Am Vorabend

Vincent van Gogh - Wheat field in the rain (Quelle: Wikipaintings)

Auf die Stadt ging ein feiner Nieselregen nieder, der aus den grauen Wolken hervorgebrochen war, die sich über der Stadt in den Abendstunden aufgetürmt hatten. Und nun waren sie ein riesiger Ballast, der über allem lag, der sich bis auf die höchsten Gebäude herabgelassen hatte und schwere Schleier durch die nun nächtlichen Straßen schickten.

Nur am Fluß lichtete sich der Dunst etwas. Hier schimmerte nur das fahle Licht der Nachtlichter über die scheinbar endlose Oberfläche auf die die feinen Tropfen niedergingen.

Der Kies knirrschte unter den Rädern des Autos, dass langsam auf dem verlassenen Parkplatz zum Stehen kam. Die Lichter erloschen und auf einmal war es dunkel.

Max zog langsam seine Hand von dem Autoschlüssel zurück, während neben ihm Annabelle ein leises Schluchzen hören ließ. Auf der Rückbank räusperte sich Kerstin. „Wir müssen jetzt,“ sagte sie mit belegter Stimme. Doch wie die anderen beiden blieb sie bewegungslos sitzen.

Nur das leise Prasseln des Regens war zu hören. Gelegentlich unterbrochen von Annabelles Schluchzen, wenn sie nach Luft schnappte. Sie nahm es von allen Dreien am schwersten. Doch sonst blieb sie still.

Vor dem Auto floß träge der Fluß vorbei.

„Es hilft nichts,“ sagte Kerstin erneut. Es klang in ihrer Stimme an, dass sie sich selber Mut zusprach.

„Gibt es vielleicht doch noch eine andere Lö…?“

„Nein!“ unterbrach Kerstin ihn barsch. „Wir hatten doch schon darüber gesprochen. Es gibt keine…“ Sie schluckte. „Es gibt keine…,“ wiederholte sie und ihre Stimme verklang leise.

Max‘ Hände verkrampften sich um das Lenkrad. Dann plötzlich durchfuhr es ihn und er stieß die Autotüre auf und sprang hinaus. Wie um den eigenen Impuls zu wahren, war er in nur drei Schritten am Kofferraum und öffnete ihn. Vor ihm war nichts als Dunkelheit und plötzlich zitterte er. Der Mut und die Tatkraft, die er für einen Moment verspürt hatte, waren dahin. Der Regen fiel unaufhörlich auf seinen Kopf herab. Sein Haar klebte an ihm und seinem fahlen Gesicht, während er einfach nur die schwarze Leere vor sich anstarrte.

Er zuckte zusammen als er eine Hand auf seiner Schulter spürte. Es war Kerstin. Er hatte garnicht bemerkt, dass sie ausgestiegen war. „Es muß sein…“

„Nein, bitte…!“ Der Ruf hallte über den verlassen Parkplatz, während Annabelle aus dem Auto heraustaumelte. Sie fing sich gerade noch bevor sie in den naßen, grau-braunen Matsch fiel. „Bitte, wir…“

Kerstin ging schnell um den Wagen herum und half Annabelle dabei sich aufzurichten. Ihre Hände waren voller Lehm, der langsam von ihren Fingern heruntertropfte. „Bitte, bitte,“ hauchte sie.

„Sei vernünftig, Annabelle, wir hatten darüber gesprochen…“

„Aber wir können sie doch nicht einfach… Das haben sie nicht verdient…“

Kerstin schüttelte den Kopf und umarmte Annabelle. „Nein, sie haben es nicht verdient. Aber welche Wahl haben wir denn?“ Sie versuchte gegenüber Annabelle ihr eigenes Zittern zu unterdrücken und für einen Moment war sie froh über den Regen, der verbarg, wie auch ihr eine Träne das Gesicht herunterlief, obwohl der Regen jede Wärme aus ihrem Körper herauszuwaschen schien.

Max hatte inzwischen den schweren Kasten auf seine Arme gehoben. Er schwankte unter dem Gewicht. Der Regen ließ das Metall schlüpfrig werden. Auf beiden Armen hielt er den Kasten, während er langsam und schweren Schrittes auf den Fluß zulief, der sich vor ihm erstreckte.

Er konnte sich nicht umsehen, doch an den Geräuschen erkannte er, dass Kerstin und Annabelle ihm folgten.

„Es gibt keine andere Möglichkeit!“ rief er laut. Seine Stimme hallte über das Wasser, doch jenseits davon wurde sie vom Dunst erstickt. „Wir können nicht zulassen, dass sie mißbraucht werden.“ Er schnappte nach Luft. Die Anstrengung nahm ihm die Luft zum Atmen. Doch nicht nur das. „Aber wir lassen das nicht zu. Sie haben etwas besseres verdient. Dafür sind sie hier!“

„Dafür sind sie hier,“ wiederholte Kerstin und auch Annabelle stimmte mit ein, obwohl sie immer noch um Haltung rang.

Max hatte inzwischen die Uferkante erreicht. Er schwankte für einen Moment. Das Gewicht zog ihn nach unten, ließ seinen Fuß immer tiefer in den imstabilen Boden sinken. Dennoch zögerte er. Für einen Moment sah es so aus, als ob er selber in den Fluß fallen würde, doch er fing sich und die Bewegung ging in einen unsicheren Wurf über.

Mit einem lauten Platschen landete die Kiste im Fluß, nur wenige Meter vom Ufer entfernt. Gerade soweit wie Max sie hatte werfen können. Als er sich umdrehte, sah er dass Annabelle in der Bewegung erstarrt war. Sie hatte wohl noch nach ihm oder der Kiste greifen wollen, bevor Kerstin sie zurückgehalten hatte und beide Frauen durch das Geräusch des Aufschlags auf dem Wasser wie gelähmt worden waren.

Er sah über seine Schulter, sah noch einmal den Kasten wie er im dunklen Wasser langsam davon trieb. Die glatte metallene Oberfläche fing das Licht einer fernen Brücke ein und für einen Moment konnte er die Aufschrift auf dem Kasten lesen: „Wahlurne“. Dann wandte er sich schamvoll ab.

„Es ist das beste, Annabelle, vielleicht gibt es dort draußen irgendwo einen Ort, wo unsere Stimmen besser aufgehoben sind,“ sagte er leise und zog seine Nase hoch. Er konnte die Tränen in seinen Augen brennen spüren.

Annabelles Gliedmaßen lockerten sich langsam. Kerstin hielt sie fest, damit sie nicht in den Schlamm zu ihren Füßen fiel. „Wir hatten keine andere Wahl.“

Es war nur ein schwaches Nicken, dass Annabelle zustande brachte.

Langsam gingen sie alle drei wieder zum Auto zurück, während das Gewicht des Herbstregens unnachgiebig auf sie herunterdrückte.

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