Nichtwahlkampagne

Karl Bodmer - Traben Trarbach (Quelle: Wikipaintings)

Erwin Westerscheid ist seit 1998 Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Winselstedt-Süd. Wie er selber erklärt, war dies ein reiner Zufall.

Westerscheid war damals Geschäftsführer einer kleinen Druckerei, die unter anderem die Plakate des bisherigen Bundestagsabgeordneten, sowie der Gegenkandidaten der anderen großen Volksparteien druckte. Der Bundestagsabgeordnete, damals ein persönlicher Freund wie Westerscheid noch heute betont, und seine Kontrahenten boten Westerscheid an sich ebenfalls zur Wahl zu stellen, damit „nicht immer dieselben“ auf dem Wahlzettel stünden.

Prompt gewann Westerscheid zu seiner eigenen Verwunderung die Wahl. „Ich hatte eigentlich gar keinen Wahlkampf gemacht,“ erklärt er im Gespräch. „Nur ein paar Plakate mehr hatten wir halt gedruckt. Selbst meine Frau war total überrascht.“ Auch seine Kontrahenten schienen überrascht gewesen zu sein, zumindest wollten sie danach nichts mehr von Westerscheid wissen, „obwohl wir doch Freunde waren“.

Der politische Neuling, der auch den Umzug von Bonn nach Berlin miterlebte, war fraktionslos, versuchte aber die Interessen der Bürger des Wahlkreise Winselstedt-Süd zu vertreten. „Die im Bundestag haben mich alle schief angeguckt, weil ich fraktionslos war. Sowohl die CDU, als auch die SPD haben gefragt, ob ich nicht bei ihnen mitmachen will. Aber ich hab denen gleich gesagt, dass ich es nicht so mit den Parteien habe. Naja, ich weiß ja auch nicht, ob es nicht in ner Partei einfacher gewesen wäre. Aber ich hab halt einfach gemacht, was mir die Leute aus von den Dörfern hier zugetragen haben.“

Offensichtlich war das genau das, was von ihm erwartet wurde. Prompt wurde er 2002 wiedergewählt. „Ich dachte damals wäre es endgültig vorüber. Ich hatte nicht einmal Plakate aufgehängt,“ erinnert sich Westerscheid. Das Wahlergebnis fiel mit 60,9% der Stimmen dennoch deutlich zu seinen Gunsten aus. „Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass ich wieder irgendwo in der Verwaltung anfange. Ich hatte schon ein paar Bewerbungen rausgeschickt, aber dann hat mir die Wahl einen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Westerscheid mußte zurück nach Berlin.

Auch 2005, nach dem Untergang der rot-grünen Koalition wurde Westerscheid im Amt bestätigt. „Als mir alle nach der Wahl auf der Straße gratuliert haben, hab ich immer gesagt, dass das jetzt aber das letzte Mal ist. So schön ist Berlin auch nicht, dass man da so lange bleiben will.“

Im Jahr 2009 hatte Westerscheid endgültig genug von der Politik. „Ich hab mich nicht mal zur Wahl angemeldet.“ Doch irgendwelche Unterstützer hatten es geschafft dennoch seinen Namen auf den Wahlzettel zu schmuggeln. Der Wahlleiter kann dies nicht bestätigen, aber Westerscheid schwört darauf, dass er sich nicht hatte eintragen lassen. So wurde Westerscheid gegen seinen Willen gewählt und zog 2009 erneut in den Bundestag ein. „Ich konnte ja nicht Nein sagen. Alle haben mir gesagt, Erwin, Du mußt für uns nach Berlin, sonst macht das niemand. Also bin ich gegangen.“

Nun steht eine weitere Bundestagswahl vor der Tür und diesmal will Westerscheid auf Nummer sicher gehen: Er hat eine Nichtwahlkampagne gestartet. Auf seinen Plakaten prangen die Bilder seiner Konkurrenten um die Erststimme und auf vielen ist auch davon zu lesen, was Westerscheid alles falsch gemacht hat. „Westerscheid hat für die Herdprämie gestimmt“ steht auf einem, „Westerscheid hat Guttenberg unterstützt“ auf einem anderen. Auch beim Wahlleiter hat er vorgesorgt und ein Dokument hinterlegt, dass sicherstellen soll, dass niemand versucht ihn doch noch auf die Kandidatenliste einzuschmuggeln.

Die Bürger im Wahlkreis Winselstedt-Süd beeindruckt das wenig: „Dann trage ich halt seinen Namen handschriftlich ein,“ erklärt uns eine Frau lachend, nachdem wir sie auf Westerscheids Abwesenheit auf dem Wahlschein angesprochen haben. „Ja, er ist halt ehrlich unser Erwin,“ teilt uns ein anderer Mann mit, den wir neben einem „Westerscheid ist für ein Tempolimit auf der Autobahn“-Plakat treffen. Ein Zuwanderer aus Ghana, der nach eigener Auskunft erst kürzlich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hat, ist von der Aussicht Westerscheid demnächst wählen zu können begeistert: „Nicest man on Earth! Also listens to you. You just walk right up to him and tell him what you want. And he is all: Yeah, okay, I’ll do that. Nicest man, really!“

Westerscheid ist von der Begeisterung seiner Mitbürger nicht gerade angetan. „Ich wollte eigentlich im Oktober endlich mal den Garten machen,“ meint er. „Aber jetzt hat mir schon unser Gärtner aus der Goethestraße angeboten, dass er das gratis für mich macht, weil ich ja nach Berlin muß. Aber ich will das nicht. Das ist sicherlich Bestechung oder sowas. Sowas mache ich nicht. Lieber mache ich das selber. Schlimmstenfalls in der Weihnachtspause. Falls es bis dahin nicht geschneit hat.“ Westerscheid atmet tief durch. „Ich komme zu garnichts mehr,“ seufzt er und schiebt einen Antrag für EU-Förderung beiseite. Er ahnt, dass er trotz seiner Nichtwahlkampagne möglicherweise schon bald wieder nach Berlin wird fahren müssen.

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