Meine Freundin, die Drohne

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Neulich kam meine Freundin, die Drohne, vorbei. Wir kennen uns schon seit mehreren Jahren und haben anfangs häufig zusammengearbeitet. Sie war ein angehender Star beim Film und kam sehr häufig zum Einsatz, nicht zuletzt weil sie es geschafft hatte einem älteren, inzwischen etwas Diven-haften Kollegen, die Jobs abzunehmen. Im Gegensatz zu vielen anderen hatte ich das der Drohne nicht übel genommen und das war wahrscheinlich einer der Gründe warum wir uns so gut verstanden.

Auf jeden Fall tauchte sie gestern plötzlich vor dem Fenster meiner Wohnung im fünften Stock auf und klopfte zaghaft an die Scheibe.

Ich bat sie natürlich sofort hinein. Auch wenn ich etwas überrascht war (ich hatte gerade einen Kuchen gebacken). Aber für gute Freunde nimmt man sich Zeit. Das war schon immer mein Motto gewesen.
Und deswegen saßen wir einen Moment später gemeinsam am Kaffeetisch und ich goß ihr etwas in die Tasse. Genauer gesagt: Sie schwebte, ich saß.

Ich war etwas überrascht über ihr Aussehen, wollte mir allerdings nichts anmerken lassen und versuchte meine Blicke irgendwo zwischen dem dampfenden Inhalt meiner Tasse und dem Kuchenteller zu verstecken.

„Ach, ich wollte eigentlich auch garnicht stören,“ meinte die Drohne entschuldigend. „Ich bin eigentlich nur gerade auf dem Sprung und wollte einfach mal kurz vorbeischauen. Weil ich dann länger weg muß…“

„Wo geht es denn hin?“ fragte ich neugierig.

„Afghanistan,“ sagte sie und seufzte dann. „Ich will da eigentlich wirklich nicht hin, aber der Job. Du weißt schon…“

Ich nickte und versuchte schnell wieder meine Blicke von den Hellfire-Raketen abzulenken, die sie bei sich trug. „Bist Du schon auf dem Weg dorthin?“ frage ich etwas naiv.

„Ja,“ antwortete sie und nickte indem sie ihre schwebende Spitze mehrmals senkte. „Eigentlich muß ich ja Überflugrechte einholen. Aber ich habe mir das gespart und habe deswegen etwas mehr Zeit. Außerdem macht mein Operator gerade Mittagspause.“

„Ah ja…“ Ich nickte wissend. Die Drohne hatte mich früher schon einmal gefragt, ob ich nicht vielleicht ihr Operator sein wolle. Ich hatte aber abgelehnt. Bereits seit langem versuchte ich Beruf und Freundschaft zu trennen. Ich war mir nicht unsicher, ob ich sei damals verletzt hatte. Zumindest hatten wir uns daraufhin nicht mehr so oft gesehen, was ich mir allerdings immer mit ihren vielen Jobs erklärt hatte. „Bist Du denn so sehr beschäftigt?“

Sie zuckte mit ihren Rotorblättern. Der Windstoß verteilte Kuchenkrümel über den Tisch. „Ja, sehr. Ich komme kaum noch zu etwas. Filmen, überwachenjetzt auch noch abschießen. Da bleibt nicht viel Freizeit übrig.“ Sie sah mich mit ihren Sensoraugen etwas traurig an.

Ich mußte erkennen, dass sie wirklich müde aussah. Offensichtlich waren es nicht nur die Hellfire-Raketen, die auf ihr lasteten. „Willst Du nicht vielleicht mal was anderes machen?“

Sie legte sich etwas in Schieflage und für einen Moment war ich besorgt, ob der Sprengkopf der Hellfire-Rakete Kratzer auf dem Kaffeetisch hinterlassen könnte. „Ja, eigentlich kann ich ja schon was, aber in der letzten Zeit…“ Sie machte eine kurze Pause und einer ihrer Rotoren spotzte etwas. „Seitdem ich beim Militär arbeite, will mich ja niemand mehr.“

„Weißt Du damals hattest Du ja auch mit dem Transportwesen und dem Formationsflug überlegt. Aber als das Militär sich für Dich interessiert hat, hatte ich Dir damals gesagt…,“ setzte ich an und bereute es sofort, es erwähnt zu haben.

Sie sah mich verletzt an. „Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe,“ meine sie und ließ die Kaffeetasse von ihrem Flügel gleiten.

„Nein, bitte, ich meinte es nicht so!“ rief ich aus. „Versteh mich bitte nicht falsch. Aber jeder, der mit dem Militär…“

„Nein, nein, ist schon gut. Ich verstehe schon.“ Sie erhob sich schwerfällig und schwebte über mir. „Ich weiß wo ich hingehören.“

„Hör mal,“ sagte ich hastig. „Du hast soviele Talente, ich wollte bloß nur, dass Du…“

„Machst Du mir die Balkontür auf?“ unterbrach sie mich.

Ich öffnete die Balkontür und sie schwebte neben mir hinaus. „Bitte, Drohne. Verzeih mir, Du bist meine Freundin und Du wirst es immer sein…“

Sie sah mich mit ihrem Sensorauge an. Dann erlosch etwas in ihr. Ich bemerkte, wie plötzlich etwas in ihr umschaltete und hörte dann eine Stimme durch ihren Lautsprecher.

„Was ist denn das?“ tönte es blechern. „Wieso ist das Scheißteil von der Flugroute abgekommen?“ Ihr Operator war aus der Mittagspause zurück.

Sofort erhob sie sich senkrecht in die Luft. Ich sah sie noch einen Moment über der Stadt schweben. Das Sonnenlicht brach sich auf den Hellfire-Raketen und die Reflektion blitzte über die Dächer der Stadt. Dann drehte sie sich plötzlich und beschleunigte schlagartig. Nur einen Moment später war sie schon jenseits meines Horizontes verschwunden.

Langsam schloß ich die Balkontür. Vielleicht würde ich sie vergessen können, aber ich wußte, dass – wenn ich sie wiedersehen sollte – es keine freudige Begegnung mehr sein würde.

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