdachte, umso mehr Sinn machten Lockharts Argumente. Vielleicht war dies eine Möglichkeit Frieden zwischen meine primitiven Verwandten auf diesem Planeten und den Menschen zu initiieren. Vielleicht mußte ich meine Tätigkeit einfach in einem größeren Kontext sehen…

Wenige Minuten später flog die Tür zu der Toilette auf.

Constable Lockhart, der sich niedergeschlagen auf den Boden davor gesetzt hatte, erschrak als vor ihm eine heldenhafte Giraffe im Fieber eines gerechten Kampfes stand.

„Constable Lockhart, wir haben einen Feind des Empire zu bezwingen!“ rief ich aus.

Sofort sprang der Polizist auf seine Beine. In seinem Gesicht zeichnete sich ein glückliches Lächeln ab. „Für das Empire!“ rief er.

„Für die Giraffen!“ stimmte ich ein.

Dann liefen wir beide gemeinsam begeistert aus der Toilette. Atemlos fragte ich ihn auf dem Weg zu nächsten Droschke: „Was war das noch einmal mit der Queen und dem Adelsstand…?“

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