Freizeitkämpfer

Francisco Goya - Boys playing soldiers (Quelle: Wikiart)

Der Gabelstapler wurde zurückgesetzt. Dann wieder ein paar Zentimeter vor, dann nochmal zurück, damit der Winkel auch genau stimmte…

„Paßt!“ hallte durch die große Lagerhalle.

Über die gesamte Fläche der sich scheinbar ins Endlose fortsetzenden Halle waren sorgfältig Paletten und Kisten platziert worden, während die Arbeiter in ihrem neon-farbenen Sicherheitswesten sich vorbereiteten. „Wer hat eigentlich die Gewehre dabei?“

Eine Hand schoß in die Höhe. Es wurde genickt.

„Diesmal werden wir sie alle umbringen,“ zischte Werner, ein 53jähriger, übergewichtiger Staplerfahrer hervor. Er war bereits seit über 15 Jahren bei dem Logistikunternehmen beschäftigt. Jeder hatte ihn auf seinem Gabelstapler langsam fett werden sehen. Die Zeit war nicht gnädig mit ihm umgegangen. Doch die Niederlagen der letzten Zeit hatten ein Feuer in ihm entfacht…

Antoinette klopfte ihm auf die Schulter. „Wir werden sie alle erwischen.“

„Sie kommen! Sie kommen!“ rief eine Stimme von der Gallerie herab.

„Dann mal los!“

Zwei Hände griffen die schwere Kiste mit den Waffen und dann rückte die Mannschaft aus: Über zwei Dutzend Angestellte des Lagerhauses traten aus der Deckung der Hochregale hervor. Wie eine einzige Masse wendeten sie sich um und gingen ganz langsam den Gang hinunter, niemals ließen sie den Blick von denen die sie an derem Ende erwartete.

Dort hatte sich eine zweite Mannschaft aufgebaut. Die Hände an den Gürteln, die Krawatten gelockert, der Rauch der letzten Zigaretten schwebte noch um sie herum, entgegnete die Buchhaltung den Blick der Lagerarbeiter, bis sich beide Gruppen direkt gegenüber standen.

Es wurde kein Wort gesprochen, während man sich gegenseitig abschätzte.

„Ihr seid tot. Ihr wißt es bloß noch nicht…“ zischte Werner.

„Wart’s ab!“ lachte Aya, deren müde Augen sich erst einmal daran gewöhnen mußten, dass sie nicht länger den Monitor ihres Computers mit der Buchungsmaske der Bank anstarrten. Dann zeigte sie ihre Zähne, ließ ihre Zigarette auf den Boden fallen und trat sie aus.

Zwei der Arbeiter traten hervor und ließen zwischen den beiden Gruppen die schwere Kiste auf den Boden fallen. Ihr Scharnier sprang auf und unter ihrem Deckel kamen die glänzenden Waffen zum Vorschein: Phaser der neusten Generation, 2 Kilogramm schwer, batterie-betrieben, Reichweite des Lasers über 100 Meter.

„Keine Gnade?“ fragte Harald, der vor dem Rest der Buchhaltung stand.

„Keine Gnade!“ antwortete Werner.

Dann begann sich jeder zu bewaffnen. Langsam gingen die beiden Mannschaften aneinander vorüber, während sich jeder eine der Waffen griff, herausfordernde Blicke heizten die Spannung weiter an. Es schien Ewigkeiten zu dauern bis jeder sich bewaffnet hatte und alle die dazu gehörigen schweren Westen übergestreift hatte.

„Na, dann fehlt ja nur noch eins…“

„Moment! Seit ihr sicher, dass der Chef weg ist?“ fragte Harald zur Sicherheit noch einmal nach.

„Na sicher. Ihr müßt keine Angst haben, dass er sieht wie wir euch massakrieren.“

Harald lachte. „Das werdet ihr uns zeigen müssen…“ lachte er und brachte seinen Phaser in den Anschlag.

In diesem Moment erlosch schlagartig das Licht in der Halle. Es knisterte in der Lautsprecheranlage und dann begannen die ersten Riffs eines Metallica-Songs durch die Halle zu dröhnen.

„Ach, Scheiße! Wer hat jetzt schon wieder Metallica aufgelegt,“ rief Antoinette aus.

In diesem Moment traf sie ein Laserstrahl und ihre High-Tech-Weste begann in farbigen Lichtern zu explodieren, als die darin eingearbeiteten LEDs aufflammten.

„First Kill!“ schrie jemand in der Dunkelheit. „First Kill!“

„Du Arsch!“ schrie Antoinette. „Wir haben doch noch nicht einmal richtig angefangen…“ Doch ihr Ausruf ging im Kampfeslärm um sie herum unter, während Laserfeuer um sie herumzuckte, Männer und Frauen zwischen den Deckungen hin- und hersprangen und sich dabei Befehle zuriefen.

„Ich hasse Lasertag!“ sagte Antoinette zu sich selber. Im Lärm der Musik und des Gefechtes konnte sie sowieso niemand anderes hören. Sie legte sich auf den Boden, wie es die Regeln verlangten und ihr Hände umklammerten dabei fest ihre Waffe. Sicher war es Norbert aus der Lohnabteilung gewesen, der sie abgeschossen hatte. Er hatte es ja immer auf sie abgesehen. Dafür würde er bezahlen, schwor sie sich selber, während sie zusah wie um sie herum das farbige Lichter der Laser durch das Gebäude tanzten, das einmal eine Lagerhalle gewesen war. Jetzt gab es keine Kollegen mehr, es gab nur noch Kämpfer. Antoinette biß auf ihre Lippe, wischte sich den Schweiß ihrer Hände ab und faßte ihre Waffe noch fester, während sie sich eine Strategie überlegte, um in die Stellung des Gegners einzudringen und den Kampf mit ihrem Erzfeind zu suchen.

Ein Grinsen der Vorfreude breitete sich in ihrem Gesicht aus.

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