Und an Weihnachten in die Kirche

Claude Monet - L'église de Vetheuil dans la neige (Quelle: Wikipaintings)

Pfarrer Eisele war erst seit März im Amt. Zuerst hatte er sich auf sein erstes Weihnachten in der Gemeinde gefreut, dann – als er gesehen hatte, wie wenige Leute überhaupt noch in die Kirche kamen – hatte er sich davor gefürchtet. Er hatte beschlossen, dass er den paar alten Leuten, die noch in die Kirche kamen, das Beste zu bieten, was sein Haus zu bieten hatte. Trotz aller Widrigkeiten.

Er hatte selber die Lichterkette auf die Tanne am Eingang montiert. Er hatte die Krippe aufgestellt. Er hatte nach Weihnachtsmusik gesucht und einen alten CD-Player gefunden, den dort angeschlossen hatte, wo früher die Orgel gestanden hatte. Eine CD mit Orgelmusik ließ sich in dem seit Jahren unsortierten Archiv auftreiben.

Er hatte ein paar Kekse gebacken. Eine ältere Dame, die sagte sie sei früher Bäckerin gewesen, hatte ihm ein paar Dosen vorbeigebracht, nachdem sie seine kläglichen Versuche gesehen hatte. Es war nicht viel, aber sie wollte etwas beitragen hatte sie gesagt und er wäre ihr in diesem Moment am liebsten um den Hals gefallen.

Dann waren sie plötzlich aufgetaucht: Diese Männer und Frauen mit den Kindern…

Als erstes hatte ihn eine Mutter gefragt, warum es denn keinen Kindergottesdienst gäbe. Er wollte antworten, dass er ihre Kinder noch nie im Gottesdienst gesehen hätte, aber er wollte nicht unfreundlich sein und antwortet, dass wohl nicht genügend Interesse vorhanden sei.

Dann hatte ein paar Männer in seiner Hörreichweite die Krippe lautstark kritisiert. Ein Familienvater versuchte ihn in eine Diskussion über den Papst zu verwickeln, ob es denn noch zeitgemäß sei wie er – Pfarrer Eisele – die Kirche schmücken würde, wo nun der Papst in Rom die Armut predigen würde. Dann hatte jemand gefragt, wieso es keinen Chor gäbe. Eine andere, wollte den Inhalt der Predigt wissen, um sie zu überprüfen. Jemand anderes kommentierte die Härte der Bänke, die Kälte des Raums, die mangelnde Beleuchtung („Wieso stellen sie nicht mehr Kerzen auf? Das ist doch schön! Gerade zu dieser Jahreszeit!“), den spartanischen Altar, die fehlenden Parkplätze vor der Kirche…

Pfarrer Eisele lächelte nur. Er lächelte vom ersten bis zum vierten Advent. Er lächelte am Weihnachtstag und während der Christmette. Er lächelte als er am Zweiten Weihnachtsfeiertag gefragt wurde, warum die Kirche nicht Bachs Weihnachtsoratorium aufführen würde.

Am Sonntag, den 29. Dezember war die Kirche wieder leer. Vor ihm saßen dieselben zwei Dutzend alten Leute, die er immer gesehen hatte.

Als er oben beim Altar stand, holte er tief Luft und wollte etwas sagen, doch das einzige was im Rausrutschte war: „Scheiße nochmal! Nächstes Jahr ziehen wir das Fest vor und ich mache den Laden um diese Jahreszeit dicht.“

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