Im Backshop

Jan van Bijlert - Pulling of the Pretzel (Quelle: Wikimedia Commons)

„Wo sind die Brezeln? Die für 29 Cent.“

„Die sind gerade im Backofen. Sie brauchen noch 2 Minuten.“

„Wieso haben schreiben Sie dann dass sie ständig frische Brezeln für 29 Cent haben?“

„Wir haben gleich wieder welche. Nur 2 Minuten.“

„Das ist doch Betrug… Sie locken die Kunden in ihren Laden, dabei haben sie doch gar keine Brezeln…“

„Nur zwei…“

„Sie haben keine. Sagen Sie es doch einfach! Sie haben keine Brezeln. Das ist Falschwerbung!“

„Wir haben dort drüben noch…“

„Große Brezeln für 99 Cent. Glauben Sie die will ich kaufen? Sie werben mit den Brezeln für 29 Cent. Nicht mit denen für 99 Cent. Wissen Sie wie man das nennt? Unlauteren Wettbewerb. So nennt man das was sie machen.“

„Wir haben gleich wieder…“

„Beschweren sollte man sich! Seien Sie mal ehrlich: Ist das Ihr Fehler oder der von ihrem Laden?“

„Nein, es war bloß gerade einige…“

„Jaja, als ob sie das zugeben würde. Sie wissen ja nicht einmal wie man diesen Laden hier führt. Was wissen Sie überhaupt etwas von dem was sie hier machen?“

„Brezel. Abgeleitet vom pretiola oder auch von brachium, je nachdem welche Literatur man konsultiert. Der Name pretiola spielt auf die Legende an, dass Mönche Brezeln bucken, um Kindern für gelernte Bibellektionen zu belohnen. Brachium hingegen leitet sich von dem lateinischen Begriff für Arm ab, und spielt damit auf die Form an. Die genaue Herkunft läßt sich nicht mehr recherchieren, wird aber häufig im 7ten Jahrhundert vermutet. Auch der Ursprungsort der Bretzel ist heute nicht mehr zu finden: Sowohl Süddeutschland, wie auch Italien und das westliche Frankreich werden genannt. Gesichert ist nur, dass die Brezel erstmals bildlich in der elsässischen Encyklopädie Hortus deliciarum von 1160 auftaucht und im gleichen Zeitraum auch als Symbol der Bäckergilden genutzt wurde, obwohl die Brezel vor allem eine wichtige kirchliche Rolle als Fastenspeise spielte. Gerade einfache, ungesüßte Brezeln waren dabei so wichtig, das vielerorts bis ins 19te Jahrhundert die Fastenzeit als Brezenwochen bezeichnet wurde. Diese Verbindung zwischen Glauben und Brezel ging soweit, dass der heilige Bartholomäus im Gebetsbuch der Katharina von Cleve von Brezeln umgeben dargestellt wurde, als Symbol seiner Frömmigkeit. Die heute so beliebte Laugenbrezel hingegen ist neueren Usprungs und wird dem Münchnern Hoflieferanten Johann Eilles zugeschrieben, der sie 1839 für einen Staatsempfang erfand. Was sie hier also für 29 Cent haben wollen ist ein für den Adel verfeinertes religiöse Gebäck mit einer Geschichte von mehr als 1000 Jahren.“

„…was? …woher wissen Sie das denn alles?“

„Ich habe einen Doktor in Kulturgeschichte…“

Im Hintergrund klang ein helles Läuten auf.

„…und jetzt sind auch ihre Brezeln fertig.“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Alltag, Gesellschaft, Wirtschaft abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Im Backshop

