Weihnachtszeit ist Paket-Abhole-Zeit

Vincent van Gogh - Portrait of the Postman Joseph Roulin (Quelle: Wikipaintings)

Das Paket von seiner Ex-Freundin T. war bei Familie B. gelandet. Als er den Informationszettel der Post in der Hand hielt, zögerte er noch für einen Moment, dann entschied er sich das Paket doch abzuholen. Auch wenn sie sich beide schon vor langer Zeit einvernehmlich getrennt hatten, von allen früheren Beziehungen hatte T. immer am besten gewußt, was ihm gefallen hatte.

Als er bei den Beckers klingelte, wurde ihm von der 8jährigen Tochter geöffnet. An das Paket zu gelangen kostete in 12 Minuten, sowie eine Tafel Schokolade.

Das Paket vom Versandhändler A. war bereits schwieriger zu erhalten. Es war bei Frau S. deponiert worden.

Es kostete ihn einige Überwindungskraft es abzuholen. Er zögerte das Abholen einen Tag hinaus und ging schließlich erst gegen Abend zu ihr hinüber, um den Nachmittag zu vermeiden. Dennoch entkam er nicht einem Tee, den ihm Frau S. anbot und den er nicht ablehnen konnte, ohne auf das Paket und damit auf das darin enthaltetene Paar neuer Handschuhe zu verzichten. Die Abholung kostete ihn über 2 Stunden, sowie eine schlaflose Nacht (Schwarztee war schon immer schwierig für ihn gewesen).

Das Paket von Versandhändler H. wurde mit per Express zugestellt und er hatte gehofft, dass er es damit persönlich würde entgegen nehmen können. Es landete bei Herrn K.

Bevor er hinüberging überlegte wer Herr K. eigentlich war. Er konnte sich nicht daran erinnern jemals Herrn K. begegnet zu sein. Diese Vorstellung löste ihn ihm einen schwer zu beschreibenden Schrecken aus, der selbst nach dem Öffnen der Wohnungstür noch anhielt als Herr K. ihm inklusive seines großen, schwarzen, schweigenden Rüden gegenüber stand. Die Paketübergabe dauerte 37 Sekunden, kostete ihn allerdings ebenfalls den Schlaf einer weiteren Nacht, nachdem das Gefühl existentiellen Horrors auch die folgenden 36 Stunden noch anhielt.

Das Paket von seiner Mutter wurde bei U. abgegeben.

Für einen Moment überlegte er sich, ob er das Paket einfach bei U. lassen sollte. Er erinnerte sich allerdings dann daran, dass seine Mutter sicherlich nach dem Inhalt des Paketes fragen würde. Sollte er darauf nicht wahrheitsgemäß anworten können, würde die Weihnachtsfeiertage (die er traditionellerweise immer bei seinen Eltern verbrachte) eine sehr frostige Angelegenheit werden.

Nun war es allerdings so, dass er früher – kurz nach seinem Einzug, der zufälligerweise mit dem Einzug von U. zusammen gefallen war – eine kurze, aber heftige Affäre mit ihr gehabt hatte. Dies hatte sich auch seitdem nicht gebessert. Die Paketübergabe kostete ihn 11 Sekunden und den Rest seiner Nerven.

Das fünfte Paket holte er nie ab. Er erfuhr später, dass das H.S. aus der WG S., K. und G. sich sehr über einen neuen Rasierapparat gefreut hatte.

Er stellte fest, dass er noch nie so billig davongekommen war und genoß den Rest der Weihnachtszeit dieses wohlige Gefühl der Verantwortungslosigkeit.

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