Civilization

leutze_washington

Ich wollte gerade noch schnell eine Runde Civilization spielen, bevor ich einkaufen gehe, dieses Computerspiel, wo es darum geht eine Nation zum Erfolg zu führen.

Alles hatte mit einer Goldlagerstätte begonnen. Ich war gerade im Mittelalter angekommen und beschäftigte mich mit den Handelsbeziehungen zwischen den Stadtstaaten Venedig und Florenz. Ich hatte schnell eine Truppe Siedler losgeschickt, um die zwischen allen Nationen liegende Lagerstätte für mich zu reklamieren. Jetzt waren meine Nachbarn verärgert und es erreichte mich ein ein Anruf auf dem Roten Telefon.

Mit „Washington?“ nahm ich ihn hastig entgegen.

„Was…?“ stammelte eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung und für einen Moment fragte ich mich, ob es vielleicht Theodora aus dem Königreich Byzanz sein könnte, die mich da anrief. Dann erinnerte ich mich: Jana! Richtig, Jana war ja gestern zu ihren Eltern gefahren. „Alles okay bei Dir?“ fragte mich meine Freundin.

„Aber klar doch… Alles…“ Ich sah mich auf dem Bildschirm um vor dem ich saß: Meine Stadt Boston hatte den Bau des punkteträchtigen Weltwunders Burg Himeji fast fertig gestellt. „Läuft alles super… Und, und bei Dir?“

Jana hatte sich entschlossen zu ihren Eltern zu fahren. Der Besuch hatte sich nicht länger aufschieben lassen, obwohl ihr Verhältnis zu ihnen eher… schwierig war seitdem sie ihr Medizinstudium endgültig aufgegeben hatte. Man mußte kaum hinzufügen, dass ich bei ihnen auch nicht sonderlich beliebt war. Einer der Gründe, warum ich vor dem Monitor saß.

Sie seufzte in ihr Handy. „Nein,“ sagte sie knapp. Ich wußte: Wortfetzen waren kein gutes Zeichen. „Wenn die Stimmung weiter so bleibt…“

Da ich es gerade eben geschafft hatte Gustav Adolf von Schweden zu bestechen, rutschte mir sofort ein „Hast Du es mit Luxusgütern versucht?“ hinaus.

„Was?“

„Oder mit Nahrung? Hast Du es mit Nahrungsmitteln versucht…“ Mir fiel auf, dass ich schon seit mehreren Stunden nichts mehr gegessen hatte. Wieviel Uhr war eigentlich.

„Kamin, Du machst noch weniger Sinn als sonst…“

„Äh, ich meine… Vielleicht, vielleicht… Restaurant? Essen? Nahrungsaufnahme. Gemeinsam!?“

Sie seufzte und schwieg kurz. „Du hast vielleicht recht. Wenigstens geht dann der Abend schneller rum. Ich melde mich später noch einmal.“

Sie beendete den Anruf und ich war froh darüber, da ich bemerkt hatte, dass mir entgangen war, das mein japanischer Konkurrent Oda Nobunaga kräftig aufgerüstet hatte. Ich würde noch eine Runde spielen, dann würde ich mir etwas zu essen machen…

Das klingelnde Telefon riss mich aus meinen strategischen Überlegungen: Boston brannte, Philadelphia war umzingelt, die Front bei New York zusammengebrochen…

„Durchhalten!“ schrie ich in den Hörer.

„Das ist lieb…“

„Hast Du vielleicht noch ein paar Truppen übrig…“

„Äh, was meinst Du?“

Ich starrte das Telefon an: Nein, dies war nicht das Rote Telefon, ich hielt mein schrottiges Samsung-Handy in der zusammengeballten Faust. Auf dem Display stand nicht „Theodora“, sondern „Jana“. „Ich, ich… vergiss es einfach!“

„Wir sind jetzt seid zwei Stunden hier. Mein Vater hat immer noch nichts zu essen bekommen. Ausgerechnet heute müssen die hier so einen Mist bauen und er… er…“ Sie schluckte.

