Kochen ist Zen

Hokusai - Kuwana (Quelle: Wikipaintings)

Ich hatte Fine nur durch Zufall getroffen. Auf einem dieser Flohmärkte in Berlin, die inzwischen mehr eine lokale Jahrmarktstradition für Touristen sind als irgendetwas anderes. Sie war es, die mich erkannt hatte. Zwar hätte ich sie wahrscheinlich an ihren Dreadlocks wiedererkannt, aber die waren vollständig unter dem weißen Haarteil verschwunden. Auch die weiße Schürze ließ sie so ganz anders aussehen. Wir hatten uns seit dem Studium nicht mehr gesehen.

Wir tauschten das obligatorische Wie-geht-es-dir-was-machst-Du-so aus, wobei ich stutzte: „Du kochst jetzt?“

„Na, sieht man doch.“ Sie zeigt mit ihrer Zigarretten-verstärkten Hand auf ihr Outfit und lachte. Es war immer noch dieses ansteckend Prusten, dass man überall heraushören konnte. „Ne, ich hab nochmal ne Ausbildung gemacht.“

„Zur Köchin?“

„Hm-hm.“ Sie lächelte und nickte.

„Sorry, ich bin gerade… Das hätte ich von Dir vestimmt nicht erwartet. Du hast damals in der Bibliothek ja praktisch gewohnt…“

Ihr Lächeln verbreitete sich zu einem Grinsen.

„Und wie kamst Du da drauf?“

„Kochen ist so Zen.“

„Was?“ Ich runzelte die Stirn und ihr andauerndes Grinsen verriet mir, dass sie diese Reaktion erwartet hatte. Wie früher schon hatte sie sich alles schon längst überlegt, bevor man selber auch nur auf die Idee kam.

„Folgendermaßen…“ Sie nahm einen letzten Zug von ihrer Zigarette und warf sie dann auf den Boden, wo sie sie mit ihren schweren Stiefeln in die blank getretenen Erde hereintrat. „Beim Kochen? Geht es da, um die Zubereitung? Oder Rezept? Ne! Es geht auch nicht um den Geschmack…“

Auf meiner Stirn bildeten sich skeptische Falten.

„Es geht darum, wie sich jemand fühlt, der etwas ißt. Darum geht’s.“

Ich zog verwundert und anerkennend meine Augenbrauen hoch: Sie hatte recht, aber ich war noch nie auf diese Idee gekommen. „Und deswegen verkaufst Du jetzt…“ Ich warf demonstrativ einen Blick auf den Verkaufswagen neben dem wir standen. Er quetschte sich zwischen all die anderen Marktstände, die nur ein scheinbar undurchsichtiges Gewirr bildeten. „…Leberkäse?“

„Deswegen verkaufe ich jetzt Leberkäse. Kindheits-Nostalgie-Zen-Leberkäse!“

Ich blinzelte sie mehrmals an. „Okay, jetzt muß ich Dir ein Brötchen damit abkaufen.“

Fine sprang in die „Strike!“-Pose, zischte ein zufriedenes „Yes!“ zwischen ihren Zähnen hindurch und mit einem Grinsen hüpfte sie wieder in den Verkaufswagen hinein, um einem weiteren überzeugten Kunden Leberkäse zu verkaufen.

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10 Antworten zu Kochen ist Zen

  1. Frau Körb schreibt:

    Verehrte Freunde des warmen Fleischabfalls,
    ich hoffe, Sie haben sich das Zeug mit süß-saurem Senf servieren lassen und vorher auf Kleintierbefall kontrolliert! Als Milieugeschädigte kann ich Ihnen nur dazu raten, da sich bei alten Dreadlockträgern aufgrund der weichgerauchten Birne gern kleine bis mittelgroße Haustiere mit oder ohne Flügeln, mit oder ohne Schwanz, mit oder ohne Hundemarke einnisten. Aufgrund der beschränkten Wahrnehmung des kämmunwilligen Trägers wird eine Fremdübertragung der faunatischen Elemente entweder nicht beachtet oder mit dem Recht auf freie Wohnortwahl eines jeden Lebewesens begründet.
    Nichts desto trotz werde ich Ihren köstlich verfassten Artikel als Grundlage nehmen und zum nächstgelegenen Metzger eilen.
    Mit herzlichen Grüßen
    Ihre Frau Körb

    • kaminkatze schreibt:

      Sehr geehrte Frau Körb,

      Wie wir Ihnen ja immer wieder versichern legen wir auf journalistische Standards einen sehr hohen Wert. Deswegen können wir Ihnen versichern, dass wir natürlich nur authentische Berichte hier veröffentlichen und die entsprechende Nahrungsaufnahme zu unseren qualitativen Kriterien gehört. Seitdem wir unsere Gammelfleischberichterstattung eingestellt haben, fällt es unseren Mitarbeitern auch nicht schwer sich entsprechend zu engagieren.

      Wir hoffen natürlich dennoch, dass Sie bei dem Metzger Ihres Vertrauens nicht auf Gründe für Berichterstattung treffen. Es sei denn, nur um die dortigen Produkte zu loben.

