Stramme Weihnachtsbäume

Boris Kustodiev - The Christmas Tree Bargain (Quelle: Wikipaintings)

An der Wohnungstür war ein Krachen zu hören. Dann sprang sie mit einem Knallen auf, es klirrte und knarzte, dann ein dumpfer Aufschlag.

„Schatz, hilfst Du mir mal?“

Iulia kam bereits vor seinem Ruf aus der Küche gerannt und starrte nun auf die grün-harzige Masse an Ästen, die durch die Tür gequollen kam, kaum im Zaun gehalten von einem Alibi eines Netzes.

„Matthias, was… was ist das für ein Ding?“ rief sie aus und wie immer, wenn sie sich aufregte kam ihr russischer Akzent in der Aussprache durch.

„Das ist der Weihnachtsbaum. Ist er nicht toll?“ Irgendwo in der Masse an benadelten Zweigen bewegte sich etwas, sein Anorak war kurz zu sehen, während er gleichermaßen zog und drückte. „Hast Du jemals einen so großen Weihnachtsbaum gesehen.“

„Nein! Habe ich nicht.“

Er stockte in seiner Bewegung, seine behandschuhten Hände fanden eh keinen Halt an dem Stamm. Der Baum bewegte sich weder vor noch zurück, eingekeilt in der Wohnungstür. Matthias war vertraut mit ihren Drei- oder Zwei-Wort-Sätzen. Sie sprach so nur, wenn sie sich einen anderen Kommentar verkniff, einen wesentlich unangenehmeren.

Mit den Armen zwischen den Zweigen rudernd drehte er sich zu ihr um, zog seinen verrutschten Anorak aus dem Gesicht und die Mütze vom Kopf. „Schatz, ich habe beim Weihnachtsbaumverkauf den Jennings getroffen,“ sagte er, als ob dies alles erklären würde.

Eine tiefe Furche zeichnete sich auf ihrer Stirn ab.

„Der Jennings meinte…“ Matthias hob seinen Arm so weit wie er konnte. „Der Jennings meinte, dass sein Weihnachtsbaum mindestens…, also mindestens so groß sei und da habe ich…“

„Einen größeren gekauft?“

„Ja! Ist er nicht toll?“

Er benötigte keine mündliche Antwort, diese stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ein anderes Argument mußte her. „Er meinte außerdem, dass die Dekoration seiner Frau viel schöner…“

„Nein!“ sagte sie kategorisch. „Nein, damit fangen wir garnicht erst an.“

„Aber, Schatz, das ist ein Prachtstück von einem Baum. Sowas hast Du in dieser Größe noch nicht gesehen. Faß ihn doch mal an. 3 Meter stramme Nordmannstanne.“

„Es ist mir egal, wie stramm die Nordmannstanne ist. Sowas kommt mir nicht durch die Wohnungstür. Gott, es paßt ja gerade mal die Spitze rein.“

„Aber vielleicht, wenn ich sie… Also wenn das etwas mehr flutscht, dann…“ Er machte entsprechende drückende Handbewegungen.

„Es kommt nicht auf die Größe an. Und jetzt schaff‘ das Ding weg. Die Kinder kommen bald nach Haus.“

„Aber Deine Deko…“

„…werde ich jetzt bestimmt nicht auspacken.“

Matthias ließ den Kopf hängen. „Und wenn ich ihn im Vorgarten aufstelle?“

„Ja, schämst Du Dich denn garnicht?“ rief Iulia entsetzt aus der Küche.

Mit hängenden Schulter sah Matthias den Weihnachtsbaum an. Für einen Moment zögerte er, dann zupfte er unschlüssig an dem Netz, dass die Äste zusammenhielt. Mit einem knallenden Geräusch rutschte es herunter und flog, inklusive der Feuchtigkeit von den Ästen quer durch den Korridor, die sich überall im Raum verteilte.

Aus der Küche kam ein entsetzter Aufschrei.

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7 Antworten zu Stramme Weihnachtsbäume

  1. Frau Körb schreibt:

    Verehrte Redaktion,
    kann es sein, dass Sie Weihnachten mit allem dazugehörigen Gedöns überhaupt nicht mögen/ ablehnen und hier versteckte Kritik zu üben versuchen? In Zeiten wie diesen – dürfen auch die Fehlfarben wieder erwähnt werden müssen wegen Copyrhight, wonach ich nicht explizit gefragt habe, aber wegen Verjährungsfrist auf Milde hoffe – ist jedes Wort ein flasches Wort, was ich unlängst erfahren durfte und deswegen frage ich lieber banal nach.
    Mit herzlichen Grüßen aus der Mitleidszentrale
    Frau Körb

  2. Frau Körb schreibt:

    … Und wieder ist es passiert- es gibt flache Wörter und es gibt falsche Wörter, gemischt mit einer Prise russischem Akzent kann dann schon mal ein flasches Wort daraus werden, ich hoffe auf Vergebung! Fr.K.

