Der gute Schland

Maschinen stampfen, Ventile zischen und große Hämmer hämmern auf die Zahnräder des Großbetriebes ein in dem Deutschland seinem Tagewerk nachgeht. Dem etwas übergewichtigen, aber freundlichen Vorarbeiter nimmt niemand im Betrieb so ganz ernst, aber er erntet doch Bewunderung wie er jeden Tag pünktlich wie ein Uhrwerk zur Arbeit kommt und pflichtbewußt seinem Dienst nachgeht. Da nimmt ihm niemand auch seine unwitzigen Sprüche in der Kantine oder sein manchmal doch recht großspuriges Auftreten übel.

Er ist halt der gute alte Deutschland, oder von Freunden einfach nur „Schland“ genannt. Das paßt so auch ganz gut zu ihm, wenn der Schweiß sein Feinripp-T-Shirt durchtränkt hat und man unfreiwillig darunter seine verzwirbelten Brusthaare wie eine Matte liegen zu sehen bekommt. In diesen Moment trägt er stolz seine Maschinenölflecken, obwohl er doch inzwischen meistens im Büro arbeitet und nur noch selten im Maschinensaal zu sehen ist.

So auch an diesem Tag, wo er all den anderen hart Schuftenden großzügig zuwinkte, während er für einen wohlverdienten, vorgezogenen Feierabend zum Fabrikausgang stiefelte. Bevor er allerdings nach Hause ging, mußte er noch an der Stechuhr vorbei, wo auch der Abrechnungsschalter war, um seinen Lohn abzuholen.

„Moin!“ posaunte er fröhlich durch die vergitterte Öffnung in der Wand.

„Morgen,“ entgegnete die Dame hinter dem Tresen trocken, als sie nach vorne trat.

„Wollt noch schnell meinen Lohn holen, bevor ich abdampfe. Am Wochenende soll’s zum Campen gehen…“

Die Dame nickte nur, während sie in ihren Unterlagen herumblätterte.

„Na, wie schaut’s denn aus?“ Schland beugte sich soweit vor, wie es ging und kaute genüßlich auf seinem Kaugummi herum.

„So, hier haben wir es. Deutschland, richtig?“

„Jawoll!“

„Also…“ Sie nahm einen Stift zur Hand, setzt ihre Brille auf die Nase und ging einige Zahlenkolonnen durch, während Schland schon einmal seinen Geldbeutel hervorholte.

„Ja, also sie haben Attikus und Espagnola in der Kantine Geld geliehen…“

„Klar hab‘ ich das,“ sagte er stolz und wunderte sich garnicht, woher die Dame das eigentlich wußte.

„Dann bekomme ich von Ihnen noch…“ Sie griff durch die Gitterstäbe, zog ihm das Portemonnaie aus der Hand, zu sich herüber, öffnete es und begann das Geld darin zu zählen.

„Mo… Moment, ich… was?“ stotterte Schland.

„Ja, das wird wohl nicht ganz reichen, um die Firma zu retten.“ Die Frau seufzte. „Dann werden wir die Fabrik wohl dichtmachen müssen.“ Und mit diesen Worten griff sie nach seiner Hand, die er – verdutzt wie er war – von ihr schütteln ließ. „Machen Sie es gut, es war schön, dass sie bei uns waren.“ Dann griff sie nach dem Rolladen und ließ ihn mit einem Knallen heruntersausen.

Für einen Moment stand Schland wie versteinert vor der nun verschlossenen Öffnung in der Wand. Er wollte noch etwas sagen. Wollte noch widersprechen und erklärt bekommen, wo denn der Zusammenhang war. Wieso seine Firma so plötzlich und überhaupt…
Aber in seinem Kopf bildete sich ein Knäuel an widersprüchlichen Gedanken und Stimmen und er tat, das was er in solchen Momenten immer tat: Er drehte sich um und ging davon.

Er verließ schnellen Schrittes die Europa-Werke, ging über den Parkplatz zu seinem Auto und setzt sich hinter das Steuer seines neuen S-Klasse-Mercedes. Automatisch sprang der Bordcomputer an und begann seinen Lieblingssong von Toto zu spielen, während er den Wagen anließ und vom Parkplatz herunterfuhr.

An einer Ampel – während des Synthesizer-Solos – kam er endlich zu einem Schluß: Das nächste Mal! Das nächste Mal würde er fragen, was das eigentlich alles sollte…

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