Sommerferien

Claude Monet - L' Hotel des Roches Noires à Trouville (Quelle: Wikiart)

Unser Kollege Jaulund ist aus dem Urlaub zurückgekehrt. Wir haben ihn gebeten seine Erlebnisse für unsere Leser zusammenzufassen:

Es gibt einen besonderen Kreis der Hölle für Menschen, die ihren Urlaub zur falschen Zeit buchen. Eine Vorhölle, die niemand anderes erreicht. Man nennt sie „Sommerferien“.

Dieser Kreis wird ansonsten ausschließlich von Familien bevölkert, die für ihre Kinder bestraft werden. Ihre besondere Folter ist es sich selber in all den anderen Familie um sich herum wiedererkennen zu müssen, ohne etwas am eigenen Schicksal ändern zu können. Selbst falls es ihnen gelingen sollte diesem Ort wieder zu entkommen, werden ihre Kinder – wie göttliche Mahner – sie für den Rest des Jahres in regelmäßigen Abständen daran erinnern, indem sie lauthals nach einer Ausgeburt dieser Hölle verlangen, dass sie während ihres Aufenthalts neidisch in den Händen anderer Verdammter bewundern durften.

Doch das Schicksal der Familien – so sehr ihre Verdammnis entweder unser Mitleid oder unsere Schadenfreude auch erregen mag – ist nichts im Vergleich zu dem jener unglücklichen Seelen, die sich durch eine Unachtsamkeit bei der Reisebuchung zu ihnen verirren. „Das hätte ich ja wissen müssen,“ zuckt noch durch das langsam ersterbende Gehirn, während bereits der Reisebegleiter des Todes, ein weit entfernter Verwandter des Charon, die Neuankömmlinge gnadenlos und unaufhaltsam in den Schlund eines Hotels treibt.

Einmal gefangen gibt es kein Entkommen mehr. Die obligatorischen Sehenswürdigkeiten dieser besonderen Hölle werden ausnahmslos von kreischenden, hysterischen Kreaturen bevölkert, dies es zu ertragen gilt; sei es das Frühstücksbuffet, der Strand oder – besonders perfide – die gotische Kathedrale vor Ort, die dazu verdammt ist statt gottlobendem Gesang nur noch spitze Schreie simulierter Kulturorgasmen widerzugeben.

Erschwerend kommt hinzu, wenn es sich um den kältesten, regnerischsten Sommer handelt, den der sogenannte „Süden“ jemals gesehen hat. Es bleibt nichts anderes übrig als jede Stunde, Minute und schließlich Sekunde den Kopf gegen das Panoramafenster zu schlagen, während auf der anderen Seite die Regentropfen daran herabrinnen und die Reflektionen jenes Inferno wiedergeben, dem man den Rücken zugewandt hat: Eine Welt, nur noch einen Scheidungsanwalt und ein Adoptionsgericht vom endgültigen Zusammenbruch entfernt ist.

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