Margaret Thatcher oder „There is no such thing as an orbituary“

goya_funeral

Some lives are grievable and some are not.
– Judith Butler

There is no such thing as society.“ Wenn man ihren eigenen Satz als Maßstab anlegt, dann sollte es auch keine Trauergemeinschaft für Margaret Thatcher geben. “ There are individual men and women, and there are families. And no government can do anything except through people, and people must look to themselves first.“ Legen wir also ihren eigenen Wertvorstellungen an ihren Tod an und belassen das Trauern denen, die trauern wollen. Sie selber hat alle anderen aus dieser Verantwortung entbunden.

Natürlich wird noch zu sehen sein, ob in den Straßen des gebeutelten Vereinigten Königreichs die Menschen zum Feiern auf die Straße gehen. Als Kristallationspunkt für den Widerstand gegen die sozialdarwinistischen Maßnahmen der Cameron-Regierung gibt es sicherlich kaum ein bessere bessere Gelegenheit als den Tod ihrer Säulenheiligen, die nun natürlich im vorhersehbaren politischen Reflex als Märtyrerin der eigenen Sache inszeniert werden wird.

Dabei grenzt es nicht an Ironie, dass Margaret Thatcher – wie so viele Größen der Geschichte – ihren politischen Erfolg nicht etwa ihrer politischen Agenda, sondern dem erfolgreich gewonnenen Falkland-Krieg verdankte. Einem Krieg, auf dessen Seiten sich eine in die Ecke gedrängte nationalistische Diktatur und auf der anderen Seite eine in die Ecke gedrängte rechts-konvervative Regierung gegenüber standen.

Der Erfolg auf dem Schlachtfeld war die Legitimation für die Umgestaltung des Landes. So wie die Kriegsmaschine ersetzte Thatcher Vater Staat durch eine seelenlose und gefühllose Verwaltungsmaschine; ein Cyborg, der den Menschen das Herz herausriss, wenn es ihm für sein eigenes Funktionieren notwendig erschien. In der Robotik wäre dies schallender Hohn auf die Asimovs Gesetze gewesen, die definieren, dass eine Maschine dem Menschen zu dienen oder ihm zumindest nicht zu schaden hat. In Thatchers Maschine war der einzelne Bürger auf den manchmal dreckigen, manchmal heruntergekommenen Straßen des 80er-Jahre-Großbritannien nicht mehr als eine substituierbare Variable in einer zum Wirtschaftswachstum führenden Gleichung.

Thatcher deswegen als Vorkämpferin der monetaristischen Wirtschaftsliberalen zu feiern greift deswegen zu kurz, auch deren Thesen und Vorstellungen waren nur Mittel zum Zweck. Allerdings solche die in ihrer rigorosen Pseudowissenschaftlichkeit ihrem wissenschaftlichen geschulten Verstand immer näher waren als die gefühlsduseligen Thesen der Linken.

Genau dies ist die Gemeinsamkeit, die Thatcher mit einer anderen wissenschaftlich geschulten Staatenlenkerin gemeinsam hat und falls man die Parallelen zwischen beiden sucht, sollte man nicht weiter als bis zu den Konsequenzen von Merkels Spardiktatur für das südliche Europa gucken und dann Gott dafür danken, dass wir momentan so etwas wie ein Wirtschaftswachstum haben. Denn man sollte nicht einen Moment glauben, dass Mutti Merkel uns das was sie Griechenland, Portugal, Spanien oder Zypern antut, ersparen würde, wenn sie der Meinung wäre, dass Deutschland nicht so funktioniert, wie sie sich das vorstellt.

Thatcher mag nun tot sein, aber der Cyborg des Thatcherismus lebt mit derselben hartnäckigen Widerstandsfähigkeit wie die massenmörderisch veranlagten Daleks, die (nicht ganz robotischen) Lieblingsgegner der ur-britischen Science-Fiction-Serie „Dr. Who“, immer wieder zurückkommen: Der Faszination einer auf die Spitze getriebenen Idee kann sich kaum jemand entziehen.

Was also bleibt außer dem Mythos?
Es grenzt an Lächerlichkeit, dass es also den Idee aus Thatchers brilliantem Geist zu verdanken gewesen ist, dass Großbritannien während ihrer Regierungszeit einen Wirtschaftsaufschwung erlebt hat und nicht dem allgemeinem Wiederaufleben der Weltwirtschaft nach den Öl- und sonstigen Krisen der 70er (sie hatten reihenweise die Regierungen von Carter, Schmidt bis Pompidou aus dem Amt gefegt).

Stattdessen bleibt die tiefe Abscheu und die Wut ganzer Bevölkerungsschichten auf eine Symbolgestalt, die ihr Land nicht geeint, sondern tiefer gespalten hat als jeder andere Regierungschef vor ihr. Und nur diese Wut ist kreativ gewesen, hat verändert und Neues hervorgebracht, zu dem man heute sogar angesichts von Thatchers Tod tanzen kann.

Update: Und hier noch ein paar musikalische Beiträge von Pink Floyd, Morrissey, Elvis Costello, Sinead O’Connor und vielen mehr

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