Magnus Hirschfeld im Vatikan

Zu den derzeit im Vatikan stattfindenden Vorgänge ein Gastbeitrag von unserem theologischen Berater Dr. Eichhorn:

Die im Vatikan zutage tretenden Indiskretionen um den ehemaligen Leiter der Glaubenskongregation und damit verständlicherweise mit nicht weniger als drei Enzykliken bewerten Papst Benedikt XVI., im bayrischen Markl geborenen ehemaligen Bischof von München und Freising, sowie evidenterweise Kardinal, verstören nicht nur theologisch, sondern auch politisch. Bleibt eine Bewertung von Amts wegen doch weiterhin aus, so liegt dies nicht zuletzt an der Hybris, nur vergleichbar mit der über die wissenschaftliche Verantwortung hinausgehende Evaluation, an der eigenen Bedeutung gemessene, aber den individuellen Fähigkeiten nicht entsprechende Aktion, dem historischen Irrtum Magnus Hirschfelds in der Harden-Eulenberg-Affäre.

Die fluktuierenden Grenzen zwischen Papst und Nicht-Papst innerhalb der vatikanisch-theokratischen, wie auch theologisch-apostolischen Grenzen unterliegen dennoch den Gesetzen der heteronormative Manipulation des Individuums durch das Expressionsspektrum der Mehrheitsgesellschaft. Damit ist der Funktionsträger der römisch-katholischen Kirche nicht nur in seiner Funktion eines bürokratisch organisierten, theokratischen Herrschaftsystem – unabhängig vom Glaubens- oder Gesellschaftssystem – definiert und zugleich reduziert auf eine im historischen Kontext etablierte Tradition der dogmatisch von den Rezipienten religiöser Botschaften vorausgenommenen Repräsentanz einer normativ hagiographischen Konditionierung.

Unter diesen Voraussetzungen wäre ein Eingreifen des Papstes nur möglich, wenn die Gegebenheiten der analytischen Betrachtung gegeben, deren Kommunikation aber durch externe Faktoren die eigene Unfehlbarkeit relativieren könnten unter zugleicher Ableugnung transzendenter Relevanz, was durch das Dogma der Omnipräsenz und der Stellvertreterschaft Jesu Christi und damit der Trinität außerhalb der dialogischen Form der päpstlichen Verlautbarungen liegt.

Die dabei zu Tage tretende Ironie des Überhöhung des Amtes durch Konzentration von strukturellen gesellschaftlichen, politischen und theologischen Positionen und deren Exegese, die die praktische Realisation einschränkt, umschreiben die quantitativen, wie auch qualitativen virtuellen Formen innerhalb eines evidenten Verantwortungsbereiches, der sich Magnus Hirschfeld seinerzeit nicht erschlossen haben mag.
Es ist verständlich, dass Benedikt XVI. in seiner Gegenwärtigkeit sich dem historischen Kontext bewußt ist und deswegen derartige Vergleiche zu vermeiden sucht.

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