  1. Frau Körb schreibt:

    Verehrte Kulturgeschichtsdoktoren,
    ich möchte Ihnen danken, dass auch Sie sich der Weiterbildung unserer Mitmenschen angenommen haben!
    In meinem Lieblingsschokoladen sehe ich mich immer wieder genötigt, widerspenstigen Kunden die Zusammenhänge des Großen und Ganzen nahezubringen. Erst letzthin kreischte eine Kundin in der Tür mit gefühlten 150dB: „AAAAAAAAAH, DA WIRD MAN JA SCHON VOM RIIIIIIEEECHEN DICK!“ Bevor ich mich umdrehen konnte, war sie auch schon im Begriff, für Euro 130 Frischschokolade zu erwerben. Als sie dann vor dem wegen Überbelastung streikenden EC-Gerät giftete: „Also das ist doch – wie, Bargeld – Geldautomat? – nein, unmöglich! Eine Frechheit! Geschäftsführung! Diesen Laden werde ich nie wieder betreten!“, sah ich mich gezwungen, einzugreifen.
    „Na Gott sei dank!“, flötete ich der Dame ins Ohr, „Wenn Sie übrigens Ihr wirklich überdimensionales Gesäß zum nächsten Geldautomaten bewegen würden, säße Ihre Hose nicht so eng, dass sie die Arteria femoralis abdrückt, Ihr Blutkreislauf käme in Schwung, was wiederum eine zuverlässige Sauerstoffversorgung Ihres Hirns gewährleisten würde, was sich dann nachhaltig auf den Zellstoffwechsel auswirkt und dann könnten Sie ohne Reue diese Schokolade genießen, welche aber wiederum eine Perle vor eine Sau wie Sie geworfen ist. Wissen Sie, nebenan gibt es einen Supermarkt, da können Sie günstige Schokolade mit verunreinigtem Milchpulver, Konservierungsstoffen, Alkohol und Kinderarbeit erhalten und ab einem Betrag von 5 Euro immer zuverlässig mit Karte zahlen, Ihre Daten abgeben und sich manipulativ zum Kauf von drei statt zwei verleiten lassen!“ Mit diesen Worten hatte ich sie zur Tür hinausgeschoben.
    Die Verkäuferinnen schenkten mir dann zum Dank ein großes Stück der besten Weihnachtsschokolade, an der ich Sie gerne teilhaben lassen würde, allerdings gibt es die nur im Laden und ich weiß nicht, ob sich in Ihrer Gegend ein solcher befindet. Schauen Sie hier: http://www.laederach.com
    Mit herzlichen Grüßen
    Frau Körb

    • kaminkatze schreibt:

      Sehr geehrte Frau Körb,

      Sie haben das Mitleid der gesamten Redaktion. Die direkte Auseinandersetzung mit Kunden bleibt uns ja erspart, was sicherlich dem Wohlbefinden einiger Redaktionsmitglieder zugute kommt. Wir haben allerdings im Keller – natürlich nur für den Notfall – noch ein paar Ritterrüstungen, Schwerter und vor allem Kuhtreiber. Falls sie etwas von diesem Gerät benötigen sollten, stellen wir es Ihnen natürlich sehr gerne unentgeltlich zur Verfügung.

      • Frau Körb schreibt:

        Verehrte Redaktion,
        ich danke Ihnen herzlich, aber unterschätzen Sie nicht die Schlagkraft älterer Schienbeine! Solch Gebein im entscheidenden Moment blitzschnell gezückt und in den Weg gestellt, hat noch den hochmütigsten Kunden vor den Fall gebracht!
        Und letztendlich ist es mir vergönnt, das auszusprechen, was die armen Damen hinterm Tresen stets auf den Zungen halten müssen.
        Aber über die Kuhtreiber sollten wir noch einmal sprechen – handelt es sich hierbei um die Original Schweizer Kracher?
        Mit herzlichen Grüßen
        Frau Körb

      • kaminkatze schreibt:

        Sehr geehrte Frau Körb,

        Bitte entschuldigen Sie die Verzögerung in der Antwort. Die Redaktion hat lange nach Relevantem für einen Jahresrückblick gesucht, bis die Suche ergebnislos abgebrochen werden konnte.
        Was die Kuhtreiber betrifft, so sind wir nicht ganz sicher woher sie stammen. Wir können allerdings attestieren, dass selbst unser dickhäutiger Kollege Rhintosseros von ihrer Wirkung überzeugt werden konnte.

