Derweil in der Arbeitsagentur Berlin-Mitte…

delort_cardinal

Er setzte sich in den Stuhl ihr direkt gegenüber und schlug die Akte auf. „Also… Was war Ihre Berufswunsch noch einmal?“

„Bundeskanzlerin,“ sagte die Frau mit dem Topfhaarschnitt ihm gegenüber.

„Hm-hm. Und Sie sagen, Sie haben sowas schon einmal gemacht?“

„Ja, sicher! Ich habe Deutschland bereits 8 Jahre regiert, da habe…“

„Moment. Ich möchte Ihre Leistung bis heute nicht kleinreden. Aber Sie sind sich bewußt, dass man auch mal zurückstecken muß. Bundeskanzler das ist ja schon ein recht begehrter Job, verstehen Sie?“

„Aber ich wurde gewählt.“

Er räusperte sich. „Wissen Sie, wir haben uns nicht um den Job gerissen, als das Bundespräsidialamt ihn an das Arbeitsagentur Berlin-Mitte gegeben hat. Wirklich nicht! Aber wenn das nun schon einmal bei uns liegt, dann machen wir das auch so wie wir das für richtig halten. Das müssen Sie verstehen.“

„Aber meine Ernennung ist alternativlos.“

„Ja, das sagen Sie! Ihre Akte sagt aber etwas ganz anderes…“

Sie sah ihn mit großen Augen an und war für einen Moment wie erstarrt.

Der Sachbearbeiter sah derweil weiter die Akte durch. Er tippte mit seinem Kuli auf die Plastikauflage seines Schreibtisches. „Wie würden Sie denn Ihre Teamfähigkeit beschreiben…“

„Sehr… sehr gut.“

„Hm-hm.“ Er nickte. „Guttenberg und Wulff würden da sicher was anderes sagen…“ Bevor sie etwas einwenden konnte, fragte er schon wieder: „Und ihre Eigeninitiative?“

„Ich habe viele Gesetze eingebracht. Oder einbringen lassen. Deutschland liegt mir sehr…“

„Ja, also ich sehe hier schon, dass Sie meistens einfach nur auf die Umstände reagieren. Das steht schon so in ihrer Akte, ja? Mal ganz davon abgesehen, dass Sie die Interessen Ihres Arbeitsgebers auch nicht immer gut vertreten haben. Zum Beispiel in dieser Geschichte mit der Überwachung durch die Amerikaner…“

„Wir haben alles getan, was für Deutschland notwendig ist.“

„Wenn Sie das sagen…“ Er warf einen letzten Blick auf die Zeilen des Arbeitszeugnisses, dann klappte er die Akte zu, faltete die Hände auf dem Tisch und sah sie an. „Wollen Sie vielleicht nicht doch erst einmal etwas Kleineres ausprobieren?“

„Jetzt hören Sie mal. Die CDU wurde mit überwältigender Mehrheit gewählt. Wir leben immer noch in einer Demokratie.“

„Sicher! Sicher! Deswegen sitzen Sie auch gerade bei mir. Aber das ändert nichts daran, dass wir auch den richtigen Kandidaten für eine Stelle finden müssen.“

„Sie wollen mich nicht ernennen? Wenn das der Bundestag…!“

„Dies ist aber nicht der Bundestag! Dies ist die Arbeitsagentur Berlin-Mitte und bei uns wird jeder gleich behandelt. Jeder nach seinen Kompetenzen.“ Er pausierte kurz und beobachtete sie. Dann atmete er tief ein und richtete sich dabei auf. „Sie dürfen jetzt gehen, wir rufen Sie herein falls wir etwas Passendes für Sie haben.“

Sie sah ihn unter ihren Haaren hervor grimmig an. Dann stand sie von ihrem Stuhl auf und ging hinaus.

Der Sachbearbeiter nahm die Akte erneut zur Hand und notierte bei „Arbeitswilligkeit“ ein Minus-Zeichen.

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