      • Frau Körb schreibt:

        Hier haben Sie mich falsch verstanden! Ich meine nicht die gammelnden Metzger, die sich ja mittlerweile schon für den Kunden sichtbar die Hände waschen, sondern die gammeligen Fleischendproduktsverkäufer, welche diverse subversive Elemente bei sich tragen und diese vermutlich durchaus auch wissentlich gewollt dem einfachen Käufer in die Semmel packen, denn alles easy du, in Zeiten wie diesen, da musste halt flexibel sein du.
        Herzliche Grüße
        Frau Körb

      • kaminkatze schreibt:

        Sehr geehrte Frau Körb,

        Vielen Dank für den Hinweis und bitte entschuldigen Sie das Mißverständnis. Wir werden bei unserem nächsten Einkauf von Katzenfutter für die Chefredaktion einen scharfen kritischen Blick auf die Fleischfachverkäufer werfen.

      • Frau Körb schreibt:

        Iuuh! Und da ist es wieder, das Praktikantentum, das duckende.
        Verehrte/r Azubi/ne, schätzen Sie sich glücklich, in der vor Ihnen liegenden Redaktion sein zu dürfen und erlernen Sie die Kunst der spitzen Kommentare schnell – mit dem Beispiel des Jürgen S. (oder P.?- mein Namensgedächtnis bastelt noch Kastanienmännlein…) können Sie sich ein Beispiel geben lassen, wie man dem Senf der Anderen die nötige Süße für eine Leberkässemmel entlockt.
        Mit herzlichen Grüßen und einem kräftigen „Weiter machen!“
        Ihre Frau Körb

      • kaminkatze schreibt:

        Sehr geehrte Frau Körb,

        Vielen Dank für Ihre Empfehlung an unsere Praktikantin. Wir werden sie weiterreichen, falls wir wir ihr noch einmal Freizeit einräumen sollten. Als besonders wertgeschätztes Mitglied der Redaktion können wir nicht auf ihre wertvolle Mitarbeit verzichten, so daß es mit dem Weiterreichen und der Freizeit etwas dauern kann.
        Wir bitten um Ihr Verständnis.

      • Frau Körb schreibt:

        Bevor die Ärmste jetzt auch noch die Ostergeschenke für das übernächste Jahr besorgen muss, hier ein wirklich ausgezeichnet empfehlenswerter link: http://www.achtgradplus.de/hauptkategorie/heisser-hirsch.html

        Ich hoffe, Sie lassen mir etwas übrig und proste Ihnen derweil mit einem herrlich vergorenen Federweißen und einem warmen Stück Zwiebelkuchen zu, was täte ich nur ohne Sie!
        Herzlichst Ihre Frau Körb

      • kaminkatze schreibt:

        Sehr geehrte Frau Körb,

        Vielen Dank für die Glühweinempfehlung. Momentan besteht in unserer Redaktion Alkoholverbot, nachdem einige angetrunkene Kollegen die Toiletten verbarrikadiert haben. Wir werden im Zweifelsfalle auf ihre Empfehlung zurückkommen, um die besagten Kollegen aus der Deckung zu locken und den Lokus wieder zu befreien.

      • Frau Körb schreibt:

        Verehrte Redaktion der Gebeutelten,

        gegen verstopfte Toiletten helfen immer noch Hausmittel aus postgroßmütterlichen Zeiten. Benutzen Sie entweder einen verbogenen Kleiderbügel, um kräftig den Durchlauf anzuregen. Hierbei empfiehlt sich das Tragen von Gummihandschuhen und -schürze, da widerspenstige Kollegen doch zu einer gewissen Dramatisierung neigen können.

        Zum zweiten ein Klassiker für Ihr Büro umfunktioniert: Stellen Sie sich in Dreierreihe vor die geblockte Tür und rufen Sie nachdrücklich auf die Presänz Ihrer Enddärme hinweisend: „In drei Sekunden kack ich Dir auf den Schreibtisch! Eins – – – Zwei – – – – – “
        Spätestens dann dürfte auch diese Parzelle wieder zugänglich sein.

        Ich wünsche Ihnen gute Erfolge und vielleicht sollten Sie Ihre Kollegen der fränkischen Geheimpolizei übergeben, der diesjährige Federweiße ist zum Abstinent-werden! Möglicherweise lag es aber auch an der falschen Lagerung während des Einfluges.

        Herzliche Grüße
        Frau K.

      • kaminkatze schreibt:

        Sehr geehrte Frau Körb,

        Vielen Dank für die Tipps! Wir sollten wirklich erwägen einige Kollegen über die Toiletten zu entsorgen. Natürlich ist die Einschaltung eines oder mehrerer Geheimdienste auch eine zu erwägende Lösung. Man hört ja, dass diese bei Journalisten derzeit ein besonderes Interesse an den Tag legen.

        Wir hoffen allerdings, dass Sie der Federweiße sie nicht in Mitleidenschaft gezogen hat. Sie sollten allerdings auch einmal prüfen, ob dieser ihnen nicht bewußt untergeschoben wurde. Man kann sich da leider nie sicher sein…

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