Der Büroninja

Hokusai - "Ninja" aus den Hokusai-Manga (Quelle: Wikipedia EN)

Nur wenig ist über den legendenumrankten Büroninja mit Sicherheit bekannt und der Ursprung der im Umgang mit dem „Jimusho Ninjitsu“ (wörtlich etwa: Ninjakunst des Büros) geschulten Sekretär_innen, Sachbearbeiter_innen und Verwaltungsdirektor_innen liegt im Dunkel.

Erste Berichte über Büroninjas stammen aus der Zeit des großen Nachkriegswirtschaftsbooms in Japan. Nachdem es mehrfach zu Anschläge in den als Zaibatsu bekannten Großunternehmen kam, bei denen Vorgesetzte unter bis heute nicht geklärten Umständen merkwürdigen Bürounfällen zum Opfer fielen, sahen sich die staatlichen Behörden genötigt eine Großuntersuchung zu starten.

Dabei wurde schlagartig eine dunkle Facette des Büroalltags offenbar: Hinter den Kulissen von kollegialen Umgang, Papierkram und scheinbar harmlosen Bürointrigen tobte ein brutaler Machtkampf, der mit allen Mittel ausgetragen wurde. Als Speerspitze und Vorkämpfer dieser Machtkämpfe dienten dabei gedungene Büroninjas, die im tödlichen Umgang mit scheinbar harmlosen Büromaterialien geschult waren. In ihren Händen wurden Locher, Bleistiftanspitzer und Kugelschreiber zu tödlichen Waffen.

In einem jahrelangen Training in geheimen Büros, isoliert von den normalen Korridoren, dort wo der kalte Wind zwischen den Trakten die Papierschnipsel zu meterhohen Verwehungen auftürmt, wurden die Büroninjas rücksichtslos geschult und auf ihre Aufgaben vorbereitet: Dazu gehörten nicht nur die geheime Kunst des „Jimusho Ninjitsu“, sondern natürlich auch exzellente Verwandlungsfähigkeiten, um beispielsweise glaubhaft als Praktikant oder Poststellenmitarbeiter auftreten zu können. Nur die härtesten und loyalsten Kandidaten hatte eine Chance in den Rängen der geheimen Organisationen aufzusteigen und dann im Kampf direkt am Kaffeeautomaten und am Kopiergerät eingesetzt zu werden.

Brutale Attentate wurden für die Büroninjas zum Markenzeichen. Besonders wird hier immer wieder auf den Fall des Abteilungsleiters Junichi A. verwiesen, der an unzähligen Papierschnitten verblutete. Nichtsdestotrotz kam die offizielle Untersuchung zu dem Ergebnis, dass es sich um einen tragischen Unfall handeln müsse, als Junichi A. mitten in der Nacht das Bedürfnis hatte die gesamte Buchhaltung des Unternehmens zu kopieren. Ebenso spektakulär war der Fall von Koichi S., der an eine Wand getackter worden war (offizielle Todesursache: Selbstmord).

Dabei waren allerdings nicht die Morde und Attentate, sondern vor allem die Angst die erfolgreichste Waffe der Büroninjas. Mit dem bloßen Gerücht, dass sich ein Büroninja unter den Angestellter einer Firma befand, konnten ebenso Revolten der Angestellten, genauso wie bisher allmächtige erscheinende Vorgesetzte niedergerungen werden. Der bloße Gedanken, dass der dickliche Sachbearbeiter aus dem 5ten Stock möglicherweise seine Ungeschicklichkeit und soziale Unbeholfenheit nur vorspielte, um seine Kollegen in trügerischer Sicherheit zu wiegen, konnte zu angsterfüllten Schweigen auf den Gängen führen. Wenn es dann auch noch zu merkwürdigen Zwischenfällen mit dem Bürogerät kam, etwa indem der Kopierer bedrohliche Geräusche von sich gab, Haare oder andere Körperteile sich im Faxgerät verhedderten oder der Kaffee einen merkwürdig bitteren Beigeschmack hatte, brach nicht selten Panik auf den Gängen aus und ganze Bürogebäude mußten zur Sicherheit der Angestellten geräumt werden.

Spätestens seit dem weltweiten Siegeszug japanischer Firmen in den 80ern ist der Büroninja kein rein asiatisches Phänomen mehr. Auch in westlichen Firmen und weltweit sind inzwischen die geheimnisvollen Kämpfer anzutreffen, die nun nicht selten auch im direkten Zweikampf aufeinandertreffen. Dann werden mit allen Mitteln – vom mit tödlicher Präsizision geworfenen Bleistift, über die gefürchtete Computertastatur bis hin zur Folter mit Büroklammern – die Machtverhältnisse in den Büros neu ausgefochten. Nur unterbrochen, wenn mal ein nichtsahnender Kollege um die Ecke kommt, um sich einen Kaffee zu holen oder endlich das Kopiergerät frei geworden ist.

– Für die (heimliche) Büroninja Frau K.

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