Osterspaziergang

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Es ist ruhig im Wald. Über uns zwitschern nur ein paar Vögel, doch selbst der Wind ist kaum zu spüren, geschweige denn zu hören. Das ist auch ganz gut so, denn der Wind würde es noch kälter erscheinen lassen, als es eh schon ist. Wir ziehen unsere Feldjacken enger.

Vor uns läuft Oberförster Krummbiegel, der schon länger unsere Bemerkungen zur Kälte ertragen mußte, während er selber nur wenig spricht.

Obwohl sich kaum ein Tier rührt, trägt Oberförster Krummbiegel seine Schrotflinte im Anschlag. An seinem Gürtel steckt sein Waidmesser, der Jagdhund Melchior an seiner Seite ist kaum zu hören, ein stiller Jäger. Oberförster Krummbiegel ist ein – neben seiner Tätigkeit – als Förster auch ein vor in der ganzen Region bekannter Schlachter. Niemand kann einen Hirsch ausnehmen wie er, haben uns nicht zuletzt einige Jäger und Gastronomen versichert.

Während unseres Spazierganges am Rande eines neu gepflanzten Tannenwäldchens entlang, fällt auf dass auf deren Ästen noch Schnee liegt. Schnee, der an anderen Stelle schon wieder geschmolzen ist, doch hier noch zu finden ist. Uns fröstelt es und wir versuchen das Gespräch auf den langen Winter zu lenken.

„Ja,…“ sagt der Oberförster langsam. „Nicht gut für die Tiere.“

„Ja, die frieren sicher genauso wie wir,“ antworten wir und schniefen.

Oberförster Krummbiegel sieht uns kritisch an und wir fügen schnell hinzu: „Sicher frieren die Osterlämmer.“

„Haben wir notgeschlachtet.“ Er rückt seinen Oberförsterhut zurecht.

„Das ist sicher schwer den Kinder zu vermitteln.“

Er zuckt mit den Achseln. „Nicht so schwer wie die Sache mit dem Osterhasen.“

„Was ist mit dem Osterhasen?“

„Haben wir notgeschlachtet.“

Für einen Moment sind wir vor Schock sprachlos, er scheint dies für eine Aufforderung zu halten, die Sache weiter auszuführen und ergänzt: „Kleintier, bei so kalten Temperaturen hat kaum eine Überlebenschance. Falls sie nicht noch in er Winterruhe sind. Gibt auch kaum etwas zu fressen.“

Verlegen versuchen wir das heikle Thema etwas zu umschiffen. „Nun, der Osterhase ist ja auch ein heidnisches Symbol. Sicher wird er da nicht so vermisst. Es geht ja um Tod und Auferstehung des Messias…“

„Wurde der auch notgeschlachtet?“

„Äh, Jesus Christus?“

„Der Messias wurde notgeschlachtet… Naja, sowas kann schon sein… Man weiß ja nie wie die Temperaturen da in… Wo war das? Israel? Palästina?“ Er bleibt für einen Moment stehen und überlegt.

„Man würde kaum einen Menschen notschlachten,“ werfen wir ein.

Er sieht uns an. Er sieht uns lange an.

Wir bedanken uns hastig für das Interview. Uns wurde beim Rennen durch den Wald richtig warm.

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