Turbogiraffe Episode 298 – Das Universum der Verlierer

Bereits bei meiner Ankunft war ich mir nicht sicher, ob es meine Entscheidung ein Fehler war: Unter mir erstreckte sich eine desolate Einöde aus trockener Erde, Geröll und spitzen Felszacken, über mir war ein Himmel aus düsteren schwarz-violetten Wolken, die nicht einen einzigen Lichtstrahl eines Sterns oder eine Sonne durchkommen ließ.

„Willkommen im Universum der Verlierer,“ begrüßte mich ein depressiv wirkender Retullianer, dessen dicke Ringe unter seinen Augen geradezu einschüchternd wirkten, vor allem weil sich dicke Augenringen unter jedem seinen insgesamt 184 Augen fanden. „Haben Sie auch bei einer Reisespielshow verloren?“

„Ähm, nein. Ich bin eigentlich wegen Forschungen hier,“ bemerkte ich demonstrativ neutral.

„Ach, haben Sie den Kürzeren gezogen, ja?“ Er nickte wissend. „Kommen Sie, ich führe sie an einen besonders tristen Ort.“

Diese Einladung klang nicht gerade vielversprechend, aber andererseits mußte ich irgendwo meine Erforschung beginnen und es schien mir unhöflich jemandem so offensichtlich depressivem eine Abfuhr zu geben.

Wir liefen eine Weile durch die öde Landschaft, wobei mein Führer bei jeder sich bietenden Gelegenheit (wie etwa einem Stein in seinem Weg) einen schweren Seufzer von sich gab. Neben dekorativen Felszacken kamen wir auch an einigen beeindruckenden Ruinen vorbei, die zu einer unbekannten Zivilisation gehörten von der nur bekannt war, dass sie einen großen Krieg verloren hatte, wie mir mein Führer erklärte.

Schließlich erreichten wir den tristen Ort: Es handelte sich um eine Ebene, an deren Rand, im Schatten einer wellenartigen Gesteinsformation, sich einige Gruppen niedergeschlagen wirkender Gestalten um spärlich glimmende Nitratfeuer versammelt hatten. Mir fiel sofort auf, dass fast alle zu den unterschiedlichsten Rassen des Multiversum gehörten.

„Ach ja,“ seufzte mein Begleiter. „Das sind die Unglücklichen.“

Unzählige Augenpaare drehten sich zu mir. „Haben Sie auch bei einer Reisespielshow verloren?“ fragte mich ein Kuxta.

„Nein, ich bin bloß hier…“

„Siehste, hast wieder verloren!“ unterbrach mich ein Ghermasch und knuffte den Kuxta.

Der Kuxta zuckte apathisch mit den Schultern.

Der Retullianer beugte sich zu mir hinüber. „Haben Sie ein bißchen Mitleid für ihn? Könnten Sie vielleicht etwas weinen?“

Die Frage verwirrte mich und ich antwortete: „Giraffen weinen nicht.“ Das war zwar eine dreiste Lüge, allerdings die einzige Antwort, die mir in diesem Moment einfiel, um meine Gastgeber nicht vor den Kopf zu stoßen.

Der Retullianer nickte. „Ach, die Evolution hat sie auch benachteiligt. Kommen Sie, ich stelle sie vor. Wahrscheinlich lernen Sie das Weinen so noch.“

Der Retullianer führte mich herum und zeigte mir lauter apathisch wirkende Gestalten: Ein Szekullianer, der sein Schiff bei einer Wette verloren hatte; eine Goola, die ihren Drittehemann an eine Nebenbuhlerin verloren hatte; eine fermische Unimatrix, die in einem Wissenswettstreit unterlegen war; ein Koxplexminx, der bei einem Schönheitswettbewerb gegen eine Uuuluuaaaniiuuerin verloren hatte; ein thermoplastischer Fex, der bei einer intergalaktische Wahl nur auf den zweiten Platz gekommen war…

Hier unterbrach ich meinen Führer. „Sagen Sie mal, aber der zweite Platz, dass ist ja eigentlich nicht schlecht, oder?“

Der Retullianer sah mich entsetzt mit seinen 184 Augen an. „Wovon reden Sie?“

„Naja, wenn er der Zweite war, dann gab es ja sicherlich noch einen Dritten oder Vierten,“ wandte ich ein.

Die um mich herumsitzenden Gestalten schienen meine Worte geradezu in sich aufzusaugen. Ich bemerkte wie sie sich mir zuwandten und mich mit neu erwachtem Interesse genauestens musterten.

„Zweifeln Sie etwa an seinem Unglück?“ fragte mich mein Führer.

„Nein, überhaupt nicht. Ich frage mich bloß, warum es so schlimm ist, wenn man…“

„Bist Du etwa ein Gewinner?“ fragte die nicht weit entfernt sitzende fermische Unimatrix. Trotz ihrer mechanischen Stimme meinte ich dabei einen mehr als nur mißtrauisch, geradezu gehässigen Unterton herauszuhören.

„Ja, genau!“ wandte der thermoplastische Fex ein. „Warum bist Du eigentlich hier?“

„Naja, ich will diesen Ort erforschen,“ antwortete ich naiv.

„Du bist also garnicht hier, weil Du verloren hast?“ rief die Goola und stand dabei auf.

„Du Gewinner!“ kreischte schrill die Unimatrix.

Hier überstürzten sich die Ereignisse: Mein untrüglicher Sinn für Gefahr wies mich darauf hin, einen strategischen Rückzug anzutreten, während um mich herum die gerade eben noch so apathisch wirkenden Gestalten sich erhoben.

Einen Moment später war ich bereits auf der Flucht durch die desolate Landschaft, verfolgt von einem Haufen überraschend dynamischer Verlierer, die lauthals schrien, was sie alles mit mir (beziehungsweise dem Gewinner, der ich angeblich sein sollte) tun würde, weil ich ein mitleidloser Verräter wäre, der ihr Unglück verhöhnen würde.

Währenddessen schrie ich panisch in mein interdimensionales Funkgerät (IDF), um ZEV 40-21 dazu zu bewegen einen Nottransport zu initiieren.

Gerade als ich dabei war in die Reichweite der Greifarme der fermischen Unimatrix zu gelangen (ihre Schwebeeinrichtung gab ihr einen unfairen Vorteil in dieser Landschaft), spürte ich wie mein Körper von der Schallortung des interdimensionalen Transports erfaßt wurde. Während ich in den Quantenstrom stürzte floßen an mir noch einige Nachbilder aus dem Universum der Verlierer vorbei.

Unglücklich standen die versammelten Gestalten um die Stelle herum an der ich mich entmaterialisiert hatte.

„Schon wieder verloren,“ brummte die fermische Unimatrix. „Hat jemand etwas Mitleid für mich?“

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