Der hübsche Blogpost

Wir präsentieren heute stolz, die Vorabpremiere eines neuen Essays von Dr. Eichhorn, ins lesbare Deutsch übertragen von Plappergeientaucher:

Funktion und Sinn des hübschen Blogposts wird allgemein unterschätzt.
Sein Ursprung geht auf eine Entwicklung der Romantik zurück, den „ästhetischen Brief“. Sinn und Zweck des Briefes war dabei nicht der Informationsaustausch – ja, es ging sogar soweit, dass die Information in einem „ästhetischen Brief“ als störend und – um in der Sprache der Zeit zu bleiben – „lässlich“ angesehen wurde. Sinn sollte vielmehr sein die emotionale Bindung zwischen Sender und Empfänger zu stärken. Dies wurde durch Kalligraphie, spontane Zeichnungen und vor allem auch lyrische Passagen erreicht. Der „ästhetische Brief“ war dabei – entgegen landläufiger Meinung – nicht nur ein Liebesbrief, sondern wurde auch zwischen Männern ausgetauscht. Ja, sogar zu geschäftlichen Zwecken, abgesehen natürlich von den feierlichen Anläßen (Hochzeiten, Feiertage, Geburtstagswünsche)…

Die Mode des „ästhetischen Briefes“ erreicht etwa um 1820 seinen Höhepunkt, sollte aber – trotz eines Abflauens der Begeisterung – bis zum Ende des 19ten Jahrhunderts andauern und erst mit der Verbreitung der Schreibmaschine beendet werden. Dies ging soweit, dass es zu dem Höhepunkt der Bewegung es durchaus gut verdienende, professionelle „Briefschreiber“ gab, die im Bedarfsfalle (wie beispielsweise eine unleserlichen Handschrift oder eines unterentwickelten lyrischen Empfindens) angeheuert werden konnten. Gegen einen geringen Beitrag verfassten sie dann den jeweils gewünschten „ästhetischen Brief“, der dann – in Seidenpapier verpackt und mit ein paar Tropfen Duftöl versetzt – per Post an den Empfänger versandt wurde.
Die Verbreitung dieser duftgetränkten Briefe führte unter Briefträgern übrigens zu der Berufskrankheit der „olfaktorischen Insuffizienz“, auch als „Briefträgernase“ bekannt.

Zu Beginn des 20ten Jahrhunderts ließ die Begeisterung für den „ästhetischen Brief“ deutlich nach, voran vor allem die Entwicklung neuer Medien, wie etwa auf Telefon und Telegram beitrugen. Vor allem das Schmucktelegram trug maßgeblich zum Aussterben des ästhetischen Briefes bei. 1912 verstarb der letzte deutsche „Schreiber höchst-erbaulicher und künstlerischer Post“ (so seine korrekte Berufsbezeichnung) Johannes Nickelbauer in Oppheim an der Lahn.

Kurzfristig lebte diese Mode nach dem 1. Weltkrieg noch einmal auf. Die Bewegung der Dadaisten war begeistert von der Inhaltsleere des „ästhetischen Briefes“ und verbreitete diese begeistert. Vor allem Jean d’Anouilh (1897-1943) war unter den Dadaisten als Meister dieser Form bekannt.
Allerdings wurde die dadaistischen Briefe in den pragmatischen 20er Jahren schnell als „unverständlicher Quatsch“ abgetan und nicht selten verbrannt. Deswegen sind heute leider nur wenige Originale aus dieser Zeit erhalten.

Erst mit der Einführung der Email in den 1960er-Jahren erlebte die Form eine späte Renaissance. Mit dem Beginn der Netzwerktechnik gab es noch eine gewisse Unzuverlässigkeit in der Auslieferung derselben. Deswegen wurden nicht selten „pretty eletronic mails“ verschickt, um die Funktionalität und Zuverlässigkeit der Netzwerke zu testen. Dies war eine Gegenbewegung zu den ansonsten sehr pragmatischen Testversuchen von Netzwerktechnikern, die nicht selten nur aus einem einzigen Wort bestanden („Test“).

Auch mit dem Fortschritt der Technik blieb diese Form erhalten. Zwar ging der Testzweck der „hübschen Email“ schnell verloren, allerdings ließen andere technische Entwicklungen (etwa die Möglichkeit grafischer Attachments) sie nicht überflüssig werden. Auch die Kunst entdeckte diese Form von neuem, wie man etwa an dem Email-Ausstausch von Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat und Jon Postel von 1982 sehen kann, dessen Verwendung von ASCII-Art auf Jahre hinweg stilbildend bleiben sollte.

Neuere Tendenzen führten vor allem auch zu dem Einfluß der Streetart in die „hübsche Email“ einerseits (man beachte etwa Keith Harrings Beiträge dazu), andererseits verbreitete sie sich etwa durch Filme wie „Email für Dich“/“You’ve got mail“ mit Tom Hanks und Meg Ryan in einer weiteren Öffentlichkeit, einem Film der geradezu idealtyisch die Qualitäten der „hübschen Email“ verkörperte.

In den letzten Jahren begannen sich die Verbreitungsmöglichkeiten und -wege zu multiplizieren. SMS, wie auch Nachrichten in sozialen Netzwerken ersetzen vielfach die Email. Die Sammlung ästhetischer SMS im Museum of Modern Art (New York) auf authentischen Nokia-Handies der 90er-Jahre ist immer wieder einen Besuch wert, nicht zuletzt auch wegen der Präsentation musikhistorisch äußerst interessanten, authentischer Klingeltöne dieser Epoche.

Andererseits zog die Form zuerst auf Webseiten (wie etwa dem heute nicht mehr existenten GeoCities), wie auch in Blogs ein, wo sie sich heute großer Beliebtheit erfreut, wie etwa die Bloggingplattformen Livejournal und Tumblr beweisen. Gerade dort, aber auch an vielen anderen Stellen im Netz finden sich viele Beiträge, die die Ideale des „ästhetischen Briefes“ oder der „hübschen Email“ weiterhin erhalten: Die genußvolle Präsentation eines ästhetischen Vergnügens, ungestört von jeder Information.

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