Das Banker-Sein ist eine individuelle Entscheidung

Ich kann nicht sagen, dass ich der Familie meiner Tante bisher sehr nahegestanden hätte. Man trifft sich auf Familienfeiern und wie es nicht selten so ist, wenn man unterschiedlichen Generationen angehört, hat man sich nicht viel zu sagen. Sicherlich findet man sich sympathisch, man kommt miteinander klar, ist ja auch irgendwie verwandt und im Zweifelsfalle kann man sich immer noch darüber unterhalten, welche jüngste Wendung in der Familiengeschichte es gegeben hat (oder zumindest warum der Urlaub meiner Großmutter damals nach Madeira keine gute Idee gewesen ist).

Aber es gibt familiäre Dinge, die sich nicht vermeiden lassen und die Tatsache, dass wir in derselben Stadt wohnen scheint eine gewisse Form von erzwungener Nähe darzustellen, der man nur mit vorauseilender Übererfüllung sozialer Kontakte begegnen kann. Mit anderen Worten: Ich war häufiger bei Ihnen zu Gast als bei jedem anderem meiner Verwandten jemals zuvor. (Der Grund warum ich bei meiner Tante und ihrer Familie zu Gast war und nicht umgekehrt, war ein pragmatischer: Als Einzelperson war ich einfacher zu bewegen als die fünfköpfige Truppe meiner Tante.)

Dennoch blieb unser Verhältnis eigentlich immer eher distanziert. Zumindest empfand ich es so. Daran änderte auch die Offenbarung meines 17jährigen Neffen nichts, als er seinen Eltern mitteilte, dass er gerne eine Bankenlehre machen wollte.

Natürlich war dies ein Schlag für die Eltern, die offensichtlich bisher den Eindruck gehabt hatten immer alles richtig in Bezug auf ihre Kinder gemacht zu haben. Ich versuchte gleichzeitig neutral zu bleiben. Ein derartiges Coming-Out in diesem Alter war ja an sich nichts ungewöhnliches, auch wenn seine Karriere gegen jeden meiner humanistischen Grundsätze verstieß.

Dennoch schien meine Tante mich als eine Autorität in dieser Angelegenheit heranzuziehen. Vielleicht lag es daran, dass ich in ihrem Umfeld der einzige Mann war, der rein altersmäßig an ihren Sohn herankam. Das war nur eine Vermutung meinerseits, die ich mir so zusammenreimte, aber irgendwie hatte ich den Ruf erworben, ein Experte in Fragen von karrieristisch verwirrten Jugendlichen zu sein (möglicherweise waren meine lange zurückliegenden zwei Semester Wirtschaftsinformatik daran schuld). Auf jeden Fall rief mich meine Tante in regelmäßigen Abständen an und klagte ihr leid über ihren ältesten Sohn.

Ungefähr einmal in der Woche rief sie mich an. Zumeist begannen die Gespräche recht harmlos. Sie fragte mich nach den jüngsten Vorkommnissen in meinem Leben, die ich zumeist in wenigen Worten zusammenfassen konnte und da meiner Tante sowohl Namen, als auch Orte in meinem Leben nichts sagen konnten. Darauf faßte sie dann in einigen Worten ihren Alltag zusammen und dann kam sie auf ihre Kinder zu sprechen…

„Lars, Du weißt. Der, der bei der Bank arbeitete…“ So begann es immer. Sie erinnerte mich jedes Mal daran, dass es Lars war, der bei der Bank arbeitete, obwohl ich mir das durchaus merken konnte. Vielleicht lag es einfach auch daran, dass sie Lars von ihren Töchtern trennen wollte, irgendwie abgrenzen.

Und dann begann eine lange Schilderung, die sich über vokale Höhen und Tiefen zog, die mal in mitleiderregendes Wimmern, mal in herzerweichendes Schluchzen und ganz selten auch in wütende Tiraden ausartet. Ich war mir nicht sicher, ob dies der Normalzustand meiner Tante war, oder ob sie nur mir gegenüber ihren Gefühlen solch freien Lauf ließ.

Sie schien Trost in den Verschwörungstheorien zu finden: Dass „sie“ schuld seien; dass „sie“ ihn ihr weggenommen hätten; dass „sie“ ihn zwingen würden diese Dinge zu tun…

Ich versuchte sie aufzumunter und zugleich etwas zu vermitteln: Banker zu werden war eine völlig legitime, individuelle Entscheidung; es gab Zeiten in denen es vollkommen normal gewesen ist, Banker zu sein; dass man Bankern ist, heißt nicht, dass man ein schlechter Mensch ist; usw.

Meistens gelang es mir sie im Laufe des Gespräches wieder etwas zu beruhigen. Sie bedankte sich überschwänglich, weil es ihr nach dem Gespräch schon „viel besser“ ginge oder entschuldigte sich, dass sie mich mit ihren Angelegenheiten belastete oder versprach, dass ihr so etwas sonst nie passieren würde oder alles auf einmal. Wir verabschiedeten wir uns dann höflich voneinander und ich rechnete fest damit, dass sie mich im Laufe der nächsten Woche wieder anrufen würde.

Allerdings wurde es in der letzten Zeit schlimmer.

Es lag sicherlich an den Nachrichten, die ich auch periphär verfolgte: Liborskandal hier, Morgan Stanley dort, Steuerhinterziehung oben drauf…
Ihre Anrufe wurden immer panischer. Sie fragte schon garnicht mehr nach mir und meinem Leben, sondern legte gleich los. Nur am Rande bekam ich mit, dass es inzwischen bei Ihnen fast täglich zu Streitereien kommen mußte (ihr Sohn lebte immer noch bei ihnen im Haus), weil mein Neffe mal wieder „bei denen“ gewesen war. Ihre Stimme wurde immer schriller, ihre Schilderungen immer verzweifelter. Manchmal schluchzte sie am Ende nur noch.

Mir blieb nicht, was ich tun konnte: Ich versuchte sie aufzumuntern, ihr zuzureden, ihr zu bestätigen, dass sie keine schlechter Mutter war, nur weil ihr Sohn bei einer Bank arbeitete. Es half nichts.

Mein Onkel ergriff wohl die Initiative und verwies meinen Neffen des Hauses. Nicht nur, weil auch er seinen Lebensstil nicht mehr ertragen konnten, sondern auch damit meine Tante sich wieder beruhigen könnte.

Es half alles nichts. Die Tatsache, dass ihr Sohn sich nun „von denen“ aushalten ließ und eine eigene Wohnung hatte, die auch näher bei „ihnen“ war, schien ihr den Rest zu geben. Nachdem heute erst diese Geschichte von den Banken und den Lebensversicherungen auf den Bermudas an die Öffentlichkeit kam, war wohl eine Schwelle überschritten.

Wie mir mein Onkel heute mitteilte, mußte meine Tante nun in Kur zur Erholung. So wie er das aussprach würde er sie wohl länger dauern.

Ich saß nachher lange fassungslos auf dem Sofa und fragte mich, ob ich nicht etwas hätte tun können. Mein Freund nahm mich in den Arm und versuchte meine düsteren Gedanken zu vertreiben.

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