Das China-Syndrom

china_dragon

Herr Zhang lächelte mich freundlich an. Nachdem ich ihm bereits meine Brieftasche und mein Smartphone gegeben hatte, schien er besonderes Interesse an meiner Hose zu haben. „Ich passe sehr gerne auf ihre Hose auf,“ wiederholte er. „Es kostet sie fast nichts.“

Ich war mir in diesem Moment unsicher. Herr Zhang war einer der höflichsten, zuvorkommendsten Menschen, die mir jemals begegnet waren. Aber das er Interesse an meiner Hose hatte… Konte da möglicherweise etwas sexuelles…? Ich sah Herrn Zhang genau an.

Dieser bemerkte meinen Blick dankenswerterweise nicht. Er war zu sehr damit beschäftigt meinen Ausweis zu kopieren. Aber dann hob er plötzlich doch seinen Blick. „Oh, sie tragen ihre Hose immer noch,“ bemerkte er. „Ist sie ihnen nicht etwas zu warm?“

Nun wo er es so sagte, fiel mir tatsächlich auf, dass es etwas warm war. Aber ich vielleicht war das nur ein Trick, um mich zu verführen mich zu entkleiden. Offensichtlich hatte sich Herrn Zhang unterschätzt. Er hatte in meinem Smartphone inzwischen wohl einen Hinweis auf meine etwas neurotische Einstellung zur Homosexualität gefunden und lächelte mich plötzlich an.

„Aber nein, wie können Sie so etwas von mir denken?“ scherzte er. Dann war er sofort todernst: „Solche Tendenzen hat die Partei verboten,“ stellte er sehr sachlich und knapp fest.

Ich lächelte zurück. Wie hatte ich an Herrn Zhang zweifeln können und zog nun endlich meine Hose aus. Als ich sie ihm reichte, bedankte er sich mit einer Verbeugung. „Ihr Hemd bitte auch noch,“ sagte er höflich. „Ich werde es für sie bügeln lassen.“

Natürlich konnte ich diesem Angebot nicht wiederstehen. Herr Zhang kannte mich so gut. Er hatte ja nicht nur meinen Computer hergestellt; nein, er hatte ihn auch regelmäßig untersucht und kannte mich wie kaum ein anderer auf der Welt. Sein Service war einfach unvergleichlich.

„Nun nur noch die Unterhose,“ sagte er, als ich ihm das Hemd reichte.

„Herr Zhang, Sie müssen meine Zurückhaltung verstehen. Ich bin doch schon…“

Er schüttelte den Kopf und seufzte etwas. „Mein Freund, wir haben doch schon darüber gesprochen. Sie haben mir gesagt, dass Sie etwas sparen möchten und ich habe Ihnen versprochen, dass ich Ihnen die Arbeit abnehme. Und guck mal…“ Er wedelte mit meiner Brieftasche. „Sie müssen Sie nicht mehr tragen. Ich übernehme das gerne für Sie. Wir in der Volksrepublik arbeiten gerne. Wir sind dankbar für jeden Arbeit. Also wenn Sie Ihre Unterhose selber waschen möchten…“

„Nein, natürlich nicht!“ antwortet ich rasch und begann sie hastig auszuziehen. „Du bist ein echter Freund, Zhang!“

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