Supermarkt

Paolo Antonio Barbieri - The Spice Shop (Quelle: Wikimedia Commons)

Es wurde immer schlimmer. P. arbeitete eigentlich an der Käsetheke und wir hatten bereits gemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmte, seitdem die durch ein Kühlregal ersetzt worde war. Er hing danach immer recht lustlos herum, konnte sich kaum motivieren und wir mußten immer wieder aufpassen, dass der Filalleiter nicht bemerkt, wie P. in der Ecke herumhängt, also ob ihn dort jemand abgestellt hätte.

Kathrin hatte dann die Idee ihn mit einer Etikettiermaschine auszustatten und ihn einfach vor einem Regal abzustellen, wo er einfach zu etikettieren begann. Man mußte etwas aufpassen, dass er nicht einfach mit dem Etikettieren bei einem anderen Produkt weitermachte, wenn er erst einmal mit einer Palette oder einem Produkt fertig war. Wir schoben dann P. einfach ein Stück weiter.

Das funktionierte ganz gut. P. wurde sogar Mitarbeiter des Monats. Man mußte ihn zwar seinen Präsentkorb etwas aufzwingen, aber dem Filialleiter konnten wir erfolgreich weismachen, dass P. aus lauter Freude etwas zu tief ins Glas geguckt hatte.

Barbara war die Erste, die uns auf P.s Lachen aufmerksam machte. Er stand wie immer zwischen den Regalen und etikettierte und lachte dabei. Wir versuchten aus ihm herauszubekommen, worüber er lachte, doch er sah uns dann meistens nur an und blinzelte.

Das Lachen störte niemanden. Die Kunden bemerkten es kaum, der Filalleiter hielt P. immer noch für einen äußerst fähigen Mitarbeiter und – auch wenn uns ein Schauer über den Rücken lief, wenn wir es zwischen der Radiomusik und dem Füßeschurren der Kunden heraushörte – wir versuchten es nicht überzubewerten. Irgendwie schien es ihm ja gut zu gehen.

Doch was uns wirklich zu Denken gab, war das P. kaum noch in der Lage schien nach Hause gehen zu können. Zumindest war er morgens immer pünktlich da, auch wenn er manchmal etwas merkwürdig aussah und seine Kleiderwahl nicht gerade dafür sprach, dass er sich viele Gedanken darüber gemacht hatte. Das ging dann doch schon ein paar Jahre so, dass P. immer noch ganz gut zurecht kam.

Deswegen war das so ein Schock als Kathrin erzählte, dass sie ihn am Sonntagmorgen (sie wohnte gleich um die Ecke) P. vor dem Markteingang stehen sah. Als er wir dann ungefähr 10 Tage später ihn eines Morgens in verwirrtem Zustand vor dem Markt antrafen, gerade als wir kamen um Aufzuschließen, wußten wir, dass nun wirklich etwas mit ihn nicht in Ordnung sein konnte. Offensichtlich hatte er abends nicht den Weg nach Hause gefunden und die Nachtstunden vor dem Markteingang verbracht.

Wir holten einen Krankenwagen und außer mir, Kathrin und Angelika hat ihn im Krankenhaus niemand anderes besucht. Zuerst gab es nur die übliche Krankschreibung und irgendwann wies der Filalleiter Soraya an, dass sie doch mal im Krankenhaus anrufen soll, um nachzufragen, wann P. denn wiederkommt. Naja, die sagten ihr dann, dass P. nicht mehr wiederkommen würde.

Der Filalleiter war darüber sehr unglücklich. Am Feierabend hielt er eine lange Rede dafür, was für ein ausgezeichneter Mitarbeiter P. gewesen war. Nie hat er sich beklagt, immer hat er seine Aufgaben erledigt. Wir sollten uns alle an ihm ein Vorbild nehmen, sagte er.

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