Turbogiraffe Episode 426 – Explosionartige Devolution

Martin Johnson Heade - Passion Flowers and Hummingbirds (Quelle: Wikimedia Commons)

Allmählich wurde es brenzlig: Das Sofa auf dem ich gerade noch gesessen hatte, begann sich schon zu verformen. Sein Plastikbezug hatte einen öligen Schimmer angenommen und würde sich sicherlich bald in seine Kohlenstoffbestandteile zerlegen.

„Wir müssen hier raus. Sofort!“ schnaufte ich.

Mein Gegenüber sah mich an. Das Pseudogesicht des volkulischen Dendriten, mit dem ich mich gerade eben noch so nett unterhalten hatte, war inzwischen zu einem grünen Fleck verkommen aus dem erste Blätter sprießten. Es war eine ernüchternde Erinnerung, dass die volkulischen Dendriten sich aus Moosen entwickelt hatten und ihre Gesichter eigentlich keine Funktion erfüllten, außer ihrem Gegenüber etwas zum Angucken anzubieten.

„Was ist denn?“ blubberte er. Obwohl wir gerade eben noch über Zusammensetzung von Pflegesalben von N-dimensionale Quantenmembranen gesprochen hatten, hatte er jetzt nur noch ein paar einfache Grundwörter zur Verfügung.

„Haben Sie die Durchsage schon vergessen?“ rief ich ihn an und packte ihn bei seiner Folie mit der sich alle volkulischen Dendriten diese Modesaison kleideten. „Die Raumstation ist mit einer Kolonie Devolutionärer Polypen kollidiert. Alles an Bord wird sich in seine Ursprungsform zurückentwickeln.“

„Bubu?“ fragte mich der Dendrit und lachte dann, während er mit seine Pseudopoden herumwackelte.

Ich realisierte, dass es für ihn zu spät war. Ich mußte mich selber retten.

So schnell mich meine Beine tragen konnten, rannte ich aus dem Raum. In der Zentralröhre der Raumstation herrschte Chaos: Der Einfluß der Polypen hatte dazu geführt, dass eine Gruppe von Xin’Ka sich wieder in ihre aquatische Form zurückentwickelt hatte, die nun mit ihren Tentakeln nach allem schnappten, was sich um sie herum bewegte. Währenddessen flogen einige devolutionierte Bonki über sie hinweg und flöteten in einem primordialen Balztanz; im Flug war zu sehen, wie sie sich noch weiter zurück entwickelten. Selbst den mechanischen und biolelektronischen Bewohnern der Station ging es kaum besser: Der Unterkörper eines Mechatronischen Quantengehirn von JK-1287 war zu einem massiven Klumpen Silizium geworden. Und um sie herum, begann die Raumstation selber zu degenerieren: Ein Getränkeautomat war bereits zu einer fröhlich sprudelnden Quelle geworden, in die ein paar Sunkutonier hineinpinkelten, um dem Wasser Geschmack zu verleihen (eine zweifelhafte Form der Limonadenherstellung aus dem 83sten sunkutonischen Jahrhundert).

Ich kämpfte mich durch die Massen. Ich konnte nur hoffen, dass mein interdimensional geprüfter Raumanzug der Devolutionären Wirkung der Polypen noch lange genug widerstand, damit ich der zerfallenden Station entkommen konnte.

„Nottransport! Nottransport!“ rief ich in mein interstellares Funkgerät (IDF) „ZEV 40-36? Hören sie mich, ZEV 40-36!“

„Hier ist der zentrale Notfallbeantworter von ZEV 40-36,“ tönte es aus dem Funkgerät. „Unser Elektronengehirn wird gerade überholt. Rufen sie bitte in 472 quasi-elementaren Zyklen wieder an.“

Ich schrie aus Frustration laut auf, rannte aber weiter durch die Gänge in Richtung der Notfalluken. Meine Flucht wurde von einem Haufen knuffliger Proto-Peronianer gebremst über die ich erst einmal steigen mußte. Offensichtlich hatte es sich um eine Gruppe von Handelsreisenden gehandelt. Sie knabbert jetzt völlig sorglos mitten im Fluchtweg an ihren Aktentaschen herum.

Doch dann platschte es plötzlich vor mir und ich wurde von Ursuppe durchtränkt (vielleicht waren das ein paar Zenkuli von Kuli-4 gewesen?), als ein riesiger Plonosaurier die Tür vor mir durchbrach. Er brüllte mich an und zeigte mir sein vierfach gestaffeltes Gebiss.

„Bitte, wieso waren hier überhaupt Plono an Bord?“ stieß ich gerade noch erstaunt hervor. Offensichtlich war meine Angst immer noch kleiner als die Verwunderung, dass überhaupt jemand die schrecklich unhöflichen Plono freiwillig auf eine Raumstation gelassen hatte. Währenddessen hatte der Plonosaurier mich mit seinem Gebiss gepackt und von den Beinen gerissen. Ich hatte garnicht die Zeit noch einen weiteren Notruf an ZEV 40-36 zu versuchen und schloss bereits mit meinem Leben als Giraffe ab. Vor meinem geistigen Auge sah ich bereits die ersten Jahre meines Lebens unter der warmen Sonne der afrikanischen Savanne vorbeiziehen, als…

Die Titaniumwand der Raumstation devolvierte schlagartig zu einem Klumpen Erz, dann setzte sofort die Dekompression ein. Der Plonosaurier war darauf nicht vorbereitet und ich wurde seinem Maul entrissen. Explosionsartig wurde ich zusammen mit Schrott, Titanerz und Ursuppe aus der Raumstation herauskatapultiert.

Während ich mit mich immer weiter von der Station entfernte, konnte ich noch sehen, wie das dicke Hinterteil des Plonosauriers die Öffnung der Raumstation verschloss. Insgesamt erinnerte die Station inzwischen an eine gebeutelte Version einer Raumstation aus dem frühen mechatronischen Zeitalter, inklusive Dampfantrieb und Spiegelsegeln. Nur wenige Kilometer davon entfernt schwebte der schillernde Schwarm der Devolutionären Polypen, der sich sein nächstes Ziel suchte, nachdem er sich an der Evolutionären Energie der Raumstation genährt hatte.

Ich seufzte. Das schlimmste war vorüber. Immerhin schwebte ich nur alleine im lebensfeindlichen, interplanetaren Vakuum. Es erschien mir immer noch vorteilhafter als auf der devolvierten Gesellschaft der Raumstation über meine eigene Essbarkeit zu diskutieren.

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