Der Sexist: Das mißverstandene Wesen

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Manchmal ist es nicht einfach mit Erfolg umzugehen. Das mußte Feministin Andrea Kahlenberg auf die harte Tour feststellen: Nachdem sie jahrelang wirkungslos auf die sexistischen Übergriffe einer Gruppe in ihrem Landesbüro der deutschlandweit tätigen Ost-West AG um den Abteilungsleiter Manuel K. hingewiesen hatte, hatte sie vor knapp einer Woche endlich Erfolg.

Im Zuge der #Aufschrei-Bewegung auf Twitter und der allgemeinen Debatte um Sexismus in der Gesellschaft, vor allem aber auch in der Arbeitswelt, sah sich die Ost-West AG genötigt gegen Manuel K. und weitere Mitarbeiter vorzugehen. Seitdem ist ein deutlicher Rückgang an Herrenwitzen, anzüglichen Komplimenten, Grapscherein und ähnlichem Verhalten festzustellen.

Doch für Andrea Kahlenberg ist die Situation trotzdem nicht besonders angenehm. „Zuerst dachte ich, dass es mir die Kollegen übelnehmen würde. So wie die Betriebsräte, mit denen ich das das erste Mal vor vier Jahren gesprochen hatte und die mich danach nicht mehr auf dem Gang gegrüßt haben. Aber das war überhaupt nicht der Fall,“ erklärt Andrea Kahlenberg. „Stattdessen habe ich bemerkt, dass Manuel K. immer depressiver wurde.“

Beginnend mit der Ermahnung durch die Personalabteilung begann wohl innerhalb der Ost-West AG ein Ausgrenzungsprozess, dem Manuel K. zum Opfer fiel. Auch andere Kollegen aus seinem Umfeld, die sogenannte „Thailand-Connection“, waren davon betroffen. Allerdings niemand so sehr wie Manuel K.
Nachdem sein sexistisches Verhalten im Konzern an die Öffentlichkeit kam, wurde er zunehmend isoliert. Niemand wollte sich mehr mit ihm in der Kantine an einen Tisch setzen. Niemand mehr mit ihm einen Kaffee trinken. Von einem Bier nach Feierabend ganz zu schweigen.

„Es tat mir so leid um ihn,“ sagt Andrea Kahlenberg dazu. „Ich konnte ja sehen wie er darunter litt. Jetzt wo alle wußten, dass er ein sexistisches Schwein ist, haben sie ihn ausgegrenzt. Es war so offensichtlich, dass es ihm nicht gut ging.“

Doch Andrea Kahlenberg ist nicht nur Feministin. Ihr geht es insgesamt um ein verständnisvolles, respektvolles Miteinander und deswegen beschloß sie, dass es so mit Manuel K. nicht weitergehen konnte: „Ich habe ihm angeboten, dass er meinen Po betatschen darf. Ich mag das wirklich nicht gerne, aber wenn ihn das befriedigt, wenn ihm das hilft, dann dachte ich mir, dass ich da auch meine eigene Scheu etwas überwinden muß.“

Doch Manuel K. ging nicht darauf ein. Auch ihre Angebote in der Montagskonferenz zu sagen, dass sie nur wegen ihres Brustumfangs befördert worden sei oder sie im Fahrstuhl betrunken anzumachen, wollte er nicht annehmen.

Andrea Kahlenberg ist äußerst betroffen. „Ich habe immer gegen Sexismus gekämpft. Aber jetzt ist mir klar geworden, dass ich dabei immer nur an mich gedacht habe. Ich habe nie daran gedacht, wie tief sehr es einen Sexisten trifft sein Leben nicht so leben zu können, wie er möchte. Wenn ich könnte würde ich das heute anders machen.“

Doch mit Reue ist es nun zu spät: Für Manuel K. scheint kein Leben jenseits der gesellschaftlichen Ausgrenzung mehr möglich zu sein und deswegen hat er gekündigt. Nicht einmal seine Wohnung verläßt er mehr, wie Nachbarn bestätigen, als wir mit Manuel K. Kontakt aufnehmen wollen.

Doch für Andrea Kahlenberg ist es damit nicht vorüber: Die engagierte Feministin hat im Frauenverband ihrer Gewerkschaft ein Seminar ins Leben gerufen, dass anderen Feministinnen die labile gesellschaftliche und psychologische Stellung von Sexisten erklären soll. Damit es in Deutschland nie wieder zur Ausgrenzung von Sexisten kommen kann.

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