Die Uhrlosen

Gerrit Dou - Still life with candle and clock (Quelle: Wikipaintings)

Ein Treffen mit Michael Popalski ist nicht ganz einfach zu arrangieren. „Kommt einfach vorbei,“ sagt er nur am Telefon. Wenn man dann vor seiner Tür steht, kann es aber schon passieren, dass Popalski einem die Tür vor der Nase wieder schließt, weil er „gerade mit etwas anderem beschäftigt ist.“ Das tut ihm zwar sehr leid, aber ändert nichts daran, dass man noch einmal wiederkommen muß. Auf die Frage wann, antwortet Popalski nur: „Später halt.“ Genauer geht es nicht.

Der Grund dafür ist, dass Popalski einer der herausragendsten Köpfe der Bewegung der Uhrlosen ist. Das heißt Popalski besitzt keine Uhr, auch ein Kalender kommt ihm nicht ins Haus. Der Grund dafür ist der Kampf der Uhrlosen gegen die „Doktrin der wirtschaftlichen Verwertbarkeit“. „Wir durchbrechen die Logik der Maschine indem wir uns dem Rhytmus der Maschine verweigern,“ erklärt Popalski als das Gespräch mit ihm doch zustande gekommen ist.

Für den normalen Menschen ist ein Leben ohne zeitliche Einteilung fast unvorstellbar, doch Popalski kann darüber nur lachen. „Das Schlimmste was einem passieren kann ist, dass der Supermarkt schon geschlossen hat, wenn man dorthin geht.“ Doch ganz so einfach ist es nicht. In Deutschen Großstädten gibt es inzwischen regelmäßige Zusammenstößen von Uhrlosen und normaler Bevölkerung: Ruhestörung, nicht eingehaltene Fristen und unbezahlte Mieten beschäftigen die Gerichte.

Popalski und seine Mitstreiter sind davon wenig beeindruckt. „Zootiere, die immer zu festen Uhrzeiten gefüttert werden, werden neurotisch. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Warum? Ein fester Rhytmus wiederspricht der Natur. Also warum soll es der menschlichen Natur entsprechen, wenn wir unser Leben minutengenau durchtakten? Wenn wir für jeden Tag einen genauen Plan haben? Unsere Gesellschaft leidet unter einer kollektiven Zwangsneurose.“

Wie die Lebensphilosophie der Uhrlosen mit den Anforderungen der modernen Arbeitswelt zusammenpassen ist dabei weniger eine Frage als vielmehr das Kern der Uhrlosen-Bewegung: „Garnicht,“ meint Popalski. „Wenn ich Arbeit habe, erledige ich die sofort.“ Als Selbstständiger kann sich Popalski das leisten. Dass den Uhrlosen häufig vorgeworfen wird, ein Sammlungsbewegung von Wohlstandsbürgern, Möchtegern-Hippies und hippen urbanen Neoprimitivisten zu sein, ist in Popalskis Fall also nicht ganz unbegründet.

Obwohl noch viele Fragen offen sind, beendet Popalski das Gespräch wenig später. „Meine Frau hat Essen gekocht, weil sie Hunger hatte,“ meint er zur Erklärung. Als kurz darauf seine Tochter an uns vorbeiläuft, antwortet Popalski auf die Frage nach ihrem Alter: „Sie wurde im Winter geboren, daran erinnere ich mich noch. Aber die Anzahl ihrer Lebensjahre, das ist doch echt nicht wichtig.“ Damit schließt er die Tür hinter uns und die Journalisten eilen zurück an den Schreibtisch, um noch rechtzeitig vor Redaktionsschluss ihren Artikel fertigzuschreiben.

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