Praxiserfahrungen der Wahlleitung

Honoré Daumier - Le malade imaginaire (Quelle: Wikimedia Commons)

„Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“ Die Wahlhelferin klopfte leise von außen an die Wahlkabine. „Alles in Ordnung?“ Erst nachdem sie ein weiteres Mal geklopft hatte, sah sie hinter den Sichtschutz. „Oh mein Gott, Christa! Christa, wir haben noch einen.“

Ihre Kollegin sprang von ihrem Platz an den Wahllisten auf und eilte zu der Wahlkabine.

„Was machen wir denn jetzt?“ Barbara sah sie an. „Was machen wir denn mit dem…“

„Beruhige Dich. Es ist noch früh. Du hast das noch nicht oft mitgemacht, oder? Das ist bei Wahlen immer so.“ Sie ging zu dem Mann hin, der mit einer katatonischen Lähmung an dem Pult lehnte. Seine Hand war immer noch um den Stift verkrampft. Aus seinem Mundwinkel troff der Sabber auf den Wahlzettel.

„Als erstes muß das mal weg…“ Christa griff hastig den Wahlzettel und drückte ihn Barbara in die Hand, die nicht so recht wußte, was sie damit machen sollte. Für einen Moment hielt sie das feuchte Blatt in den Händen, dann sah sie sich hastig um und zerknüllte es schließlich und ließ es unauffällig in eine Papiertonne des Grundschulklassenzimmers fallen, das als Wahllokal diente.

„Hilf mir mal,“ sagte Christa, die damit beschäftigt war, den schockstarren Wähler zu bewegen. „Wir müssen den beiseite schaffen.“

Barbara atmete tief durch, dann griff sie nach den Füßen des Mannes. Wegen seines Übergewichtes war es ausgesprochen schwierig ihn in Richtung des Fensters zu bugsieren. Mit einer Hand öffnete es Christa und legte dann den Kopf auf dem Fensterbord ab.

Beide Wahlhelferinnen griffen nach den Füßen und mit einer kurzen Kraftanstrengung gelang es ihnen den Wähler über das Fensterbrett zu lupfen. Die Schwerkraft erledigte den Rest und der steife Körper fiel heraus, stürzte zwei Meter, landete auf dem Hinterteil einer Rentnerin und kullerte dann den Haufen lebloser Menschen herab, der sich dort an der Schulwand inzwischen gebildet hatte.

„Es sind dieses Jahr doch deutlich mehr als sonst,“ stellte Christa fest, während Barbara das Fenster schloß.

„Na hoffentlich erholen sich ein paar von denen,“ meinte ihre Kollegin.

Christa zuckte nur mit den Schultern und setzte sich wieder hinter ihre Wählerlisten. „Mach Dir darüber mal keine Gedanken. Schockstarre beim Anblick der Wahllalternativen ist garnicht so selten. Das lernt man in der Katastrophenhilfe. Wenn man etwas mehr Übung hat, dann fällt einem das alles nicht mehr so schwer.“

„Ja, aber wo sollen wir denn mit all denen hin, wenn das noch öfter passiert? Wir haben doch erst seit einer Dreiviertelstunde offen.“

„Ja, dass…“ Sie verkniff‘ sich eine Fortsetzung des Dialogs, als eine ältere Dame den Raum betrat.

„Ist das für den Wahlbezirk 017312?“

„Ja, da sind sie genau richtig…“ Barbara nahm einen frischen Wahlzettel von ihrem Stapel und reichte ihn der Wählerin.

Während diese zur Wahlkabine hinüberging, wechselten Barbara und Christa einen mitleidigen Blick.

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