ADAC auf Abwegen

Julius LeBlanc Stewart - Les Dames Goldsmith au blois de Boulogne en 1897 sur une voiturette (Quelle: Wikimedia Commons)

„Hallo, wo geht es denn hier zum Lieblingsauto der Deutschen?“ Der Mann hinter dem Steuer des gelben Wagen zog seine Landkarte hervor und begann sofort damit herumzuwedeln.

Karl-Uwe Laux, seit 34 Jahren Landwirt aus Leidenschaft, kannte jede seiner Kühe mit nahmen. Deswegen schob er seine Bessie weg und trat langsam den Weg vom Weidezaun hinauf zur Straßenkante an. „Wo wollense hin?“ rief er.

„Zum Lieblingsauto der Deutschen! Das soll hier sein. Sehen Sie!“ Der Fahrer hielt seine Karte hoch. „Da steht das.“

Karl-Uwe Laux, der von seinen besten Freunden immer nur „Kau“ genannt wurde, erreichte die Straße und stapfte erst einmal tüchtig auf, damit der Matsch der Weide nicht länger an seinen Gummistiefel klebte. Dabei bewunderte er das gelbe Auto: Er hatte keine Ahnung um was für ein Fabrikat es sich handelte, aber es sah teuer aus. Teurer als jedes Gefährt, das man sonst auf den Straßen des Landkreises sah. „Lieblingsauto, sagen sie…“

„Ja, das ist hier!“ sagte der Fahrer hinter dem Steuer mit einem genervten Unterton in der Stimme. Es war ihm anzusehen, dass er ungeduldig war.

Kau reagiert darauf, wie immer in den letzten 25 Jahren auf so etwas reagiert hatte – außer bei dem Zwischenfall mit dem Matthiä, aber das hatte er auch sehr bereut. Er zog aus seiner Innentasche eine selbstgerollte Zigarette hervor und zündete sie sich an. Mit einem Streichholz. Dieses wollte nicht gleich Feuer fangen.

„Hier!“ rief der Autofahrer. „Hier ist das! Da! Sehen Sie die Karte!“

„Ja, zeigen Sie mal.“ Kau nahm sie dem verdutzten Fahrer einfach aus der Hand und kniff die Augen zusammen. „Haben Sie nicht so einen Computer. So ein Navi?“ brummte er, während er die Karte besichtigte.

„Natürlich habe ich ein Navi! Ja, und…?“

„Hm-hm.“ Kau nickte und nickte die Landkarte an. „Jaaa…“ Es handelte sich offensichtlich um eine Karte der Gegend: Er erkannte die Straßen und Ortschaften und all die großen freien Landflächen dazwischen. Berge, Wälder und bestes, altes Acker- und Weideland. Eigentlich keine Stadt im weitesten Umkreis, bis auf diesen großen, fettigen roten Fleck, den jemand auf die Karte gezeichnet hat. Handschriftlich, mit einem Kuli geschrieben, stand da „Lieblingsauto“ drüber. Kau hielt dem Fahrer die Karte wieder hin. „Ja, also, ehrlich gesagt… So ein Ding. Also so ein Lieblingsauto gibt es hier nicht. Das hier ist die tiefste Provinz.“

„Wovon reden Sie eigentlich? Können Sie nicht lesen?“ rief der Fahrer aus. „Hier! Da steht es! Lieblingsauto! Ich bin schon oft dort gewesen. Jedes Jahr.“

„Also, ich weiß ja nicht, wo sie waren, aber…“

„Ich fahre hier schon seit Jahren durch…“

„Durch die Provinz? In dem Wagen?“

Der Fahrer ließ sich nicht durch Kaus Einwurf aus dem Konzept bringen. „Das ist sozusagen schon meine Heimat!“ rief er aus.

Kau sah den Mann an, dessen Gesicht sich inzwischen deutlich gerötet hatte. Der Landwirt atmete durch. „Warum fahren Sie nicht nach Eugenwald? Das ist hier gleich westlich. Einfach die Straße runter und dann die zweite links und noch ein Stückchen die Landstraße ‚lang. Hübscher Ort!“

„Na!“ rief der Autofahrer aus. „Na! Sehen Sie! Geht doch!“ Er sah Kau mit zusammengekniffenen Augen an, schüttelt mit grimmiger Miene den Kopf und startete seinen Wagen neu. Ohne sich zu verabschieden oder sich zu bedanken, brauste er einen Moment mit seinem gelben Auto davon.

Kau zog an seiner Zigarette. Dann schüttelte er den Kopf. „Sowas… Hast Du schon mal sowas erlebt?“ rief er zur Weide hinüber. Von dort kam als Antwort nur das Gebimmel der Kuhglocken herüber. Karl-Uwe Laux schüttelte erneut den Kopf. „So ein Kindergarten macht bei uns keiner…“ sagte Kau zu sich selbst und ging dann wieder den Hang zur Weide hinunter.

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