Der Weg in den ludokratischen Aufstand

Mary Cassatt - Children playing on the beach (Quelle: Wikipaintings)

Es folgt ein Artikel unseres soziologischen Beraters, Dr. Eichhorn, über die derzeitigen Veränderungen der Gesellschaft und den Ursprung einer neuen weltweiten Protestkultur.
Leider ist Dr. Eichhorn derzeit erkrankt und bittet deswegen um Entschuldigung für die Verständlichkeit dieses Artikels: 

Technophobie und moralistische Kapitalismus stehen der Evolution des vernetzten, digital augmentierten Individualismus zur Ludokratie [-der Herrschaft des Vergnügens, die Red.] im Wege. Hierbei steht der Eskapismus als zentraler Begriff der ludokratischen Selbstverwirklichung im Zentrum des Interesse, ist er doch ein psychologischer Ausdruck des Flow und damit der des sozio-psychologischen Wohlbefindens.

Die Ablehnung des Eskapismus ist ein Aufruf zur moralistischen Dissonanz zwischen subjektiver Wahrnehmung und der Externalisierung eines intrinsischen Wertes. Neben der technophoben Radikalopposition steht dabei vor allem die Fetischisierung der individuellen produktiven Effektivität als Selbstzweck innerhalb einer zunehmend automatisierten Überflußgesellschaft in Opposition zu den ludokratischen Mutationen des Freizeitverhaltens eines Subjekts, dessen aktionistisch geprägte Selbstdefinition sich von dogmatisch festgelegten transzendenten Rollenfestlegungen emanzipiert.

Der Effektivitätsgedanke als pseudo-kapitalistische Ablehnung des Eskapimus offenbart die moralistische Verwendung des kapitalistischen Arguments, dogmatisiert in einer rational verklärten Wohlstandstheologie, deren jenseitiger Erlösunggedanke in individualisierte sozio-ökonomische Fernziele überführt wurde. Dies hindert allerdings nicht die Verfechter dieser Argumentation daran, den orthodoxen Kapitalismus als Argumentationsgrundlage zu verwenden, der der Ludokratie allerdings nicht widerspricht, im Gegensatz zu der Verwendung innerhalb der Proponenten des pseudo-kapitalistischen Moralismus.

Die intermediären Folgen des ludokratischen Evolution der individualistischen Gesellschaften und die Mutation der durch individualisiertes Freizeitverhalten beeinflußten hierarchistischen Gesellschaften sind neben sozio-politischen Spannungen, ausgedrückt etwa in Proteste gegen die Zensur sozialer Medien oder Opposition zu Urheberrechtsannektionen, vor allem die individual-psychologische Destabilisierung des innerhalb einer moralistisch dissonanten Gesellschaft mit den entsprechenden Folgen. Die Gefahr dieser Entwicklung ist das Versprechen des individuelle Auswegs durch kollektive radikale gesellschaftliche Umformung, den ludokratischen Aufstand, der zwar nicht dem Staatsgedanken widerspricht, sondern in seiner Umsetzung sogar verlangt, aber den derzeit dominierenden sozio-ökonomischen, moralistisch begründeten Hierarchien.

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