        Mit besten Grüßen aus den Abgründen der Archive

      • Frau Körb schreibt:

        Verehrte Redaktion,
        das Ableben des U.J. dürfte ein vom Schicksal gutgemeinter Schlag gewesen sein, der auch Ihnen einen Jahresblick erlauben dürfte.
        Sollte Ihnen der Sinn nach etwas Spannungsgeladenerem stehen, biete ich Ihnen den Jahresrückblick meiner Nachbarn an, der von mehrfach drohender Zahlungsunfähigkeit bis hin zum Hirntumor heuer alles zu bieten hat. Natürlich muss ich ihnen die Anonymität des Netzes garantieren können, da sie es sonst vorziehen, zu nachtschlafener Zeit weiterhin „2014 ist ein Arsch!“ aus ihren Fenstern zu schreien.
        Die Schweizer Kracher können Sie in Ihren Redaktionsräumen ruhig durch Baseler Leckerli ersetzen, diese sind sanfter und zur Anwendung in geschlossenen Räumen gedacht. In Anbetracht der Staubigkeit Ihrer derzeitigen Arbeitssituation sollten Sie vielleicht sogar auf die flüssige Variante umsteigen.
        Mit herzlichen Grüßen
        Frau Körb

      • kaminkatze schreibt:

        Sehr geehrte Frau Körb, An

        Vielen Dank für das Angebot. Die ganze Redaktion wünscht ihrer Nachbarin gute Besserung und wird sie nicht behelligen, um dem ausgehenden Jahr keine weitere Katastrophe hinzuzufügen. Ansonsten sind wir aber ganz unabhängig von der persönlichen Lebenssituation – grundsätzlich nicht abgeneigt ihr zuzustimmen: „2014 ist ein Arsch!“ Vielleicht hat es mit der Sache U.J. im letzten Moment noch versucht etwas wiedergutzumachen. Aber es ist wohl zu spät. 2015 steht in den Startlöchern und ist bereit und willig den Konkursmassen ein weiteres Bilanzjahr an Rechnungen hinzuzufügen.

        Wir hoffen natürlich, dass dies für sie nicht der Fall ist. Aber man muß gewappnet sein.
        In diesem Sinne ein Basler Leckerli zu Ihren Ehren.

      • Frau Körb schreibt:

        Um Himmels Willen!
        Schreien Sie bloß nicht mit im Tenor der 2014-Ärsche! Die Nachbarn von schräg gegenüber tun das seit vier Jahren, bei denen gab es wohl zusätzlich noch einen erschossenen Sohn 2010. Was meinen Sie, was des Nächtens auf der Straße abgeht! Da mischen sich dann noch zaghafte Frischmütter und -väter ein, die sagen „Aber war doch gar nicht alles schlecht 20…“ und dann schreien die 10er und 14er die Unausgeschlafenen gleichzeitig zusammen, Fenster werden geknallt, Wassereimer geschüttet und bei Bedarf geworfen, die gerufene Polizei kriegt auch gleich noch eins ab und verschwindet mit eingezogenen Schwänzen – Zustände sind das hier, die ich keinesfalls ins Bundesweite tragen will! Denn dann ist das Weltweite gleich mal da und was dann passiert, nun ja.
        Ich hatte eher gehofft, dass Sie mit den Mitteln der ironischen Sarkasterie dem Ganzen Einhalt gebieten könnten. Vielleicht findet sich ja in Ihren Archiven ein geeignetes Material, dessen Einband fester ist, als das Neue Testament, welches ich letzthin als Wurfwaffe einzusetzen suchte – und siehe da, die Worte bekamen Flügel und das Ganze löste sich noch vor Erreichen der zweiten Etage in Einzelseiten auf.
        Ich danke Ihnen erst einmal und hoffe auf Ihre Unterstützung
        Frau Körb

      • kaminkatze schreibt:

        Sehr geehrte Frau Körb,

        Wir werden uns zusammenreißen und versuchen die Sache nicht schlimmer zu machen als sie eh schon ist. Sie wissen ja, dass wir es mit dem Schreien auch nicht so haben. Natürlich schreit der eine oder andere Kollege, wenn er mal wieder in der Redaktion eingeschlossen wurde. Aber wir versichern Ihnen, das ist wirklich nicht unsere Absicht (das Schreien, nicht das Einschließen).

        In diesem Sinne werden wir gerne für Sie noch einmal die Archive konsultieren. Wobei wir geneigt sind davon auszugehen, dass selbst unsere Dokumentation nicht den Irrsinn der Realität, der sie tagtäglich ausgesetzt sind, zu begegnen. Ihr neutestamentarischer Weitwurf war sicherlich bereits ein deutliches Zeichen, dass es selbst die Religion in Fällen von schreienden Nachbarn weder Trost, noch Erlösung bieten kann.

