Katholische Schmerzen

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Gerade als er dabei ist sein Auto, einen alten VW Passat, abzuschließen, passiert es: Eine schwarz-gekleidete Frau in einem dicken Mantel mit falschem Pelz, tritt an Pfarrer Horch heran. „Sie werden aber auch immer fetter,“ stellt sie fest. „Machen Sie Sport?“

Horch schaut verdutzt. Kennt er sie? Seine Gemeinde ist groß, sein Gedächtnis für die vielen Namen und Gesichter nicht immer das schnellste. „Ja, ich wandere…,“ antwortet er leicht verdutzt.

„Mit den Kindern? Sie sehen so aus, als ob sie die Kinder mitnehmen.“

„Ja, auch mit der Kindergruppe,… Aber…“

„Befummeln Sie die auch?“

Pfarrer Horch schaut verdutzt.

Die Augen der Frau verengen sich. „Sie kommen doch nicht von hier, oder? Was suchen Sie also hier. Wir wollen Sie hier nicht!“ Und dann geht sie weg.

Horch hat garnicht die Zeit zu antworten, stattdessen sieht er zu uns, lächelt etwas entschuldigend zu uns, wobei sich eine Zahnlücke zeigt und schließt endlich sein Auto ab. Er geht mit uns hinein, wie er es eigentlich schon die ganze Zeit hatte tun wollen.

Innen bietet er uns einen Tee an und setzt sich mit uns an den Tisch, in der kleinen Küche. Die Wohnung hat ihm die Gemeinde zur Verfügung gestellt. Sie gehört zu den Privilegien seines Berufes. Aber nicht viel mehr. Die Gemeinden sind klein hier in der Gegend.

„Das war symptomatisch,“ stellt er abschließend zu der Begegnung vor der Tür fest. Es ist ihm anzusehen, dass es ihm unangenehm ist darüber zu sprechen. „Und es ist schwierig mit solchen Anschuldigungen umzugehen. Aber man muß damit leben…“

Deutsche Pfarrer am Rande der Gesellschaft? Ausgestoßen und ausgegrenzt? Pauschal verurteilt für die Fehler anderer? Pfarrer Horch lächelt wieder und schüttelt leicht den Kopf. „Nein, aber es ist manchmal frustrierend, man muß sich ja zurückhalten. Man trägt ja Verantwortung.“

Da hilft auch die heutige Entscheidung der Bischofskonferenz, dass den Vertrag mit dem bisher mit der Aufklärung der Pädophiliefälle betraute Kriminologische Institut Niedersachsen zu kündigen, auch nicht weiter. Doch Pfarrer Horch möchte dazu nichts sagen. Kirchenpolitik ist für ihn als einfachen Landpfarrer Tabu.

Also was tut man dann? Wieder lächelt Pfarrer Horch. „Nun ja, es gibt da diesen Film mit Brad Pitt und Edward Norton…“
Es war eine Idee, wie man sie nur selten in einem kirchlichen Umfeld vermutet, auch hier möchte Pfarrer Horch nicht genauer ins Detail gehen. „Wir treffen uns drei oder vier Mal im Monat,“ sagt er einfach. „Ich und ein Paar andere Pfarrer aus den umliegenden Gemeinden.“ Sein Lächeln ist nun fast entschuldigend. „Auch wir sind nur Menschen und müssen mit unseren Frustrationen klarkommen. Gott ist unser Begleiter, aber er kann keinen Faustkampf ersetzen.“

Doch vor jedem Kampf wird gebetet und gemeinsam lesen die Pfarrer Passagen aus dem Neuen und Alten Testament: Passagen über die Kraft, die benötigt wird, um dem Glauben gewachsen zu sein, sich der Gemeindearbeit Tag für Tag stellen zu können. „Es ist auch für die Gemeindemitglieder wichtig. Wenn ich einem Mann oder einer Frau im Beichtstuhl gegenüber sitze und sie mein blaues Auge sehen, dann wissen sie, dass auch ich es nicht immer leicht habe. Das ich sie und ihre Nöte verstehe.“ Gemeinsames Leid verbindet.

Dennoch wollen wir zum Ende unseres Besuches, doch noch wissen, wie sich die aktuellen Ereignisse auf Pfarrer Horchs außerkirchliche Aktivitäten auswirken werden. „Wir werden uns heute abend treffen und beten…,“ sagt er vielsagend. Wer sie noch etwas anderes tun außer zu beten? „Wir werden uns treffen,“ bekräftigt er und lächelt wieder dieses Lächeln, bei dem seine Zahnlücke zu sehen ist.

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