Auf dem europäischen Fernwanderweg, als plötzlich…

Mein Bruder und seine Frau hatten diese unangenehme Sache bei Ihnen im Haus. Kurz gesagt: Sie mußte dort die Handwerker beaufsichtigen, während das Haus selber eigentlich unbewohnbar war. Deswegen fragten sich mich an, ob ich nicht kurzfristig auf meine Nichten und meinen Neffen aufpassen könne. Ich habe natürlich zugesagt, man gehört schließlich zur Familie und übernimmt gemeinsam Verantwortung und all das.

Nun muß ich dazu erklären, dass meine Nichten und mein Neffe die eigentlichen Herrscher im Haus sind. Man kann das jetzt sehen wie man will, aber das ist einfach eine Tatsache, die man akzeptieren muß. Nichtsdestrotrotz habe ich absolut garnichts gegen sie. Im Gegenteil, im Grunde sind es ganz verständige Kinder, auch wenn sie natürlich ihre Eigenheiten haben.

Da ist erst einmal Exe, die älteste: Immer sehr pragmatisch, sehr darauf sofort alles zu erledigen und wie ältere Schwester gerne mal so sind, recht dominant gegenüber den beiden anderen. Legi ist derzeit in einer schwierigen Phase, er kommt sich ständig übergangen vor und ist deswegen meistens schlecht gelaunt. Judi ist die jüngste und wirkt ziemlich altklug, versucht immer ausgleichend einzugreifen, wenn Legi und Exe sich mal wieder in die Haare bekommen.

Ich dachte mir, dass es für die Kinder eigentlich ganz gut wäre mal rauszukommen. Nachdem das Familienheim sich auch in einem bedauernswerten Zustand befand, schien es mir angebracht ihnen mal etwas anderes zu präsentieren.

Am Telefon entschied ich gemeinsam mit Exe, dass wir eine Wanderung auf dem europäischen Fernwanderweg in die generelle Richtung Griechenlands machen würde. Ich hätte ahnen können, dass das ein Fehler war.

Zuerst schien alles gut zu laufen. Die Kinder kamen bei mir an, wir richteten unsere Sachen. Exe war wie immer extrem fleißig, Legi schien mir zumindest nicht mißmutiger als sonst und Judi stand dabei und wirbelte mit ihrem Anorak im Wind, wie sie es gerne machte.

Wir waren schon einige Zeit unterwegs, als ich bemerkte, dass sich Legis Miene immer weiter verdüsterte. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass – anders als ich eigentlich erwartet hatte – Exe mit ihren Geschwistern nicht abgesprochen hatte, dass wir auf einer Wanderung in Richtung Griechenland unterwegs waren. Wie gesagt: Ich hätte es ahnen müssen…

Trotz Legis wachsendem Widerwillen waren wir jetzt aber schon unterwegs. Umdrehen war nicht wirklich eine Option, was seine Stimmung nicht gerade verbesserte. Natürlich wirkte sich das auch auf Exe und Judi aus.

Als wir schließlich eine Rast in einem Berggasthof machten, bot ich Legi versöhnlich an, dass er doch entscheiden solle, was wir gemeinsam essen würden. Er wälzte mißmutig die Speisekarten.

Als der Kellner kam, sagte Exe sofort: „Wir nehmen einen dreifachen ESM mit Pommes, Mayo und EZB!“

Ich sah etwas fassungslos Exe an, die nur lächelte, als ob sie sich nicht bewußt gewesen wäre, dass sie Legi übergangen hatte.

Ich wies den Kellner an, dies nicht ernst zu nehmen, doch der Schaden war bereits entstanden. Legi saß verstockt mir gegenüber. Als ich denn fragte, was wir essen sollten, antwortete er nur: „Mich fragt ja eh keiner!“

Ich seufzte und versuchte ihn davon zu überzeugen, dass er doch bitte etwas aussuchen solle. „Ich hätt‘ gern nen vegetarischen ESM mit Salat und Zwiebeln. Aber mich fragt ja keiner. Deswegen will den jetzt auch nicht mehr.“

„Legi, was sollen wir denn nun essen?“ fragte ich ihn. „Einer muß entscheiden und wir hatten doch vereinbart…“ Hier warf ich einen tadelnden Blick zu Exe hinüber. „…dass Du das sein würdest.“

Legi verzog das Gesicht. „Judi soll entscheiden…“ grummelte er.

Ich atmete tief durch. Besser als nichts, dachte ich mir und sah Judi an.

Deren Augen weiteten sich und sie riss mit kindlichem Enthusiasmus die Karte an sich, die sie sofort mit äußerster Genauigkeit zu studieren begann.

In der Zwischenzeit versuchte ich den Kellner davon zu überzeugen, dass er etwas Geduld aufbringen würde, was nicht ganz einfach war. Offensichtlich war er noch nie mit Abstimmungen unter Kindern bekannt gemacht worden.

Nach langer, sehr langer Überlegung legt Judi schließlich die Karte beiseite. Wie es ihre Art war, setzte sie sich jetzt aufrecht hin und nahm eine bedeutungsschwangere Haltung ein. Legi und Exe schielten beide zu ihr hinüber, offensichtlich gespannt darauf, wie ihre Entscheidung ausfallen würde.

„Wir nehmen einen zweifachen ESM,“ sagte Judi.

Etwas zuckte in Legis Gesicht.

„Vegetarisch, mit Salat, aber ohne Zwiebel, mit Pommes, ohne Mayo, stattdessen Ketchup und etwas EZB.“

Der Kellner sah sie verdattert an. Alle sahen sie verdattert an.

„Ich muß erstmal gucken, ob wir sowas überhaupt in der Küche haben,“ murmelte der Kellner schließlich, entriß uns die Speisekarten und verschwand raschen Schrittes.

Ich schielte zu Legi und Exe hinüber und schluckte. Legis Hände umklammerten so fest die Tischplatte, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Exe versuchte scheinbar gut gelaunt in die Landschaft zu gucken und sich nichts anmerken zu lassen, aber ich konnte die Spannung in ihrem Kiefer erkennen. Sie haßte Salat.

Dies würde eine lange Wanderung werden und ich war mir nicht mehr sicher, ob wir überhaupt ankommen würden.

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