Alle irre!

Tony Robert-Fleury - Philippe Pinel à la Salpêtrière (Quelle: Wikimedia Commons)

„Nein, ich bin nicht lebensmüde. Nein, lassen Sie mich. Lassen Sie mich los!“

Der bullige Pfleger vom psychiatrischen Notfalldienst schmatze mit den Lippen, während er mit seiner großen, schweren Hand langsam den Namen auf der Liste ausstrich. Angelehnt an den Transporter konnte er spüren, wie seine Kollegen mit dem neuen Patienten kämpften. Doch schon bald würden die Zwangsjacke und die Medikamente ihre Wirkung tun.

Der Mann stieß sich langsam von dem Wagen ab und warf einen Blick auf das Wahlplakat, dass noch immer auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand. Wie so viele war es noch nicht abgebaut worden. „Das Wir entscheidet,“ stand in großen Lettern darauf geschrieben.

„Du! Wieviele haben wir denn noch?“ Sein Kollege, ein kleiner drahtiger Kampfsportler, war wieder aus dem weißen Transporter aufgetaucht und stand nun neben ihm.

„Naja, das kommt ganz drauf an…“ Er hob wieder die Mitgliederliste des SPD-Ortsverbandes hoch und kratzte sich mit seinem Stift hinter dem Kopf. „Die Zentrale meinte ja, dass die Befürworter von rot-rot-grün eventuell auch als suizidal einzustufen sind.“

Der Kollege stöhnte genervt. „Mann. Das die Befürworter einer Großen Koalition in der SPD lebensmüde sind, kann ich ja noch irgendwie verstehen. Aber jetzt die anderen auch noch.“

„Vielleicht ist es die Mitgliedschaft bei der SPD.“

„Alle depressiv und geistig nicht zurechnungsfähig? Okay, dass erlärt wenigstens warum man in den Verein eintritt.“ Er schüttelte den Kopf und ging zum Fahrerplatz hin.

Inzwischen donnerte die Kollegin die Hecktüren des Transporters zu. „So! Der schläft erstmal ne Runde. Sollen wir ihn zu in einen Ausschuss oder zu einer Parteiveranstaltung fahren?“

„Mensch, Inge. Das ist nicht lustig. Das sind kranke Menschen, die…“

„Hessen!“ Der drahtige Kollege schrie aus dem Wagen heraus, in einer Hand das Mikro des Funkgerätes. „Hessen! Wir müssen alle nach Hessen und die dortige SPD einsammeln. Alle wahnsinnig geworden. Ein schwerer Fall von Ypsilanti.“

Die zwei Pfleger wechselten einen Blick, dann seufzten sie.

„Müssen wir uns auch noch um die Grünen kümmern?“ fragte Inge besorgt, während sie die Beifahrertür öffnete.

„Ne, die kommen gleich zum Recycling.“

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