        Nichtsdestotrotz werden wir die Hoffnung nicht aufgeben und weitersuchen.

        In diesem Sinne, besinnliche Weihnachten!

      • Frau Körb schreibt:

        Sehr verehrte Redaktion,
        ich danke sehr für Ihre Wünsche und beabsichtige, den nachbarschaftlichen Frieden im Block mit einer ordentlichen Portion Knallfeuerwerk wiederherzustellen. Natürlich kommt hierbei nur das gute hausgemachte auf den Tisch der Schreihälse und mit meinen in diesem Jahr deutlich ausgebauten Verbindungen ins Böhmische dürfte das die Betreffenden ordentlich zur Besinnung bringen. Es geht doch nichts über eine Portion selbstgebranntes C4 aus den Ostblockreserven!
        In diesem Sinne grüße ich lachend in den Hautsitz der Gegenwindpinkler und verbleibe in aller Freundschaft
        Frau Körb

      • kaminkatze schreibt:

        Sehr geehrte Frau Körb,

        Wir wünschen Ihnen ein Frohes Neues Jahr und hoffen, dass Ihnen die mit dem C4 aus dem Hausgebrauch freigesprengte neue Nutzfläche Ihnen einen guten Rutsch erlaubt hat. Wir haben bei der redaktionellen Silvesterparty ihre patente Problemlösung sehr bewundert und haben uns bei den neujährlichen Erdbeben, die in regelmäßigen Abständen die Redaktionsräume erschüttert haben immer wieder an sie denken müssen.

        In diesem Sinne: Auf ein spannendes 2015!

      • Frau Körb schreibt:

        Verehrte Redaktion,
        ich fühle mich geehrt und verstecke eine Träne der Rührung.
        Vielleicht war sie aber auch nur eine bindehäutliche Reaktion auf das heutige Einschießen des ortansässigen Jagd- und Freischützenvereins, der pünktlich zur öffentlich-rechtlichen Gängelung mit Gewehrsalven bekanntgab, dass jetzt der gemeine Feiertagswanderer zum Abschuss freigegeben und in Ermangelung von erlaubtem Wild demnächst in der Regionalküche wiederzufinden sei.
        Da kann ich nur sagen: auch das ist eine Lösung! Ob jetzt allerdings solch ein Bildungsbürger mit Kloß und Soß genießbar ist, wage ich zu bezweifeln, die sind doch so trocken und zäh.
        Vielleicht haben Sie in Ihrer Gourmet-abteilung einen Verkostungspraktikanten, den man schicken könnte?
        Mit herzlichen Grüßen erhebe ich ein verspätetes Glas Sekt, welches Herr Gott noch nicht gefunden hat und trinke auf Ihr aller Wohl – mögen Ihnen die spitzen Worte nie ausgehen!
        Frau Körb

      • kaminkatze schreibt:

        Sehr geehrte Frau Körb,

        Leider können wir Ihnen keine Empfehlungen zur Genießbarkeit von Bildungsbürgern geben. Auch die Redaktion hat nur das lange Auskochen bisher mit Erfolg auf die Reihe gebracht und selbst diese Zubereitungsvariante hat nicht zu dem Ausschwitzen irgendwelcher Aromen beigetragen. Selbst in der Bibliothek unseres kulinarischen Experten Dr. Eichhorn findet sich als Geschmacksangabe zum Bildungsbürger nur „ledern“ und „papiern“.

        Wir wollen allerdings die Gelegenheit nutzen, um Sie zu warnen. Die letzten vermeintlichen Bildungsbürger, die von der Redaktion erlegt wurden, erwiesen sich im Nachhinein als Wutbürger und sie können sich vorstellen, welche Turbulenzen das nach sich gezogen hat. Wut- und Bildungsbürger sind sich äußerlich sehr ähnlich und werden oft miteinander verwechselt. Dabei steht der Wutbürger allerdings unter Naturschutz, weil er zur gesunden Entwicklung populistischer Biotope beiträgt, die besonders in provinziellen Regionen zur Brauchtumspflege beitragen sollen.

        Und – wie wir herausgefunden haben – er ist noch ungenießbarer als der Bildungsbürger. Sollten Sie also zufällig einen Wutbürger treffen, verscharren sie ihn lieber im Wald. Es lohnt die Scherereien nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s