Turbogiraffe Episode 367 – In den Abgründen der Bürokratie

vuillemin_astronomique

Die Möglichkeit mich einer Daxiatistischen Expedition anzuschließen konnte ich mir nicht entgehen lassen. Die sich aus Sekretärinnen, Buchhalterinnen und Verwaltungsangestellten zusammensetzende Expedition, die unter der Leitung einer Abteilungsleiterin stand (keine Männer, da die Daxitisten Männer mit der Verwaltungsvorschrift µ236-12-5263 abgeschafft hatten) sollte in dem mythenumwobenen „Büro für technische Verwaltungsvorgänge L-O“ die Richtlinie ß125-72-8824 finden.

Das Problem für die Daxiatisten war, dass Richtlinie ß125-72-8824 nun schon seit mehreren Hundert Zyklen – nach ihren Aussage „äußerst erfolgreich“ – angewandt wurde, ohne dass sich ein tatsächlicher Beweis für den Existenz einer Richtlinie ß125-72-8824 fand. Tatsächlich gehörte die Richtlinie zu dem Gesamtkomplex des „ß-Problems“, das sich zu einer ausgewachsenen Krise der heiligen Daxiatistischen Bürokratie entwickelte, da in dem ß-Problem all jene Richtlinie, Verwaltungsvorschriften, Verordnungen und Gesetze zusammengefaßt waren, die schon länger als verschollen galten. Die Expedition in das „Büro für technische Verwaltungsvorgänge L-O“ stellte also eine Überlebensmaßnahme dar.

Dies alles schien den Teilnehmerinnen sehr bewußt zu sein, die in großem Ernst ihre Bedarfslisten für das Expeditionsmaterial ausfüllten und einreichten. Nachdem diese in der „Halle für außergewöhnliche Requirierungen (Archäologie)“ ihre Genehmigungen abgeholt hatten und anschließend ihr Material im zentralen Verteilungsamt, Sektion A erhalten hatten, ging alles zügig voran: Kletterausrüstung wurde angelegt, Lampenhelme aufgesetzt, Steigschuhe angezogen und so ging es im Morgengrauen in die Abgründe der verehrten Ruine des „Büro für technische Verwaltungsvorgänge L-O“ hinab.

Während unseres Abstiegs durch die engen Korridore der Ruine unterhielt ich mit den Expeditionsteilnehmerinnen und tauschte mich mit ihnen über die aktuelle Lage des ß-Problems aus. Offensichtlich war die Gesellschaft am Rande eines Bürgerkriegs nachdem rebellische Verwaltungsbüros die Existenz von Richtlinie ß125-72-8824 angezweifelt hatten und in den Streik getreten waren. „Terroristen“, nannte sie wutschnaubend eine Sekretärin aus dem Amt für Interdisziplinäre Ärchaologische Kommunikation.

Inzwischen ging es eine zertrümmerte Halle hinab. Vorsichtig mußten wir uns über die Überreste einer Betontreppe abseilen, die wohl einmal im typischen Stil der „Daxiatistischen Effizienz“ gestaltet gewesen sein mochte. Nun waren von ihr nur noch Trümmer übrig.

Obwohl die Expedition Karten aus dem „Amt für bürokratisches Erbe“ erhalten hatte, waren diese zum Leidwesen der Expeditionsleiterinnen nicht gerade zuverlässig. „Unvollständige Dokumentation!“ fluchte die Abteilungsleiterin, was unter Daxiatisten mit zu den größten Flüchen gehörte.

Wir seilten uns anschließend durch einen ehemaligen Liftschacht nach unten ab und erreichten das Niveau der Abteilungen „7224-7931“, wie uns ein Schild informierte. Die Gänge waren hier noch enger. Es roch modrig und in den Gängen sammelten sich Pfützen mit merkwürdig zähflüssigem Material und der Farbe von Druckerschwärze. Rostige Stahlschränke standen hier an den Wänden, die eine Verwaltungsangestellte aus dem „Amt für Rekonstruktive Archäologische Unternehmungen Subsektion 9“ in Verzückung versetzen: „So ordentlich!“ rief sie aus. „Jeder Schrank mit drei Schlössern gesichert, damit auch nichts durch Unbefugte in Unordnung gebracht werden kann. Meisterwerke unserer Vorfahren!“

Es ging weiter hinab.
Ein weiterer Schacht war durch herabgestürzte Betonstelen versperrt. Wir mußten uns durch eine verbarrikadierte Treppe durcharbeiten. Nur mit größter Anstrengung gelang es uns die schweren Brocken, die den Weg blockierten freizuräumen. Dann mußten wir uns zwischen den restlichen Brocken hindurchquetschen, was den Daxiatisten einfacher viel als mir mit meinem langen Hals.

Doch so erreichten wir schließlich Sublevel 8/2/9 und die Abteilung 8747-8968. Ich konnte die angespannte Nervosität meiner Begleiterinnen spüren, denn nun würde ihre richtige Arbeit beginnen. Die Abteilungsleiterin rief alle zusammen und hielt eine aufmunternde Rede über die Bedeutung der bevorstehenden Aufgabe für die heilige Bürokratie der Daxiatisten. Zum Abschluß zitierte sie einen Absatz aus dem „Handbuch zur korrekten Verwendung von Formularen“, dann machten sich alle an die Arbeit.

