Das Standbier

Edouard Manet - A good glass of beer (Quelle: Wikipaintings)

Lange Jahre hatte die Privatbrauerei Hermanns in Niederunstrut mit ihrem Bier keinen Erfolg. Ob Pils, Export oder Weizen, die alten Kunden der kleinen Privatbrauerei starben aus, während die jüngeren zu den großen Marken griffen. „Es sah düster aus,“ sagt Geschäftsführerin Andrea Schickmans heute ganz offen. Doch das sollte sich ändern.

Ausgangspunkt war eine recht verzweifelte Notsitzung im Konferenzraum der Brauerei. Die Manager und Braumeister waren wieder einmal zusammengekommen, um die Lage zu besprochen. Doch auch bei diesem Treffen wollte sich keine rechte Lösung der verfahrenen Lage finden lassen: Langsam gingen die Geldreserven des Unternehmens zur Neige, gleichzeitig hatten teure Werbekampagnen keinen Erfolg gezeitigt. Es schien als würde am Weg in die Insolvenz nichts vorbeiführen.

So saß die Führungsebene der Brauerei zusammen, vor ihnen kaum angerührte Biere aus ihrer eigenen Herstellung. Dann war es Braumeister Gerhard Neskovic, der nach vielen Stunden doch einmal einen Schluck nahm. Sofort verzog er das Gesicht: Das Bier – inzwischen auf Zimmertemperatur angewärmt – schmeckte schal und flach. Es hatte die meisten Aromen verloren und sah zudem auch noch scheußlich aus. Neskovic konnte sein eigenes, mit Liebe gebrautes Bier nicht mehr wiedererkennen. „Unser Bier schmeckte ungekühlt nach mehreren Stunden wie irgendein Discounter-Gebräu,“ sag er heute dazu. „Doch dann dachte ich mir: Wie oft kommt das eigentlich vor? Dass man vor seinem Bier sitzt und es nicht anrührt? Geht uns das nicht allen häufig so? Da reden und reden wir und nimmt kaum einen Schluck und wenn doch, dann schmeckt es einfach nicht mehr.“

In diesem Moment wurde ein neues, revolutionäres Getränk geboren: Das Hermannsche Standbier.

Viele Monate tüftelten die Braumeister des Unternehmens an der richtigen Formel und Zubereitung, bevor es endlich marktreif war. Heute ist es inzwischen aus dem Sortiment nicht mehr wegzudenken. Geschäftsführerin Schickmans erklärt den Erfolg so: „Ein Bier, dass auch Stunden später noch schmeckt. Zugleich auch noch Schaum hat und erfrischend wirkt. Damit man sich so richtig festquatschen kann und trotzdem nichts verloren geht. Das kann man auch sofort jedem Gastwirt erklären, dass sich das gut verkauft. Was glauben sie wieviel halbvolle Biergläser die jeden Abend in den Ausguß kippen. Es ist also ein Getränk für die moderne Zeit in der die Kommunikation uns nicht immer Zeit für den Genuß läßt.“

Dass das Bier dabei offiziell als „alkoholhaltiges Süßgetränk“ gehandelt werden darf, ist für die Betreiber der Brauerei Hermanns nur ein Schönheitsfehler. Der Erfolg gibt den Betreibern recht. „Natürlich hat Gelatine in einem normalen Bier nichts zu suchen,“ gibt auch Braumeister Neskovic zu. „Aber das hat dann halt nach 3 Stunden langem Diskutieren über Beziehungsprobleme halt auch keinen Schaum mehr. Es ist ein modernes Getränk für unsere moderne Zeit.“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Alltag abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s