Unter der Dusche, auf dem Weg zum Mars

Morgens, wenn ich mich aus dem Bett gequält hatte und mit mattem Schritt bis unter die Dusche vorgearbeitet hatte, dann konnte ich mich darauf verlassen, dass mit drei-minütiger Verzögerung meine Reise begann.
Während das Wasser nur zögerlich von kalt zu lauwarm hinüberwechselte, sprang der Lüfter an: Ein langsam, leise schleifendes Geräusch, dass sich zu umwichtigem Kreiseln steigerte, bevor er dann endgültig ansprang und sich scheinbar riesige Motoren mitten in der Mauer in Bewegung setzen.

Während das Wasser auf mich herabtröpfelte, erzitterte unter mir eine riesige Maschine, ein überlautes Getriebe zum Antrieb von Propeller, die schließlich mit voller Geschwindigkeit die kleine Zelle des Raums mit Bass-geladenem Wummer erfüllte, als ob eine Rakete starten würde.

Nein, dies war keine Rakete aus einem Hollywoodfilm. Dies war eine Rakete sowjetischer Bauart, die von Baikonur aus zur Kolonisierung des Mars aufbrach.
Ich war ein Astronaut in den Diensten des unsterblichen Supercomputers S.T.A.L.I.N. dessen mechatronisches, Uran-getriebenes Gehirn diese aus grobem Eisen gehauene, Dampf-getriebene Rakete ersonnen hatte. Während ich mich in der meiner Stasiskammer einfand, die sich langsam mit Wasser füllte, um mich für die Dauer der fünfjährigen Reise in Tiefschlaf zu versetzen, sprangen die Motoren der Rakete an und befeuerten die tonnenschweren stahlgedrechselten Düsen unter mit. Nur noch massive, Titan-verstärkte Eisenklammern hielten diesen Koloss zurück, während alles um mich herum bebte und unter der Urgewalt millionenfach verstärkter Dampfmaschinen erzitterte.

Doch ich ließ mich davon nicht beunruhigen. Ich war ein Held der Arbeit, im Dienste des großartigen Fünfjahresplanes, der nicht weniger als die Eroberung des gesamten Weltraums im Namen meines Kombinats ermöglichen würde. Die wummernden Geräusche waren ein Ausdruck meiner Entschlossenheit, ein Zeichen für meine bevorstehende Mission, die ich pflichterfüllt…

Vor ein paar Tagen haben sich meine Nachbarn bei meinem Vermieter wegen der Lüftung beschwert. Als der Elektriker kam, um es heute auszuwechseln, fragte er mich, ob ich nicht froh sei, dass ich das alte Ding endlich los sei. Ich wußte nicht was ich ihm antworten sollte. Mein langer, tränenfeuchter Blick schien ihm allerdings unangenehm zu sein und er entriss mir schnell den frisch unterschriebenen Reparaturauftrag und verabschiedete sich mit einem Murmeln.

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