Zurück in die Zukunft

monet_vetheuil

Wir waren damals immer mit unseren Fahrrädern unterwegs, wild zusammengewürfelt aus den verschiedensten Bauteilen, die von den Rädern unserer großen Geschwister übrig waren. Entweder waren sie knatsche-bunt oder pechschwarz.

Damit rasten wir die Abhänge herunter und über die Kreuzungen. An den wild hupenden Autos vorbei, die gerade noch bremsen konnten, während wir die Straße einfach weiter hinunterbretterten. Danach kam dann immer das wilde Gestrampel den Berg hinauf. Eine oder einer konnte immer angeben, weil er oder sie eine 21-Gang-Schaltung hatte. Aber meistens versagte die dann beim nächsten Mal oder knarzte so fürchterlich, dass die einzige Genugtuung des Fahrenden sein konnte, dass er bei all dem Knarzen unser Gelächter überhören konnte.

Auf halber Strecke holte wir uns dann immer im Edeka ein Eis. Oder an der Tanke gegenüber. Oder beim Zeitungsladen. Wobei wir den Zeitungsladen irgendwann schnitten, weil der Typ dort Andrea angemacht hatte, weil sie ihm zu lange zwischen den Comics herumgesucht hatte. Seitdem gingen wird dort nicht mehr hin.

Mit dem Eis gingen wir dann auf die Wiese, unten, hinter Veranstaltungshalle. Wir schmissen unsere Räder ins Gras und ließen uns einfach hinfallen, guckten in den Himmel, lutschten an den billigen, hell kolorierten Wasserbollen herum, die so schmecken wie wir uns die Südsee vorstellten. Wobei unser Bild der Südsee die RTL-Nachmittagsshows waren.

Ohne uns anzusehen, nur den Blick in den Himmel gerichtet, redeten wir vor uns hin, hörten uns schläfrig kaum gegenseitig zu. Unsere Stimmen schrumpelten zu einem Murmeln zusammen, das kaum zwischen dem Zittern der Halme um uns herum auszumachen waren. Deren Schatten schwangen über unsere kaum noch offenen Augen, während wir dösten, nur die helle Sonne hielt uns vom Schlafen ab.

Doch dann sprang immer einer von uns auf. Begann zu schreien, zu toben, in die Hände zu klatschen. Die Schlafenden zu erschrecken. Wir sprangen auf: Nein, keiner war eine Schlafmütze! Wir mußten weiter! Weiter! Wir hatten einen Termin!

Erst nach weiteren Hügeln und Abhängen, gewagten Kurven, gefährlichen Begegnungen mit Autos kamen wir endlich an. Bei Tobias, Maxi, Karla, Edith, Malte, Deliah oder Sören… Einer von ihnen mußte noch Internet haben! Nachdem wir alle unsere Datenvolumen aufgebraucht hatten, sammelten wir uns dort. Stürmten die Bude, staunten über Youtube-Videos, hörten total unglaubliche Musik auf Spotify, spielten Spiele… Für einen Nachmittag gehört wir dazu.

Bis dann plötzlich das Internet weg war: Datenvolumen verbraucht. Bitte Münze einwerfen!

Draußen war es inzwischen dunkel geworden und wir stellten uns die Frage, wo wir am nächsten Tag hin sollten. Gab es noch einen, der noch Datenvolumen übrig hatte? Daniel, Eszer, Erik, Luna? Wir versuchten es auszupuzzeln, debattierten ob wohl Daniel mehr Traffic verursacht hatte, weil er immer online spielte; Luna, weil sie dauernd Youtube-Videos anguckte oder Eszer weil sie ihr Blog hatte. Meistens lagen wir daneben, weil sowieso ein älterer Bruder oder eine Schwester alle Daten schon verbraucht hatte. Dann waren wir stundenlang umsonst durch das Land gefahren.

Heute ist das alles natürlich unvorstellbar. Es erscheint alles so lange her zu sein… Datenvolumen, Traffic… Aber so war das damals. Im Sommer 2013.

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