Disharmonie

Frans Snyders (Workshop) - Two fighting cats (Quelle: Wikimedia Commons)

Die Konfrontationsstrategie von Elisa und Marten in Bezug auf Social Media irritierte zunehmend ihren Bekannten- und Freundeskreise. Zugegeben, da Elisa und Marten sich bei einer Vernissage kennengelernt hatten, deutete bereits an, dass ihre Beziehung ungewöhnlich werden würde. Aber Elisa hatte eigentlich bereits seit langem keine Performance Art mehr gemacht gehabt. Und auch Marten war in den letzten Jahren kaum noch durch eigene Projekte aufgefallen, sondern hatte sich eher auf die geschäftliche Seite konzentriert. Deswegen war es so überraschend, als sie ihr gemeinsames Social Media-Kunstwerk begannen.

Marten erklärte mir später einmal, dass es darum ginge „einerseits die Erwartungen des Publikums zu unterwandern, andererseits die Harmonieprojektion anderer Paare zu parodieren.“ Während er das sagte war er dabei sich einige Kratzspuren im Gesicht mit einem Kühlbeutel etwas erträglicher zu machen.

Auf jeden Fall reagierten Freunde und Bekannte irritiert, um nicht zu sagen alarmiert, als auf Facebook und auf Twitter scheinbar eine Horrorgeschichte nach der anderen aus dem Beziehungsleben von Elisa und Marten gepostet wurden. Zuerst waren es nur Nachrichten über fehlgeschlagene Unternehmungen, die meistens eher nur das Mitleid der Kommentatoren nach sich zogen. Nachdem dies offensichtlich nicht die erwünschten Reaktionen waren, eskalierten Elisa und Marten indem sie sich öffentlich gegenseitige Schuldzuweisungen schickten.

Da konnte man einen kompletten Nachmittag mitlesen, wie sie sich darüber stritten, wer nun daran Schuld sei, dass der gemeinsame Ausflug zum Melt-Festival dem Regenwetter um Opfer gefallen war. Die ersten Beleidigungen folgten dann wenig später. Irritierte Freunde von Elisa versuchten sie davon zu überzeugen sich von dem „mißbrauchenden Arschloch“ Marten zu trennen und wollten nicht so recht glauben, dass die ausgedehnten Social Media-Konversationen über das gemeinsame, scheinbar so katastrophale Beziehungsleben der beiden nur eine Performance war. Tatsächlich waren die teils seitenlangen Streits über richtige und falsche Einkäufe, kaputte Technik-Gadgets, Besuche bei den Eltern, zerstochene Fahrradreifen und zertrümmertes Geschirr schwer erträglich.

Natürlich blieb es nicht folgenlos: Einige Freunde wußten überhaupt nicht mit den Horrormeldungen umzugehen. Eine Freundin von Marten war kurz davor ihn anzuzeigen. Vor allem als dann auch noch die ersten Fotos mit blauen Flecken und Bisswunden auftauchten, eskalierte die Situation vollständig.

Ich selber wußte mir auch nicht anders zu helfen, als Marten und Elisa direkt zu treffen. Sie saßen dann vor mir: Marten mit einem blauen Auge, Elisa mit halb zerfetzter Kleidung und lachten mich an, während ich sie einfach nur irritiert anstarrte. „Es ist ganz einfach,“ sagte Elisa. „Wann immer wir uns streiten, stellen wir uns vor, was das schlimmste wäre, was wir uns deswegen antun könnten und dann inszenieren wir das. Die Hälfte der Zeit lachen wir uns dabei tot und wenn dann die Leute sich dann über unsere Bilder aufregen, haben wir den eigentlichen Streit schon längst wieder vergessen.“

Meine Versuche sie davon zu überzeugen, dass häusliche Gewalt nicht gerade ein geeignetes Thema für ein satirisches Kunstprojekt sei, konterte Marten mit Argumenten wie „Ethical Breaching„. Ich hatte vergessen, dass er einmal Soziologie studiert hatte. Obwohl ich Marten und Elisa auf Facebook und Twitter noch folge, versuche ich inzwischen ihre Streams zu ignorieren. Es soll allerdings inzwischen die Rede davon sein, dass sie auf die Kunstbiennale von Venedig eingeladen sind, „wegen des Social Awareness-Charakters ihres künstlerischen Engagements.“

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