Schwerhörige Pilze

Mein Onkel Harald ist bereits seit einiger Zeit schwerhörig. Mit 74 Jahren ist das auch nicht unbedingt überraschend, zumal die Schwerhörigkeit durchaus in der Familie verbreitet ist.

Bei seinem Schwiegersohn Trpko ist die Schwerhörigkeit überraschender. Er war während des Jugoslawienkriegs nach Deutschland gekommen und hatte hier zuerst auf dem Bau gearbeitet, wo er sich einen Hörschaden zugezogen hat. Leider hat erst seine Frau (und meine Cousine) Andrea ihm gesagt, dass er ihm damals eine Entschädigung zugestanden hätte. Aber für diese Entschädigung hätte Trpko überhaupt erst einmal eingestehen müssen, dass er schwerhörig ist. Bei aller Sympathie, die ich – nicht nur aus verwandschaftlichen Gründen – für Trpko habe: Sein Beharren darauf, dass sein Gehör einwandfrei funktionieren würde, macht die Kommunikation nicht gerade einfach.

Nicht nur aus gesundheitlichen Gründen verstehen sich Trpko und Christian nicht besonders gut. Zwischen ihnen beiden herrschte schon immer eine Form von Kalten Krieg, der eigentlich völlig grundlos ist. Weil er grundlos ist, ist er umso schwieriger zu beseitigen. Ständig scheint ein unausgesprochener Vorform zwischen beiden im Raum zu stehen. Wie Andrea mir verraten hat, wirft Trpko seinem Schwiegervater vor, ihn bevormunden zu wollen; andersherum wirft Christian ihm vor undankbar zu sein. Familientreffen bei denen beide anwesend sind, sind… unangenehm.

Nun gibt es aber eine Leidenschaft, die sie teilen: Es ist ihre sehr frugale Liebe zur Natur. Anders ausgedrückt, wenn der Herbst kommt, dann gibt es nichts was beide mehr begeistern würde, als Obst, Nüsse oder Pilze zu sammeln, die dann anschließend in fetten Kuchen oder überbordenden Eintopfgerichten Eingang erhalten. Nicht unbedingt gemeinsam, aber es ist nicht schwer vorzustellen, dass beiden sehr ähnliche Gedanken gekommen sind angesichts der dieses Jahr zu erwarten Steinpilzernte.

Auf jeden Fall machten sich Christian und Trpko an einem Wochenende gemeinsam auf den Weg, um Steinpilze (und was man sonst noch so finden kann) sammeln zu gehen. Das es soweit gekommen war, lag vor allem an meiner Tante, die es meinem Onkel strikt verboten hatte alleine im Wald Pilze sammeln zu geben.

Das sie sich beide nun an jenem Wochenende gemeinsam in einem von Trpko gefahrenen Auto wiederfanden, war nur damit zu erklären, dass sonst keiner aus der Familie dazu hinreißen an diesen ihren männlichen, mit stummer Genugtuung und einem gewissen Wahn betriebenen Ausflüge teilzunehmen. Also machten sie sich gezwungenermaßen (und nicht ohne gegenüber ihren Frauen mehrfach geäußertem Protest) gemeinsam auf dem Weg: Den Steinpilzen zulieben.

Ihr Ziel war ein regionales Naturschutzgebiet.
Natürlich war dort Pilzesammeln verboten. Christian naht dieses Verbot mit einer gewissen verbissenen Altersstarrheit nie allzu ernst („Wir haben da früher immer Pilze gesammelt!“), Trpko wiederum brachte eine gewisse Form von mediterraner Nonchalence mit, die sich um deutsche Vorschriften nicht allzu sehr kümmerte (übrigens einer der Gründe, wie es ihm gelungen war seine spätere Frau Andrea zu verführen).

Doch die Schwerhörigkeit beider Pilzsucher machte die Angelegenheit nicht gerade einfacher. Irgendwie mußten sie miteinander kommunizieren, was dazu führte, dass da zwei Männer weitab der (offiziell erlaubten) Wege durch den Wald stapften und sich alle paar Minuten mit „STEINPILZE!“ oder „PFIFFERLINGE!“ anbrüllten, wenn einer von beiden eine vielversprechende Stelle gefunden hatte.

Natürlich dauerte es nicht lange bis einer der, neudeutsch als „Ranger“ bezeichneten Waldhüter auf sie aufmerksam wurde. Was folgte war eine wilde Flucht durch den Wald, wo ein ortskundiger Schwerhöriger (Christian) einem anderen Schwerhörigen (Trpko) ständig laut zurief, wo er denn langlaufen mußte. [Hier ist anzumerken, dass Christian trotz seines Alters noch sehr rüstig ist, Laufen ist gar kein Problem, im Gegensatz zum Hören.]

Selbstverständlich hatten der Ranger bei dieser Form der Verständigung dennoch keinerlei Probleme den beiden flüchtigen Pilzsammlern zu folgen…

„Und? Was ist die Moral von der Geschichte?“ fragte ich Andrea, bevor ich einen weiteren Löffeln von meiner Steinpilzrahmsuppe nahm.

„Wenn Du die Probleme zwischen Deinem Mann und deinem Vater lösen willst, raube ihnen ihr Gehör und schicke sie gemeinsam zum Pilzsammeln in ein Naturschutzgebiet,“ antwortete sie.

Ich warf einen Blick über den Tisch, wo Trpko und Christian nebeneinander am Tisch saßen. Beide hatten noch blaue Augen von der Prügelei mit dem Ranger.

„WILLST DU BROT?“ schrie Christian plötzlich.

„WAS?“ schrie Trpko zurück.

„OB DU BROT WILLST!“ schrie Christian.

„WARUM WOLLTE ICH BROT WOLLEN?“ schrie Trpko zurück.

„WEIL MAN MEINE STEINPILZSUPPE MIT BROT ISST!“

„DIE DU MIR VERDANKST, WEIL DEIN RECHTER HAKEN SCHEISSE IST.“

„DESWEGEN FRAGE ICH DICH, OB DU BROT DAZU WILLST!“

Trpko sah ihn grimmig an, und nahm dann ein Brötchen aus dem Brotkorb, dem Christian ihm hinhielt. Dann beugten sich beide wieder über ihre Teller.

Langsam nahm ich einen Löffel von der Steinpilzsuppe und nickte Andrea zu.

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