    • kaminkatze schreibt:

      Sehr geehrte Frau Körb,

      Sie sprechen eine durchaus wichtige Beobachtung ganz beiläufig aus: Nicht selten sind die falschen Wörter deswegen falsch, weil sie flach sind. Dafür müssen Sie sich nicht entschuldigen. Dies ist eine durchaus richtige und wichtige Feststellung!

      Die Meinung der Redaktion zu Weihnachten ist durchaus ambivalent. Sie hängt nicht zuletzt auch vom Grad der Bestechung mittels Geschenken und Alkoholika ab. Der momentane Stand in dieser Sache läßt sich am besten mit „Nicht genug!“ umschreiben.

      Was Urheberrechtsfragen betrifft, weigert sich die Redaktion beharrlich sich an diesen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für abgehalfterte Juristen zu beteiligen. Wir sind ja ein seriöse Nachrichtenorgan und keine Wohltätigkeitsorganisation. Davon gibt es zu dieser Jahreszeit sowieso viel zuviele.

      • Frau Körb schreibt:

        Ich muss Ihnen entschieden widersprechen! Die flachen Wörter, die den Lack der Oberfläche nicht einmal streifen, sondern mit einem leuchtenen Schweif darüber hinweg fliegen, können falsch nicht sein, folgten ihnen doch sogar die Drei aus dem Mohrenland!

        Ihren Redaktionsmitarbeitern empfehle ich bei mangelnder Tiefe immer wieder den „Heißen Hirsch“ (s.d.), ist er doch heuer das beste Heißgetränk, was auch das Herz erreicht und mit Sicherheit nicht falsch ist.
        Kommen Sie alle gut durch die Zeit, ohne über die ganze Wohltätigkeit zu stolpern!
        Herzlichst
        Frau Körb

      • kaminkatze schreibt:

        Sehr geehrte Frau Körb,

        Vielen Dank noch einmal für die Empfehlung des „Heißen Hirsch“. Sobald die Finanzabteilung entsprechende Mittel freigegeben hat, werden wir entsprechend investieren.

        Was die flachen Wörter betrifft, so möchten wir keine Aussage über ihre Strahlkraft machen. Auch radioaktive Abfälle sind nicht selten unscheinbar, haben allerdings eine große Langzeitwirkung und sind schwer zu entsorgen. Das trägt allerdings nicht zur Nützlichkeit von radioaktiven Abfällen bei. Es sei denn man ist ein Atomkraftwerksbetreiber, der sich die Entsorgung staatlich finanzieren läßt.

      • Frau Körb schreibt:

        Aber was haben Sie denn jetzt gegen so ein kleines Atomkraftwerkchen? Es produziert doch weit mehr strahlende Gesichter, als Sondermüll – denken Sie nur an all die Kinderaugen, die die bunten Lichterketten am Karusell bestaunen, bevor sie getroffen zu Boden gehen, war doch der Kleine vom Klaus wieder schneller. Oder all die freudigen Nachbarn, die im Lichterkrieg aufrüsten, dass der Zähler explodiert. Oder auch die Damen des Herrn Atomkraftwerksbetreibers – was gibt das für ein Leuchten von Frau, Tochter und Geliebten, wenn sie all die schönen Dinge unter dem elektrischen Tannenbaum erspähen! Es sind doch die inneren Werte, die zählen, also die Freude, die Zufriedenheit, und zur Belohnung die Liebe und das bisschen Müll? Also ich bitte Sie, den produzieren wir doch alle! Na und der Krebs? Ach Gottchen, dafür gibt es doch die Wohltätigkeit!

        Nein, ich glaube wirklich , bei Ihnen herscht akuter Alkoholmangel, welcher zu solch pessimistischen Gedankengängen führt. Mit der Freiheit der Gedanken werde ich jetzt explizit für jedes Mitglied Ihrer Redaktion einen Pott Glühwein erheben und ausleeren, selbstverständlich über offenem Feuer erwärmt und wenn ich im nächsten Jahr aus der Klinik entlassen werde, hoffe ich, eine bessere Welt ausrufen zu können.
        Mit kollegi-sozialen Grüßen
        Frau Körb

      • kaminkatze schreibt:

        Sehr geehrte Frau Körb,

        Die Redaktion ist einfach vorsichtig. Ein gewisser Herr von Bülow hat ja bereits das Thema „Atomkraftwerk zur Weihnachtszeit“ thematisiert gehabt und man will in diesem Zeiten in denen das Urheberrecht zur Waffe von arbeitslosen Anwälten geworden ist, sehr vorsichtig sein. Gegen Anwälte ist Krebs einfach kein Vergleich.

        Was den Alkoholmangel betrifft, so kann dem wohl keine Abhilfe mehr geschaffen werden. Die Redaktion hat beschlossen, stattdessen auf Katzenminze zu setzen, die in Keksform dargebracht wird. Dies scheint uns eine valide weihnachtliche Alternative zu sein.

        In diesem Sinne: Auch Ihnen Frohe Weihnachten aus der Redaktion.

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