Datenkrallen

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Rainer Esser, der Geschäftsführer des Zeit-Verlages ist ein rationaler, verbal zurückhaltender und jung-gebliebener Mann von 56 Jahren. Als Chef im Hause von „Die Zeit“ und „Der Tagesspiegel“ hat er viele Aufgaben und eine große Verantwortung. Da muß man schon einmal selber anpacken. So hat er nicht nur seine studierten juristischen Fähigkeiten, sondern auch Kenntnisse in Botanik, Mechanik und Ingenieursfähigkeiten erworben. Diese benötigt er um auch weiterhin seine Hauses zu renovieren, instand zu halten und das sie umgebende Biotop zu schützen. Derzeit gilt ein großer Teil seiner Aufmerksamkeit beispielsweise einer dekorativen Pergola.

Doch Rainer Esser mußte kürzlich in einer Mittagspause, gerade als er dabei war sich in Fellanorak und Handschuhen eine warme Suppe zu genehmigen (es ist derzeit kalt in Hamburg), feststellen, dass seine Arbeit bedroht ist. Düstere Wolken drohen von Westen her. Als erfahrener Handwerker wußte er sofort: Was ist jemals Gutes aus dieser Richtung gekommen?

Wenn er nicht handelte könnte es zu spät sein. Sein Lebenswerk würde vernichtet werden. „Schützen Sie uns vor den Datenkrallen aus Silicon Valley,“ rief er verzweifelt nach Berlin, wo Bedenkenträger von CDU/CSU und FDP mit in tiefe Falten gelegten Stirnen schweigend nickten.

Aber was sind eigentlich Datenkrallen? Wir haben uns aufgemacht und untersucht!

Im Silicon Valley ist es derzeit heiß. Ganz anders als in Hamburg. Nur hier in diesem mediterranen Klima, unweit von San Francisco, dieser glamourösen und legendenbehafteten Stadt an der Pazifikküste, finden sich die idealen Bedingungen für die Herstellung von Datenkrallen. Hoch oberhalb des Tales, auf den Hügeln der Santa Cruz Mountains, kann man bei der Anreise bereits aus der Ferne die schwarzen Abschußplattformen der Datenkrallen sehen.

Doch unten im Tal, hier wo einst Obstplantagen und Blumenfelder standen, werden die Datenkrallen hergestellt. Längst haben die unzähligen Fabriken für Datenkrallen den einst fruchtbaren Boden zugewuchert. Beton und geheimniskrämerische Häuserkomplexe beherrschen das Bild.

In einem davon treffen wir uns mit Sergej. Er will lieber anonym bleiben, hat er doch Angst, dass sein Name und der seiner Firma eventuell den Weg bis nach Hamburg findet. Auf jeden Fall ist Sergej aber einer der weltgrößten Hersteller von Datenkrallen.

Nicht ohne Stolz steht er im Schutzanzug neben der Fertigungsanlage, wo glühendheißer Stahl aus dem Hochofen in die Gußformen gießt. „Hier entsteht die äußere Form der Datenkralle. Stahl bildet nur das äußere Skelett um damit die Zugwirkung der ansonsten aus Karbonfaser und Aluminum bestehende Kralle zu verstärken,“ erklärt er uns. Er muß dabei brüllen, so laut ist der Betrieb. „Die Kralle muß zugleich stabil, wie auch leicht sein. Damit sie gut fliegt.“

Wir dürfen uns einige der fertigen Krallen genauer ansehen: Die dreigliedrige Krallen hat etwa die Größe eines Stuhls. Die Spitzen sehen beeindruckend beängstigend aus. Sergej erklärt uns deren Funktionsweise. „Hier, mit den Spitzen bohrt sich die Kralle in die Daten. Das muß zugleich schnell und tief sein, damit die Daten effektiv gepackt werden. Wenn das nicht der Fall ist könnten die Daten verloren gehen. Erst dann kann man die Daten wirklich sicher hinüberziehen.“

Wir gehen aus dem Fertigungsgebäude heraus und von unten zeigt uns Sergej die imposanten Abschußanlagen der Datenkrallen (näher dürfen wir aus Gründen des Betriebsgeheimnisses nicht heran). „Die Datenkrallen werden in unseren Katapulten auf mehrfache Schallgeschwindigkeit beschleunigt. Damit fliegen sie dann über den Atlantik und landen zum Beispiel in Deutschland, wo sie sich zielgenau in Daten hineinbohren. Dann müssen wir sie nur noch am Seil zu uns hinüberziehen.“ Mit animierten Körperbewegungen erklärt uns Sergej die Funktionsweise. „Und dann gehören die Daten uns ganz alleine,“ fügt er mit einem Grinsen an.

„Und was machen sie mit all den Daten,“ fragen wir neugierig. Sergej zuckt nur mit den Achseln. „Wir behalten die für uns. Niemand anderes soll die Daten haben außer uns.“ Sein Grinsen verbreitert sich in diese Moment und trotz der sommerlichen Temperaturen fröstelt es uns.

Wir verlassen Sergejs Firma mit einem unguten Gefühl in der Magengrube.
Auf der Rückfahrt werden unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Eine dieser dubiosen, hier im Silicon Valley ansässigen Firmen, die sich nach unscheinbar harmlosen Vogelgesang benannt hat, verbreitet die Nachricht, dass eine vom Ziel abgekommene Datenkralle direkt in der Pergola von Rainer Esser eingeschlagen ist.

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