Der sowjetische Toaster

Nikolaos Gyzis - Table or Bread (Quelle: Wikiart)

„Also wir wohnten damals neben diesem Gruppenübungsplatz der Russen. Oder Sowjets waren das ja damals. Die Rote Armee auf jeden Fall. Und Erich hatte diesen Toaster. Brotröster hieß das ja damals. Den hatte er aus…“

„Aus Moskau. Ich war Held der Arbeit geworden und durfte deswegen nach Moskau fahren. Und da gab es diesen Toaster und den habe ich mitgebracht. Wir hatten ja keinen.“

„Genau. Also dieser sowjetische Toaster. Der stand bei uns in der Küche. Die war ja nicht groß. Das ganze Haus war nicht groß. Auf jeden Fall fing der eines Tages an zu singen.“

„Das glauben Sie echt nicht. Wir hörten dieses Singen und durchsuchten das ganze Haus und dann war es der Toaster.“

„Aber nicht nur Singen.“

„Nein, nicht nur Singen.“

„Der Toaster sprach Russisch.“

„Also ich glaube es war ja immer noch dieser Sender, den die Russen da hatten. Aber…“

„Erich, das ist jetzt nicht wichtig. Das Wichtige ist, dass der Toaster dauert Russisch sprach. Das Singen am Anfang, das war nur kurz. Aber dann hatte der die ganze Zeit auf Russisch gesprochen. Wir haben sofort verstanden, dass das was mit den Russen – also den Sowjets, der Roten Armee – zu tun hat.“

„Ja, was meinen sie was wir für einen Schreck bekommen haben. Da hatten wir jetzt diesen Toaster und der hörte dauernd die Nachrichten von den Russen mit.“

„Ja, erschrocken haben wir uns ordentlich. Das war ja bestimmt der Militärfunk. Das ist dann ja Spionage. Dabei war es nur der Toaster.“

„Und rausschmeißen konnten wir den doch auch nicht. Wir hatten ja keinen anderen Toaster. Sowas war ja damals Mangelware.“

„Aber das dauernde Gespreche! Auf Russisch! Wir hatten so eine Angst, dass das jemand mithört…“

„Ja, vor allem wegen der Stasi.“

„Ja, genau.“

„Dann hätte unsere Bianca ja nicht studieren dürfen. Und uns hätten sie eingebuchtet.“

„Bestimmt!“

„Wir haben alles getan, damit niemand in die Küche geht.“

„Aber das Haus war ja nicht groß.“

„Nein, das war nicht groß.“

„Also hatten wir immer Angst, wenn jemand mal zum Kaffee kommt. Das der Toaster zu sprechen anfängt. Man wußte ja nicht wer damals bei der Stasi war und wer nicht.“

„Da mußte ja nicht mal bei der Stasi gewesen sein. Reichte ja dass Dich jemand verpetzt.“

„Und das alles nur wegen dem Toaster.“

„Aber das ging erstmal ganz gut. Einmal fing der Toaster an, gerade als ein paar Bekannte zum Kuchen da waren. Aber die haben das nicht verstanden. Wir haben dann irgendwas erzählt… Was haben wir eigentlich erzählt?“

„Ich weiß auch nicht mehr. Auf jeden Fall ging das erstmal gut.“

„Genau. Bis dann…“

„Ich bin mir immer noch sicher, dass das Dein Bruder bei unserer Familienfeier war.“

„Was?“

„Der uns nach der Familienfeier bei der Stasi angeschwärzt hat. Dein Bruder hat mich noch nie gemocht.“

„Erich, lass es doch mal. Der Konrad ist jetzt auch schon 10 Jahre tot.“

„Ja, ich will das nur noch einmal gesagt haben: Ich bin mir sicher, dass das Dein Bruder war, weil der hatte immer etwas gegen mich. Erinnerst Du Dich wie der damals als ich wegen der Verlobung bei Deinen Eltern…“

„Erich, das ist jetzt nicht wichtig. Auf jeden Fall kam dann die Stasi.“

„Ja, mit zwei Beamten.“

„Genau. Zwei Beamte kamen rein, setzten sich bei uns an den Tisch und sahen uns erst einmal so an.“

„Gott, was hatten wir für eine Angst. Wir kannten ja alle die Geschichten von Bautzen und so.“

„Die saßen erst einmal nur am Tisch und haben geguckt. Und wir mußten denen gegenüber sitzen.“

„Ich hatte noch nie so Angst in meinem Leben.“

„Und das alles wegen dem Toaster! Wir haben versucht das denen zu erklären.“

„Genau. Ich hatte den Toaster ja aus Moskau. Das war ein sowjetischer Toaster. Kein Wunder, dass der die Übertragungen der Russen aufgefangen hat. Wobei, das waren ja Sowjets damals.“

„Die haben uns aber nicht geglaubt.“

„Nein, die haben uns nicht geglaubt.“

„Haben uns Fragen gestellt, ob wir Kontakte mit dem Ausland haben. Damit meinten die natürlich den Westen.“

„Die haben uns für Spione gehalten.“

„Ja. Und ich habe dann den Toaster geholt und vor ihnen auf den Tisch gestellt und gesagt: So, das ist er. Der spricht Russisch. Da hat der eine dann gelacht.“

„Schrecklich war das.“

„Ganz schrecklich. Wir sahen uns schon irgendwo… Also das die uns mitnehmen.“

„Aber dann fing er an.“

„Ja, dann fing er an. Spielte plötzlich die Internationale. Einfach so.“

„Ja, das müssen Sie sich vorstellen: Da sitzen wir zu viert um den Tisch. Auf der einen Seite die Stasi und auf der anderen Seite wir und zwischen uns dieser Toaster, der die Internationale spielt.“

„Schrecklich war das.“

„Ganz schrecklich.“

„Naja, die sind dann gegangen und haben den Toaster mitgenommen. Haben gesagt, dass sie sich den erst einmal anschauen müßten. Und sich noch einmal melden würden.“

„Das ist dann aber nicht passiert.“

„Nein, ist nicht passiert. Wir haben nie wieder etwas von denen gehört. Bis 1989 nicht. Und den Toaster haben wir natürlich auch nicht zurückbekommen.“

„Nein haben wir nicht.“

„Den hat bestimmt einer von denen bei sich zuhause hingestellt.“

„Bestimmt. So ein sowjetischer Toaster ist ja was besonderes gewesen. Der hat ja gut geröstet. Nur das mit dem Sprechen, das hätte er nicht tun sollen.“

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