Ich konnte ihr Verzweiflung verstehen: Chicago war bereits verloren, der Großteil der Truppen um meinen großen General gefallen, er selber würde vielleicht nur noch ein, zwei Runden durchhalten. Von Westen rückten die Schweden an…

„Du mußt, du mußt durchhalten!“ rief ich und meine Hand umschmeichelte den isolierten General auf meinem Monitor. „Nur noch drei, vier Runden, dann wirst Du es schaffen.“

„Glaubst Du wirklich? Ehrlich gesagt, hatte ich fast schon den Plan einfach zurückzufahren. Es hat ja eh keinen Sinn.“

„Nein, kein Rückzug! Kein Rückzug! Es gibt viel zuviel zu verlieren, wenn die Franzosen kommen…“

„Welche Franzosen?“

„Na, die… die…“ Ich wandte mich hastig vom Monitor ab. Wovon redet ich eigentlich? Ich wußte es selber nicht mehr. Konzentration! „Seid ihr nicht in dem französischen Lokal? Egal, die mit dem Essen hat. Wenn er erst einmal etwas zu essen hat, wird sich seine Laune sicher besser. Es ist alles eine Frage der Diplomatie. Keinen Krieg erklären, wenn man nicht muß. Oder zumindest nicht solange man nicht den Überraschungsmoment hat. Hast Du noch genügend Ressourcen?“

Sie atmete tief durch. „Ja, ich werde es versuchen. Je nachdem wie das läuft rufe ich Dich später noch einmal an. Bis dann!“

Als ich mich wieder meiner Tastatur und meiner Maus zuwandte, bemerkte ich, dass meine Hände zitterten. Hatte ich eigentlich gegessen? Ich wußte, dass ich nicht eingekauft hatte, aber vielleicht würde ich mir etwas Pasta machen können. Vielleicht waren noch irgendwo Tomaten…
Mein Blick fiel auf das brennende Boston.

Okay, nur eine Runde noch.

Eine Metalllawine hatte sich über das gerade erst eroberte Nagoya gewälzt, Shimonoseki stand unter schwerem Artilleriebeschuss. Ich hatte die japanischen Städte vorher nur durch ein brutales Ausweichmanöver eingenommen gehabt, während die meisten meiner eigenen Städte erobert wurden.

Nun standen im südlichen Meer, direkt vor den Toren von Hongkong sich zwei Flugzeugträger und eine unbekannte Zahl an U-Booten gegenüber. Karthago bedrohte mich mit Atomwaffen, nachdem ich versuchte wenigstens Boston wieder einzunehmen. Der ganze Kontinent stand in Flammen. Mein einziger Verbündeter Siam versuchte verzweifelt sich mit Friedensangeboten an unsere Gegner aus dem Gefecht zu stehlen, während in den Bunkern unter dem von mir eingenommenen Tokyo meine Ingenieure an der Atombombe bastelten.

„Abschuss!“ schrie ich ins Telefon, als es klingelte. „Schwedens Städte werden brennen!“

Ein Schluchzen tönte mir entgegen.

„Es ist nicht schlimm. Wir werden das alles wiederbekommen,“ versuchte ich Theodora von Byzanz zu beruhigen. „Auch wenn sie Dir alles abgenommen haben, ich erobere alles zurück.“

Das Schluchzen nahm etwas ab. „Danke, aber ich weiß echt nicht, was ich machen soll. Ich will doch einfach nur, dass sie mich anerkennen.“

„Mach Dir darüber keinen Kopf. Dafür sind Atomwaffen da.“

„Was meinst Du damit?“

„Es ist nichts verloren. Wir haben alle Chancen, es ihnen heimzuzahlen. Es kommt nur auf den richtigen Moment an.“ Nagoya war gefallen. Die inzwischen auf Shimonoseki zurollende Panzerfront verstärkte nur meinen Durchhaltewillen. Ich versuchte alle diplomatischen Kanäle zu nutzen, um eine andere Nation noch dazu zu überreden, eine Front gegen meine Gegner aufzumachen. Doch selbst Siam wollte nicht mit mir sprechen.

Sie lachte. Etwas, was ich in diesem Moment nicht wirklich nachvollziehen konnten. Wahrscheinlich war das ihre Verzweiflung.

„Lach nicht! Ich meine es ernst. Wenn es notwendig ist, ziehe ich ganz alleine mit dem Schwert aus…“ Shimonoseki war gefallen… Tokyo geriet unter Beschuss.

Sie lachte trotzdem. Aber ich würde ihr das nicht übel nehmen. Amerika würde niemals seine Verbündeten im Stich lassen. Niemals!

„Ich lasse es hier. Ich fahre jetzt hier los und komme zu Dir!“

„Ja, tut das!“ Nur noch drei Runden bis zur Atombombe! Im südlichen Meer dümpelte noch ein letzter Zerstörer von mir über die Wellen. „Wir werden durchhalten, Theodora!“

Schweigen.

„Wer ist Theodora?“

Für einen Moment sah ich noch die Warnmeldung auf dem Bildschirm, dann blitze es rot über meinem letzten Posten auf: Die Atombombe hatte eingeschlagen und alles brannte um mich herum.

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