Heute hat Hitler…

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Heute hat Hitler…

Ach, es ist doch toll als Deutscher Schriftverknorkser so einen Satz anzufangen: „Heute hat Hitler…“
Eigentlich fangen so die besten Romane an. Ja, wirklich! Gleich darauf geht es dann voll los: Entweder müssen ein paar Kinder vor dem Holocaust gerettet werden oder die Bomben fallen oder ein Soldat kämpft an der biografischen Front. Auf jeden Fall geht es gleich so richtig nazi-stisch ums Ganze. Nicht dieses Lauwarme, dieses Friedliche unserer Gegenwart. Schmarn! Unter Hitler machen wir es einfach nicht!

Also eigentlich wollte ich jetzt etwas über die Machtübernahme der NSDAP (ja, die hatte sogar mehr als nur ein Mitglied!) vor 80 Jahren schreiben, aber irgendwie lohnt sich das nicht mehr so richtig. Meine Ambitionen sind größer! Ich will ein Deutscher Schriftsteller sein! Und was für ein Deutscher Schriftsteller wäre ich ohne einem Hitler-Roman(chen)?

Auf geht’s…

Es war dunkel: Günther war alleine. Draußen fielen die Bomben und er erinnerte sich zurück. Nein, er wollte mit der Waffen-SS nichts mehr zu tun haben. Sie hatten seine Jugend ruiniert, er hatte das jetzt erkannt. Er hatte sich verführen lassen.

Aber als er in die grünen Augen des jüdischen Mädchens auf dem Marktplatz von Biala Podlaska gesehen hatte, hatte er gewußt: Dieser Krieg ist sinnlos. Auch dieses Mädchen ist nur ein Mensch. Ein Mensch wie ich. Mit Blut im Herzen und einer Seele in seiner Brust, die wie ein verängstigter Vogel schrie, obwohl ihr Lippen erstarrt waren, wie ihr ganzer Körper erstarrt war. Nur in ihren Augen hatte er ihren Schrei sehen können, als er seine Waffe auf sie gerichtet hatte. So war sein Befehl.

Doch dann – als der Obersturmbannführer feiste Kappelmann, ein Nazi der ersten Stunden und der bereits vor den Nazis den kleinen hinterwäldlerischen Ort im Odenwald tyrannisiert hatte aus dem er kam – als dieser Obersturmbannführer den Befehl gab, da konnte er, Günther, nicht abdrücken. Denn sein Gewissen brannte!
Er wußte: Jetzt würde es ernst werden. Er hatte sich des Befehls verweigert. Sein Leben war verwirkt. Denn so bestimmte es… Hitler!

Dennoch war es das einzig richtige, was er tun konnte. So viele seiner Kamerade dachten genauso wie er. Doch sie trauten sich nicht, noch nicht, sich gegen die harte Fuchtel der Kommandanten, der Nazis im Militär, zu wehren.

Und so wie Günther so dort – nach gelungener, so unwahrscheinlicher, wilder Flucht – saß, dort im Eingangsbereich des Bunkers, träumte er von seiner Mutter. Er wollte doch nur eines Tages zu seiner Mutter heimzukehren. Seine Mutter! Er vergoß heiße Tränen, wenn er ihre Briefe las, wie das Haus in dem sie einst gewohnt hatten, von feigen Bomben der Amerikaner, zerstört worden waren; wie sie Hunger litten…
Ach, sie sprach nicht von den Geschwistern. Mochte es ihnen gut gehen? Er unterdrückte ein Schluchzen. Und das alles nur wegen der Nazis…

Doch er hörte ein Geräusch. Dort war etwas in der Dunkelheit des Bunkers. Aus dieser profunden Dunkelheit, die so abgrundtief düster war und roch wie der Abgrund der tiefsten Finsternis, kam ein Geräusch wie das Schmatzen einer riesigen Schnecke. Günther griff zu seiner Waffe. Doch er besann sich: Nein, er wollte nicht mehr zu einer Waffe greifen. Er hatte dem Krieg, der Gewalt abgeschworen!

Und er trat plötzlich und vollkommen unerwartet hervor: Hitler! Er trug die Uniform der SS, einen Gestapo-Mantel, in der einen Hand die Leine eines Polizeihundes, in der anderen eine NSDAP-Standarte, ein Wehrmachtsmaschinengewehr über dem Rücken und an seinem Revers ein SA-Emblem. „Du!“ sagte er mit seiner fiesen Stimme. „Du, Pimpf! Warum sitzt Du hier? Warum bist Du mordest Du nicht, wie es Dir befohlen wurde?“

Da sprang Günther auf. „Nein, ich werde nicht mehr morden! Niemals wieder!“

Hitler nahm seine Waffe und richtete sie auf Günter. „Du willst Dich meinem Befehl wiedersetzen, Du widerlicher Pazifist,“ schnarrte er.

„Ja, das werde ich! Denn Du bist nur ein böser Traum, der vorübergeht. Und wenn Du einmal verschwunden bist, wird Frieden herrschen und wir werden eine Demokratie aufbauen…“ Dabei trat er an Hitler heran und von Günther ging ein Leuchten aus, dass den kleinen, bösen Mann blendete.

„Ich warne Dich,“ rief der Diktator, der Deutschland unterjocht und den niemals jemand gewählt hatte. „Noch einen Schritt weiter und ich schieße.“

Doch Günther ließ sich nicht beirren. Er hörte das Schrille in dessen Stimme. Er saß das Zittern. „Nein, ich werde nicht zurückweichen!“ rief der Junge mutig. „Denn eines weiß ich nun… Auch wenn Du eine Waffe hast, auch wenn Du mich und alle anderen rechtschaffenden Deutschen zwingst; in Wahrheit bist Du… Alleine!“

„Gnade, Gnade,“ rief da der böse Diktator, als er sich in dem strahlenden Licht von Günther aufzulösen begann.

„Nein, keine Gnade!“ rief Günther, der gute Deutsche ihm zu. „Sobald Du verschwunden bist wird alles gut sein. Deutschland wird ein freies, demokratisches, pazifistisches, pro-semitisches, pro-amerikanisches, unsexistisches, nicht diskriminierendes, moralisch gefestigtes, finanziell stabiles, umweltbewußtes, tierliebes, modernes Land voller blühender Landschaften und voller lachender Kinder aller Nationalitäten sein.“

Da schrie der Diktator und löste sich gänzlich auf: Auf dem Boden blieb nur eine stinkende Pfütze zurück, die bald in der Erde spurlos versickerte.

Und alles geschah so, wie Günther es gesagt hatte.

Das Ende.

Ich möchte jetzt mindestens für den Deutschen Buchpreis nominiert werden. Mindestens!

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