Die Lichter der Lampen huschten hierhin und dorthin als sich meine Begleiterinnen über die Schränke der Abteilung hermachten. Mit äußerster Sorgfalt wurden Schränke geöffnet und die darin gefundenen, hochempfindlichen, weil alten Akten gewälzt.

Stunden vergingen. Doch dann kam ein sensationeller Fund ans Licht: Eine Sekretärin fand eine Richtlinie k125-72-8823. Die Begeisterung der Expertinnen für diese Entdeckung kannte keine Grenzen: Was würde man alles anstellen können, sobald diese Richtlinie einmal authentifiziert worden war! Welche Möglichkeiten und Freiheiten würde sie den Daxiatisten einräumen!

Doch die Suche nach ß125-72-8824 ging weiter. Ich beteiligte mich so sehr ich eben konnte, doch die Daxiatisten ließen mich selten mehr als ihre Lampen halten, da ich als Giraffe nicht für den Umgang mit archäologisch wertvollen Akten befugt war.

Dann kam ein Schrei aus einem Büro. Wir stürzten alle zu dorthin. Die Abteilungsleiterin war als erste dort und riss der erbleichten Verwaltungsangestellten die Akte aus der Hand, die sie gefunden hatte. Die braun gewordenen, uralten Blätter schienen geradezu in ihre Hand zu leuchten, als sie das Blatt anhob und mit stolzgeschwellter Stimme vorlas: „Richtlinie ß125-72-8824, erlassen am 163GH-1452 Subsektor 11, wird…“ Sie blätterte in einer dramatischen Pause die Seite um. „…ersatzlos gestrichen.“

Für einen Moment war es vollkommen still um mich herum. Keine der Daxiatisten schien auch nur atmen zu wollen. Ein leises Bibbern war das erste was nach dieser Pause zu hören war. Dann brach eine Buchhalterin offen in Tränen aus. In kürzester Zeit hatte sich die mutige Expeditionsmannschaft um mich herum in einen Haufen aus Jammer und Elend verwandelt. Ich war schockiert welche dramatische Wendung die Enthüllungen über meine Begleiterinnen gebracht hatte.

Hastig begann die Abteilungsleiterin leise mit ihrer Sekretärin zu sprechen. Vielleicht ahnten sie es nicht, aber meine Giraffenohren ermöglichten mir das Gespräch mitzuhören, im Gegensatz zu den Daxiatisten um mich herum. Schnell versuchten sie die Tragweite der Entdeckung zu eruieren: War der Bürgerkrieg nun unvermeidlich? Was konnten sie dagegen tun? Mit flüsternden Stimmen berieten sie sich. Wie sie es auch drehten und wendeten: Die Daxiatistische Bürokratie würde ohne Richtlinie ß125-72-8824 niemals wieder dieselbe sein.

Doch dann kam der Sekretärin eine Idee: Was wäre, wenn man k125-72-8823 als ß125-72-8824 ausgeben würde? Es bedurfte nicht viel: Ein paar Retouchen auf einem alten Dokument. Vielleicht ein paar Flecken hier, ein abgerissener Rand dort. Die Abteilungsleiterin erbleichte, doch dann schienen ihre vier Gehirne zu rasen. Erschrocken sah sie sich um, um sich zu vergewissern, dass ihre Begleiterinnen nicht zuhörten. Tatsächlich waren die meisten immer noch damit beschäftigt sich gegenseitig zu trösten. Die Abteilungsleiterin stellte fest, dass die Expeditionsteilnehmerinnen durch §512-71453-HKG zum Stillschweigen über das Vertauschen der Richtlinien verpflichtet werden konnten. Es gab da nur ein Problem… und dabei sah sie auf mich.

Unsere Augen trafen sich. Sie hatte sofort verstanden, dass ich sie gehört haben mußte und sofort packte mich mein Instinkt als transdimensionale Reisende. Ich rannte so schnell ich konnte aus dem Büro hinaus und den dunklen Gang, meilenweit unter der Erde weiter hinunter.

Hinter mir hörte ich die Rufe mich aufzuhalten und sofort verwandelten sich meine bisher treuen Begleiterinnen in effiziente Jagdbeamte, die auch ohne Genehmigung zur Giraffenjagd die Verfolgung aufnahmen. Mit wütenden Schreien drohten sie mir damit mir meinen langen Giraffenhals zu durchtrennen und während ich immer tiefer in das Labyrinth der Gänge hineinlief aktivierte ich mein Interdimensionales Funkgerät (IDF) und rief verzweifelt ZEV 40-31 um Hilfe. Ich brauchte einen Nottransport! Jetzt!

Hinter mir spürte ich den heißen Atem der Daxiatisten, vor mir war ein weiter, dunkler Abgrund. Der Gedanke den enthemmten, ums Überleben kämpfenden Beamten in ihre sechs Hände zu fallen, ließ mich keinen Augenblick zögern: Ich sprang.

„Haben Sie schon unser Notfallformular ausgefüllt?“ fragte mich die blecherne Stimme von ZEV 40-31, während ich in die Schwärze fiel und jeden Moment damit rechnete auf den Betonüberresten eines Daxiatistischen Verwaltungsgebäudes aufzuschlagen.

Ich fluchte. Ich fluchte wie noch nie eine Giraffe jemals in dieser oder einer anderen Dimension geflucht hatte.

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