Im Zeitzeugengespräch: Die Mauer

Bernardo Bellotto - The Ruins of the old Kreuzkirche, Dresden (Quelle: Wikiart)

25 Jahre hat sie geschwiegen. Doch nun spricht sie endlich. „Ich kann nicht länger schweigen,“ sagt sie mit erstickter Stimme. „Es ist nicht einfach als Übeltäter in die Geschichte einzugehen, aber ich würde mir doch wünschen, das da etwas differenziert würde. Ich habe auch nur einen Job erledigt.“ Das sagt heute, 25 Jahre nach dem Verlust ihres Postens, die Mauer.

Vor 25 Jahren hat sie diesen Job verloren. Über Nacht wurde sie vertrieben und dabei übel zugerichtet. Noch heute leidet die Mauer an diesen Erlebnissen, die sie immer noch verfolgen. „Es ist nicht so, dass ich nicht freiwillig gegangen wäre. Die DDR konnte ja kaum noch was für meine Instandhaltung tun und das wäre ja mal das Mindeste gewesen. Aber das es so stattfinden würde, das war dann doch ein harter Schlag,“ sagt sie heute beim Gespräch in ihrem Exil. Sie spricht nicht gerne darüber, wo sie heute residiert. Aus politischen Gründen sagt sie. „Viele Leute mißverstehen das. Aber es gibt nicht viele Orte wo man eine Mauer von meiner Größe braucht…“

Dabei ist die Mauer durchaus selbstkritisch. Ihre Rolle an den Verbrechen der DDR erkennt sie durchaus an. Zumindest zum Teil. „Die Menschen, die von Grenzern erschossen wurden, bloß weil sie an mir vorbei wollten. Gräßlich. Das geht einem natürlich nach. Aber meine Rolle dabei wird immer wieder aufgebauscht. Als Mauer habe ich mich nur in den Weg gestellt. Mehr konnte ich garnicht tun. Für diese Verbrechen aber waren Grenzer und Minen verantwortlich. Wer redet heute noch von denen?“

Wirkliche Entschuldigungen hört man von der Mauer nicht. Gerüchte, dass sie auch jetzt wieder bei Grenzkonflikten eine zentrale Rolle spielt, sind beim Interview tabu. Doch zumindest in einem Punkt ist sie offen: „Natürlich würde ich nach Deutschland zurückkehren. Sofort! Es waren nicht die schlechtesten Jahre, da muß man nur die alten BRD-Spezies fragen. Und auch heute werden Mauern gebraucht. Von Überwachung oder Grenzsicherung verstehe ich was.“ Sie seufzt etwas und sieht aus dem Fenster hinaus, wo Palmen und Wüstensand zu erkennen sind. „Deutschland muß mich nur anrufen. Ich komme gerne zurück.“

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