Zum Davonlaufen

Joaquín Sorolla - Running along the beach (Quelle: Wikipaintings)

Und da waren sie wieder: Die Nachrichten aus der Ukraine, aus Liberia, aus Syrien, dem Irak, aus Somalia, aus der Mitte der Gesellschaft und dem Reich der Fantasie. Und plötzlich verspürte sie in ihren Beinen den Drang zu laufen. Sie ließ ihr Tablet fallen, sprang vom Sofa auf, und rannte in Richtung Tür. Sie schlitterte über das Parkett, schnappte sich im Vorüberrennen ihre Jacke und dann war sie zur Wohnungstür hinaus.

Den Hausflur entlang, die Treppe hinunter, auf die Straße hinaus, am Lidl vorbei, zwischen den parkenden Autos hindurch, an der Kreuzung vorbei und über den Zebrastreifen. Der Backshop flog an ihr vorbei, die silber-grauen Familienkutschen, der Parkautomat und die Damen vom Ordnungsamt. Rentner am Fenster sahen ihr hinterher und der libanesische Inhaber des Kiosk.

Der Spätsommerabend raste um sie herum, leichter Wind und schwache Sonne, ein dunkler Himmel. Ihre Füße trieben über den Asphalt und über die Pflastersteine am Brunnen vor dem Park. Eine Straße reihte sich an die andere, Hochhäuser erst, dann Einfamilienbuden, dann Wellblechgewerbe und Einkaufsparadiese. Dahinter kamen die Felder voll Ölraps und Biospritmais. Der Asphalt war der aufgewühlten Erde der Feldwege gewichen, bevor diese in Waldwege übergingen, wo die Bäume kühl und schattig über den Pfaden hingen.

Immer weiter, Deutschland hindurch. Von Nord nach Süd, von Ost nach West und dann über die Grenzen hinaus, in den Tag und die Nacht hinein.

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4 Antworten zu Zum Davonlaufen

  1. Frau Körb schreibt:

    Verehrte Mitarbeiter der Abteilung des poetischen Wortes,
    welch schöne Verbindungen der treffenden Sie gefunden haben! Die Frage allein bleibt bestehen, ob man beim kopflosen Davonlaufen nicht doch ein wenig Geld einstecken sollte, wird doch selbst hinter den Grenzen bei Tag und Nacht Eintritt kassiert. Und da drängt sich die nächste Frage schon auf: ist es hinter den Grenzen zwischen Leben und Sterben nicht schon unmöglich, einen Platz zu bekommen ohne zumindest drei Jahre vorher gebucht zu haben? Wird da die Freiheit der eigenen Entscheidung nicht lieber faul auf dem Tablett?
    Mit herzlichen Grüßen
    Frau Körb

    • kaminkatze schreibt:

      Sehr geehrte Frau Körb,

      Sie haben natürlich recht, dass Geld gelegentlich recht nützlich ist. Nach unserer rein sportlichen Einschätzung sollte man sich gerade bei Langstrecken nicht allzu sehr belasten und sich lieber auf das wesentliche konzentrieren. Bei ausreichender Geschwindigkeit sind auch gegebenfalls auftretende, geldgierige Verfolger kein unmittelbares Problem. Dazu gehören sicherlich auch dunkle Schnitter, die einen selbst noch das letzte Hemd nehmen wollen.
      Aber wie gesagt: Alles eine Frage der Fluchtgeschwindigkeit.

      • Frau Körb schreibt:

        Nun, nein.
        Als ausgeprägte Zuschauerin von Langstreckenläufern und deren Befragung nach Überquerung meines ausgestreckten rechten Beines muss ich Ihnen komplett widersprechen, da sich bei langen Strecken jede Art des Sprintes negativ auf das Ressourcenmanagement auswirkt
        (was auch immer das bedeuten mag, denn wenn ich lange schaue und dann kurzzeitig mehrmals den Blick schnell von links nach rechts wechsele, komme ich nicht außer Puste – aber was einen alten Hasen nicht mehr in den Suppentopf bringt, kann einem Hüpfer in Hightech-Uniform sehr wohl schaden).
        Der Langstreckenläufer gibt sich gemütlich seinen eigenen Schmerzen hin, weswegen sogar eine schwächliche Frau Körb ohne Mähgerät in der Lage ist, ihn um eventuelles Kleingeld zu nötigen, nur um zu erfahren, dass moderne Trainingsanzüge sehr wohl Taschen über Taschen haben, in denen eine Menge transportiert werden kann.
        Jeder zweite erlegte Jogger trug mindestens einen MP3-Player, einen Autoschlüssel und Plastikgeld bei sich. In einem Viertel der Fälle war dies alles in der OUTDOOR-Handy-Version zusammengefasst, was mir dann wiederum einen Nachmittag Spaß in sämtlichen Tiefgaragen der Stadt verschaffte, da auf multifunktionale Bedienungen auch multi Endgeräte reagieren.
        Der Punkt Ihres durchaus ernsten Textes ist doch vielmehr die Frage nach dem „Was kommt nach der Flucht und wie kann ich es bezahlen“.
        Herzlich
        Frau Körb

      • kaminkatze schreibt:

        Sehr geehrte Frau Körb,

        Da sie offensichtlich Erfahrung im Erlegen von Langstreckenläufern haben, wollen wir keinesfalls an ihrer Kompetenz zweifeln. Die Redaktion kann bisher nur einige Kurzstreckenläufer, sowie Spaziergänger, Kinderwagen-Schubser oder den einen oder anderen Hund zu ihren Jagdtrophäen zählen. Bei diesen war bisher leider kein Geld zu finden, dass zur Finanzierung der Redaktion hätte beitragen können.

        Offensichtlich hatten sie mehr Jagdglück und die Redaktion muß sich vielleicht einen anderen Hochsitz außerhalb der Berliner Innenstadt suchen. Vielleicht gibt es vielversprechendere Reviere jenseits der Prekariatszone.

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