Stockholmsyndrom

Boris Kustodiev - The Christmas Tree Bargain (Quelle: Wikipaintings)

Tag 14
Sie machen jetzt ernst. Überall haben sie die Dekorationen aufgezogen. Es wird keinen Aufschub mehr geben. Ich muß durchhalten.

Tag 17
Sie versuchen mir ein gefährliches Heißgetränk namens Glühwein einzuflößen, das aus Alkoholflüssigabfällen besteht, die mit Gewürzen genießbar gemacht werden. Ich konnte es abwehren. So leicht falle ich nicht auf ihre Tricks herein.

Tag 19
Jeden Tag versuchen sie mich nun davon zu überzeugen ihre Süßigkeiten zu essen. Es ist widerliches Zeug namens Lebkuchen und sogenannte Plätzchen. Miniaturzuckerbomben, mit der sie mich zuckerkrank machen wolle. Ich durchschaue ihre Absichten und ich vermute, dass sie wissen, dass ihre plumpen Versuche mich gefügig zu machen nicht fruchten. Ich muß vorsichtig sein.

Tag 22
Der akustische und visuelle Terror ist nun überall auf den Straßen sichtbar. Man kann ihm nicht mehr entkommen. Ich habe mich dabei ertappt wie ich eine der Melodien mit dem Fuß mitgewippt habe. Ich muß wachsam bleiben.

Tag 24
Heute bin ich zum ersten Mal einem ihrer Vollstrecker begegnet, einem bärtigen Mann in blutgetränkter Kleidung, der mein Leiden mit Lachen begleitete. Es ist grauenhaft. Ich weiß selber nicht mehr, wie ich durchhalten soll.

Tag 27
Es ist unmöglich noch normale Lebensmittel zu bekommen. Berge von Zuckerbomben versperren den Zugang zu den Supermärkten. Noch habe ich Vorräte im Eisschrank.

Tag 30
Die Vorräte sind aufgebraucht. Ich befürchte das Schlimmste.

Tag 33
Ein Moment der Schwäche. Einer von ihnen hat mir Glühwein eingeflößt als ich mich nicht wehren konnte. Ich bin jetzt noch am zittern. Der bloße Gedanke, wie das Gesöff meinen Gaumen geschmeichelt hat, löst Panikschübe aus.

Tag 34
Ich konnte nicht widerstehen. Der Hunger war zu groß. Ich habe einen dieser Lebkuchen gegessen und jetzt bin ich abhängig. Ich kann nicht genug von dem Zeug bekommen. Ich habe mir eine Kilopackung im Supermarkt gekauft und sie auf einmal aufgegessen. Danach habe ich mich erbrochen. Aus purer Verzweiflung über die Aussichtlosigkeit meiner Lage habe ich danach stundenlang geweint. Wie konnte es soweit mit mir kommen?

Tag 36
Eine von ihnen hat mir etwas geschenkt, „weil ich momentan nicht so gut aussehen“ würde. Sie hat das nur getan, damit ich zu einem von IHNEN werde. Dennoch spürte ich wie mir warm ums Herz wurde. Ich darf nicht schwach werden! Ich darf nicht schwach werden!

Tag 39
Sie sind alle so nett zu mir. Es ist schrecklich.

Tag 41
Im Glühweinrausch habe ich mit einem ihrer Vollstrecker fraternisiert. Es gibt Beweisfotos. Ich erkenne, dass ich nur noch ein Schatten meiner selbst bin.

Tag 44
Sie haben mich eingeladen und geben mir Geschenke! Wieso geben sie mir alle Geschenke? Ich kann nicht mehr.

Tag 45
Mein Selbstwertgefühl, meine ganze Widerstandsfähigkeit sind verloren. Ich habe kapituliert. Heute abend werde ich Lieder mit ihnen singen. Ich weiß, dass sie mir wieder Glühwein einflößen, Lebkuchen zu essen geben und mich mit ihrer Freundlichkeit ersticken werden. Falls es irgendwo dort draußen noch Hoffnung gibt, ich kann sie nicht mehr finden.
Weihnachten ist stärker als ich.

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