BDSM in London

Wir treffen einen echter Briten beim Inder um die Ecke. Ramin ist 39 und serviert das beste Curry westlich von Madras. Zur EU will er sich nicht so gerne äußern. Zuviele Touristen, die seinen Laden besuchen. Stattdessen beklagt er sich über die hohen Mieten in Hackney. Erst recht hätten die noch einmal angezogen, seitdem dieser irre Graffitityp bei ihm im Viertel etwas an die Wand geschmiert hätte.

Nach dem Ende seiner Schicht treffen wir uns noch auf einen Tee. Nun ist Ramin etwas gesprächiger. Ja, das die EU immer mehr Geld will, davon hat er gehört. Er möchte auch immer mehr Geld. Alle wollen immer mehr Geld. Er schlürft an dem heißen Getränk in seinem Pappbecher. Es ist kalt und ungemütlich an diesem Novembertag im Jahr 2012.

Sympathien für die Tories und Premier David Cameron hat Ramin nur wenig. Er mißtraut ihren Beziehungen zu den großen Unternehmen und zum den Kapitalgesellschaften. „Aber Blair war auch nicht anders,“ wirft er ein. Ihre Haltung zu der EU ist ihm allerdings zu wenig konstruktiv. „Sie fragen nie, was das Vereinigte Königreich zu Europa beitragen kann.“

Dann kommen wir dem von Ramin angesprochenen Graffiti vorbei: Es ist ein Poster, dass halb abgelöst an der Wand hängt. Das Porträtbild einer Dame des 18. Jahrhunderts, die eine BDSM-Maske trägt. Wir bleiben davor stehen und blicken es eine Weile in Gedanken versunken an, während wir unseren Tee schlürfen.

Die Wand mit dem Poster soll jetzt für 50.000 Pfund verkauft werden. Ramin lacht. Wenn man bedenkt, dass vor einem Jahr die Einwohner noch befürchtet hatten, dass sie von den Ausschreitungen arbeitsloser Jugendlicher überrollt werden, kein schlechtes Geschäft, meint Ramin.

Eine ältere Dame mit einem Pudel bleibt bei uns stehen. In ausgesprochen Londoner Tonfall kommentiert sie mit einigen Schimpfwörtern das Bild und unser Interesse daran. Ich frage sie, was sie von der EU hält. Sie beginnt zu erzählen, dass sie im Sommer nach Spanien fahren wollte, aber das nicht mehr ginge, wegen der Aufstände dort. Stattdessen sei sie nach Schottland gefahren, wo es nur geregnet hätte. Fluchend entfernt sie sich wieder.

Wir sehen uns wieder das Graffiti an. Ramin meint, dass das Bild sehr viel mit Premierminister David Cameron zu tun hätte.

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