Wochenrückblick: Die heilige Wahl

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Bereits im Vorfeld war der Aufwand enorm: Die heiligen Männer, allesamt alte, verdiente Würdenträger, die sich durch bedingungslosen Gehorsam und Ergebenheit ausgezeichnet haben, machten sich auf den weiten Weg in die ewige Stadt. Die Vorbereitungen dafür waren immens. Nicht nur die Wahlmänner selber, sondern ihre Entourage und ihre Helfer mußten untergebracht werden. Ebenso mußten Unterkünfte für Tausende von Beobachtern und Berichterstatter gefunden werden. Zugleich wollten sich Staat und Stadt präsentieren.

Nachdem die heiligen Männer sich schließlich versammelt hatten, gab es Ansprachen über Ansprachen. Der Vorgänger wurde gelobt, sein Abgang bedauert, der Zusammenhalt beschworen. Mit religiöser Inbrunst und der Tradition verpflichtet, sprachen die alten Männern, erinnerte sich zurück an die Schwere ihrer Aufgabe, an die Bürde des Amtes und ließen keine Gelegenheit sich gegenseitig in ihrer Frömmigkeit zu der einen, einzigen, wahren Doktrin zu versichern. Dabei gab es bereits im Vorfeld viele Kontroversen: Vorwürfe zu Amtsmissbrauch und Korruption unter den Würdenträgern sorgt bereits seit einiger Zeit für Verstimmungen, die nicht auch zuletzt die Wahl überschatteten. Nur mit drastischen Maßnahmen und dem Reprimand der Zweifler konnte ein Ausufern der Diskussion bisher verhindert werden.

Doch schließlich kam es zum eigentlich Anlaß dieser so selten Versammlung, diesem Paradox in der festgefügten Hierarchie: Der Wahl. Diese fand – gemäß den Überlieferungen – im Allerheiligsten statt und unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Nichts drang davon nach außen, die einfachen Menschen auf der Straße konnten nur gespannt auf den Ausgang warten. Während im Allerheiligsten die Wahlmänner in ihrer Weisheit eine himmlisch inspirierten Wahl nachgingen.
Schließlich stieg weißer Rauch auf. Ein neues Oberhaupt war gefunden.

In vornehmer Zurückhaltung erhoben sich die Wahlmänner und applaudierten in den heiligen Hallen ihrem neuen Oberhaupt, dass daraufhin gleich zu seiner ersten Predigt schritt. Live, von unzähligen Kameras beobachtet, trat der neue mächtige Mann – geistiges und weltliches Oberhaupt über Millionen von Menschen – nach vorne. Er begann seine Rede mit den traditionellen Segen für „Mao und Marktwirtschaft“ und schwor dann die Gläubigen auf sein Programm ein.

Frieden und die Macht des Militärs, Wachstum und Wohlstand, Sozialismus und Marktwirtschaft, Innovation und Macht der Partei – diese an die Gläubigen gerichtete Botschaft brachte der neue heilige Mann mit. Im Namen der gemeinsamen Sache und für den gemeinsamen Glauben an die Auserwähltheit der Gläubigen wird Xi Jinping I. unermüdlich streiten.

In die Kutten seines Amtes gewallt, schritt der neue Führer der chinesischen Sache schließlich durch die heiligen Hallen des Volkskongresses, um sich den chinesischen Gläubigen zu zeigen, die in spannungsvoller Erwartung im Smog von Beijing ausharrten und sich von ihrem Führer die Erlösung aus ihrer Not erhoffen.

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